Die schräge Krimireihe „Nord bei Nordwest“ ist Kult. Doch Hauptdarsteller Hinnerk Schönemann ist vom Rummel um seine Person oft überwältigt, wie er im Interview verrät.
Hinnerk Schönemann im Interview„Bekannt zu sein, fühlt sich absurd an“

Seit 2014 ermittelt Hinnerk Schönemann als Tierarzt Hauke in „Nord bei Nordwest“. Die Krimireihe beschert der ARD regelmäßig Traumquoten, wie sie sonst allenfalls der „Tatort“ erreicht. Das Erfolgsrezept: skurriler Humor und ein immer wieder überraschendes Spiel mit den Genres. (Bild: Gordon Timpen)
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Ein Tierarzt, der in einem kleinen Dorf an der Ostsee Kriminalfälle löst - das klingt erst mal wenig aufregend. Das dachte sich auch Schauspieler Hinnerk Schönemann, als man ihm vor vielen Jahren die Hauptrolle in der Krimireihe „Nord bei Nordwest“ anbot. Schnell ließ er sich überzeugen - genau wie die Zuschauer. Längst zählt die skurrile Krimireihe zu den erfolgreichsten der ARD. Auch in Italien, Portugal und Asien ist sie ein Quotenhit. Nun gibt es ein Jubiläum zu feiern: Am Donnerstag, 27. August (20.15, ARD) geht der 30. Fall „Nord bei Nordwest: Das dritte Grab“ auf Sendung. In der Woche darauf folgt mit „Nord bei Nordwest: Bei Einbruch Mord“ ( Donnerstag, 3. September, 20.15) eine weitere neue Episode. Im Interview erinnert sich Hinnerk Schönemann an den Beginn der Reihe und an seine frühen Hollywood-Ambitionen - samt misslungenem Casting mit Tarantino. Außerdem spricht der 51-Jährige über die große Zuneigung der Krimi-Fans und erklärt, warum er privat ganz gezielt die Stille sucht.
teleschau: Herr Schönemann, 2014 ging der erste „Nord bei Nordwest“-Krimi auf Sendung. Erinnern Sie sich, was Sie gedacht haben, als Sie erfuhren, dass Sie einen Tierarzt spielen sollen, der Kriminalfälle an der Ostsee löst?

Die Zuschauer lieben nicht zuletzt nicht das Knistern zwischen den drei Protagonisten. Ob jemals mehr zwischen Hauke (Hinnerk Schönemann) und einer der Frauen in seinem Leben, Hannah (Jana Klinge, links) und Jule (Marleen Lohse), laufen wird? „Ich kann mir kein Liebes-Happy-End für Hauke vorstellen“, so Schönemann im Interview (Bild: NDR/ARD/Sandra Hoever)
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Hinnerk Schönemann: Meine erste Reaktion war: „Ich habe gar keine Lust auf Hasen retten!“ (lacht). Aber das war ganz schnell vom Tisch, als ich das Konzept von Autor Holger Karsten Schmidt gesehen habe. Sowohl mit ihm als auch mit der Produzentin Claudia Schröder hatte ich bereits eine klasse Reihe (“Finn Zehender“, d. Red.) gedreht. Also habe ich natürlich ja gesagt - und dieses Ja hat sich damals schon gut angefühlt. Dass die Reihe allerdings so erfolgreich werden würde, hätte ich niemals für möglich gehalten. „Nord bei Nordwest“ hat uns in Sphären katapultiert, die ich bis heute gar nicht glauben kann.
teleschau: Mit „Nord bei Nordwest“ nahm Ihre Karriere noch einmal so richtig Fahrt auf. Wird Ihnen der Rummel heute manchmal zu viel?
Schönemann: Bekannt zu sein, fühlt sich absurd an. Dass sich die Menschen derart für mich interessieren, daran habe ich mich immer noch nicht gewöhnt. Einerseits ist es natürlich toll, wenn mich die Leute erkennen und sich freuen, mich zu sehen. Andererseits denke mir immer: Ich bin doch ein ganz normaler Mensch! Meine Kollegin Marleen Lohse wurde sogar in Italien sofort erkannt, wo die Reihe extrem erfolgreich läuft.
teleschau: Gibt es für Sie ein No-Go für Sie in solchen Situationen?

