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Hits vor 30 JahrenErinnern Sie sich noch an die 11 größten Hits des Jahres 1996?

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Sister Bliss und Maxi Jazz von Faithless.

Sister Bliss und Maxi Jazz von Faithless brachten mit „Insomnia“ einen der größten und einflussreichsten Hits des Jahres. (Archivbild)

Von den Fugees bis Mr. President: Diese elf Lieder waren vor 30 Jahren in Deutschland extrem beliebt. Erinnern Sie sich an alle?

Das Jahr 1996 hatte es in sich: Der größte europäische Börsengang der Deutschen Telekom machte aus Deutschland für kurze Zeit ein Land voller Hobby-Broker, die wahlweise vor BSE zitterten oder bei der siegreichen Fußball-EM weinend in den Armen lagen. Klonschaf Dolly blökte zum ersten Mal, und das noch junge Internet meldete sich mit dem Charme eines kreischenden Modems im Alltag an.

Der passende Soundtrack dazu war eine Charts-Landschaft, die ungefähr so stabil war wie ein CD-Wechsler auf Kopfsteinpflaster: viel Pop, viel gute Laune und ständig neue Ohrwürmer. Die MTV- und VIVA-Generation trieb Hip-Hop, R&B und Dance nach vorn und machte den Sound des Jahres tanzbar und schweißtreibend. Wir erinnern an elf der größten Hymnen des Jahres 1996.

Everything But The Girl – „Missing“

Von wegen gute Laune. Der melancholische Song „Missing“ entstand im Jahr 1991 nach einer lebensgefährlichen Erkrankung des Musikers Ben Watt und verarbeitet die schmerzhafte Sehnsucht nach einem verloren gegangenen Menschen. Bei der ersten Veröffentlichung im Jahr 1994 als langsame, gitarrenlastige Pop-Ballade blieb der kommerzielle Erfolg für das Duo jedoch zunächst völlig aus. Erst die Idee, das Masterband dem New Yorker DJ Todd Terry zu übergeben, brachte die entscheidende Wende für den übersehenen Titel.

Sein treibender House-Remix transformierte das traurige Stück in eine der prägendsten und erfolgreichsten Club-Hymnen der 1990er-Jahre. Durch diesen neuen, tanzbaren Sound entwickelte sich das Lied im Jahr 1996 weltweit zu einem überraschenden Radio- und Charterfolg. In Deutschland erreichte das Duo sogar Platz eins, während sie in Großbritannien und den USA „nur“ Platz drei und zwei erreichten. Während sie in ihrer britischen Heimat etliche Hits hatten, sollte es in Deutschland und den USA dabei bleiben.


Spice Girls – „Wannabe“

Im Sommer 1996 erschütterte eine