Die Drehorte von „Nord bei Nordwest“, unter anderem auf Fehmarn, sind inzwischen fast so etwas wie Pilgerorte für die Fans. Das macht die Arbeit für die Schauspieler (von links: Jana Klinge, Hinnerk Schönemann, Marleen Lohse) manchmal schwierig: „Ich muss zum Drehort gefahren werden, sonst würde ich nicht ankommen“, verrät Hinnerk Schönemann. (Bild: NDR/Gordon Timpen)
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Schönemann: Solange die Leute freundlich bleiben, ist es in Ordnung für mich, erkannt zu werden. Jeder bekommt ein Foto, jeder kann ein Autogramm haben. Es sei denn, ich bin mit meiner Familie unterwegs.
„Ich muss zum Drehort gefahren werden, sonst würde ich nicht ankommen“
teleschau: Inzwischen sind die Drehorte von „Nord bei Nordwest“, unter anderem auf Fehmarn und in Travemünde, fast so etwas wie Pilgerorte für Fans. Wie bekommen Sie das beim Drehen zu spüren?

Auf dem Roten Teppich sieht man Hinnerk Schönemann eher selten. Der Schauspieler liebt Stille und meidet Partys. „Bei Smalltalk komme ich schnell an meine Grenzen“, so Schönemann im Interview. (Bild: 2019 Getty Images/Joshua Sammer)
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Schönemann: Im Hafen von Fehmarn liegen 150 Meter zwischen der Basis, wo wir Schauspieler uns fertig machen und dem Boot. Wenn ich an Bord will, kann ich die 150 Meter nicht einfach laufen. Ich muss zum Drehort gefahren werden, sonst würde ich nicht dort ankommen. Dort stehen viele Menschen, die Fotos und Autogramme wollen. Das ist toll, jeder ist wohlwollend. Aber wenn ich pünktlich beim Dreh sein will, funktioniert das einfach nicht. Und je länger die Reihe auf Sendung ist, desto extremer ist das geworden.
teleschau: Was in der Reihe selbst gleichgeblieben ist: Als Hauke stehen Sie zwischen zwei Frauen, der Polizistin Hannah Wagner und der Tierarzthelferin Jule Christiansen. Hauke siezt die beiden Frauen, die ihm am nächsten sind. Viele Fans fragen sich: Warum eigentlich?
Schönemann: In einem Film haben wir es mal mit dem „Du“ probiert. Das hat nicht funktioniert. Plötzlich war die Spannung raus. Also haben wir das ganz schnell wieder zurückgenommen. Ein wenig Abstand zwischen den Hauke und den Frauen macht erst den Reiz aus. Damit spielen wir auch oft.
„Ich kann mir kein Liebes-Happy-End für Hauke vorstellen“

Im Beruf hat der 1974 geborene Schauspieler alles erreicht. Privat hat er sich seinen Traum vom Landleben erfüllt: Hinnerk Schönemann lebt mit seiner Familie auf einem Hof in Mecklenburg-Vorpommern, wo er Heu macht und sich um seine zahlreichen Tiere kümmert. (Bild: 2017 Getty Images/Christian Marquardt)
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teleschau: In der neuen Episode „Das dritte Grab“ landet Hauke mit beiden Damen sogar im Bett - wenn auch nur im Traum. Was müsste passieren, damit Hauke sich für eine von beiden Frauen entscheidet?
Schönemann: Da müsste Hinnerk die Lust an der Reihe verloren haben und sagen: „Lasst uns endlich dieses oder jenes Pärchen zusammenbringen - und Schluss!!“ (lacht) Nein, im Ernst. Ich kann mir kein Liebes-Happy-End für Hauke vorstellen. Vor allem, weil ich mich auf all das freue, was sich die Autoren für die kommenden Filme ausgedacht haben. Gerade das Knistern zwischen diesem Trio wollen wir immer wieder neu erfinden. Darauf können sich auch die Zuschauer freuen. Denn so viel kann ich sagen: Wer glaubt, nach 30 Filmen alles gesehen zu haben, der irrt sich (lacht).
teleschau: Sie führen inzwischen auch häufig Regie bei der Krimireihe und sagten mal, die Idee sei „aus reiner Wut“ geboren. Wie meinten Sie das?

Der 30. Fall beginnt mit einem bizarren Leichenfund: Friedhofsverwalter Dirk Eilers (Arnd Klawitter, links) ist so schockiert wie Hannah Wagner (Jana Klinge) und Hauke Jacobs (Hinnerk Schönemann), nachdem in einem frisch ausgehobenen Grab der Sarg und die Leiche eines anderen gefunden wurden. (Bild: NDR/Gordon Timpen)
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Schönemann: Ich hatte ja das Glück, schon mit vielen Regisseuren zu drehen und viel von ihnen zu lernen. Und da weiß man als Schauspieler irgendwann schon sehr gut, was funktioniert und was nicht. Entsprechend habe ich mich schon geärgert, wenn jemand einmal nicht liebevoll mit einem Thema oder mit den Figuren umgegangen ist.
„In den letzten Jahren hat sich an den Sets viel geändert“
teleschau: Oder nicht liebevoll mit den Menschen? Zu vielen Filmen kursieren entsprechende Geschichten, dass der Regisseur am Set gefürchtet war.
Schönemann: In den letzten Jahren hat sich an den Sets viel geändert. Schauspiel und Filmdrehs sind sehr respektvoll geworden. In den 80-ern und 90-ern waren solche Geschichten über Egoisten und ihre Ausfälle am Set schon fast alltäglich. Und auch später gab es diejenigen, die andere kleinmachen, noch. Inzwischen sind Machos praktisch von den Sets verschwunden. In meinen Reihen erlebe ich solche Ausfälle jedenfalls nicht. Wenn das passieren würde, würde ich ein Veto einlegen. Auch die Produktion würde ein Veto einlegen. Filme machen ist absolute Teamarbeit geworden. So wie sich glücklicherweise in vielen Branchen etwas tut, im respektvollen Miteinander.

Im 31. Fall kommt ein Mann bei einem Einbruch in seine Villa zu Tode. Hauke (Hinnerk Schönemann) und Hannah (Jana Klinge) nehmen seine Witwe ins Visier. Diese hat mehr als nur ein Geheimnis, wie sich schnell herausstellt. (Bild: NDR/ARD/Sandra Hoever)
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teleschau: Wo können Sie Ihre Kreativität eher austoben: Vor oder hinter der Kamera?
Schönemann: Das geht beides. Und manchmal vermische ich beides. Ich liebe es, vor der Kamera verrückte Sachen zu machen. Und ab und zu gehe ich auch als Schauspieler mal zu einem Kollegen hinter der Kamera und frage: „Können wir das mal so ausprobieren, ohne es den anderen zu sagen?“ Aber als Regisseur hat man natürlich eine viel größere Bandbreite an Möglichkeiten, Dinge mitzugestalten. In technischen Dingen lasse ich mich gerne beraten, ich habe das ja nicht studiert. Mit dem Regieführen ist so was wie ein langgehegter Traum wahrgeworden. Und wenn man etwas liebt, dann lernt man das auch leicht. Und schnell.
„Mit Tarantino und mir, das hat leider nicht geklappt“

Die Eifersucht wegen Hahn im Korb Hauke (Hinnerk Schönemann) kann der Freundschaft von Hannah (Jana Klinge, links) und Jule (Marleen Lohse) nicht ernsthaft etwas anhaben. Das Schwanitzer Trio weiß, was es aneinander hat. (Bild: NDR/ARD/Sandra Hoever)
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teleschau: Ein Traum ist noch offen: Der von der Hollywoodkarriere. Dabei waren Sie vor Jahren ganz nah dran, in einem Tarantino-Film mitzuspielen. Wie war das damals?
Schönemann: Mit Tarantino und mir, das hat leider nicht geklappt. Ich bin für ein Casting zu ihm gefahren. Sagen wir mal so: Es gab Missverständnisse beim Text (lacht). Aber danach haben wir uns die Hand gegeben und die Sache war gegessen. Allerdings hatte ich einige Monate später (2012, d. Red.) tatsächlich die Chance, in einer großen Hollywoodproduktion mitzuwirken: Ich habe ein paar Tage mit Steven Spielberg gedreht. Der Film hieß „Die Gefährten“, und ich spielte einen Soldaten.
teleschau: Was konnten Sie aus den Dreharbeiten für sich mitnehmen?
Schönemann: Steven Spielberg ist zu Recht ein lebende Legende. Zugleich gibt er sich absolut nahbar, ist respektvoll gegenüber jedermann. Auch seine Arbeitsweise hat mich sehr beeindruckt: Er taucht kurzzeitig gemeinsam mit dem Schauspieler in die Figur ein und holt so das Maximum aus einem heraus. Das war eine ganz besondere Erfahrung. Danach war mir aber auch klar: Der Traum von Hollywood ist für mich abgehakt. So beeindruckend und riesig die Produktionen dort auch sind - auch dort kocht man nur mit Wasser.
„Bei Smalltalk komme ich schnell an meine Grenzen“

Auch in den neuen Folgen an Haukes (Hinnerk Schönemann) Seite: Hund Holly. Mittlerweile spielen die beiden sogar „Mensch Ärgere Dich Nicht“ zusammen - und Holly weiß nicht nur, wie man würfelt, sondern auch, wie man sein Herrchen besiegt. (Bild: NDR/ARD/Sandra Hoever)
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teleschau: Privat haben sich Ihren großen Traum schon erfüllt: den vom Landleben. Sie leben einem winzigen Dorf, auf einem Hof, den Sie auch selbst bewirtschaften. Kommt das Landleben Ihrem Wunsch nach dem Alleinsein entgegen?
Schönemann: Es ist nicht so, dass ich die Menschen nicht mag. Ich mag Stille. Und ich brauche oft Stille. Selbst wenn ich mit der Familie unterwegs bin, bin ich gern ruhig. Deshalb meide ich auch Partys. Bei Smalltalk komme ich schnell an meine Grenzen. Ich habe das einfach nie gelernt. Im Job ist es anders. Beim Filme machen kann man gar nicht genug Leute um sich haben. Was mir schwerfällt ist, wenn ich privat mit mehr als zwei Leuten zusammen bin.
teleschau: Da muss die Teilnahme an der Sendung „Tietjen campt!“ eine echte Herausforderung gewesen sein ...
Schönemann: Am Anfang hatte ich tatsächlich Zweifel und habe gedacht: „Worauf habe ich mich da eingelassen?“. Mit fremden Menschen so eng aufeinanderzuhocken, ist ja eigentlich nichts für mich. Und mit Campen hatte ich so gar nichts am Hut. Dann habe ich es einfach ausprobiert und überrascht festgestellt, dass mir das richtig Spaß macht. So sehr, dass ich mir danach selber einen Camper besorgt habe.
„Einfach rein in den Camper und losfahren“
teleschau: Und zwar einen ganz besonderen: Ihr Camper ist oder war ein Justizfahrzeug - mit ehemals Zellen für den Gefangenentransport und Platz für mehr als ein Dutzend Mann darin. Wie kommt man auf so eine Idee?
Schönemann: Ich wollte mir ein Fahrzeug selber umbauen und war auf der Suche nach einer ganz bestimmten Form. Gefunden habe ich sie durch Zufall in einem Justizfahrzeug. Ich habe keine Berührungsängste, nur weil da ein paar Knackis drin waren. Und es sieht toll aus, weil es immer noch die kleinen Fensterchen hat. (lacht)
teleschau: Gibt es ein Traumziel, wo Sie unbedingt mal campen wollen?
Schönemann: Das Ziel ist mir nicht wichtig. Einfach rein in den Camper und losfahren - das macht glücklich. Sobald ich mit meiner Familie das Dorf verlasse, beginnt für mich der Urlaub. (tsch)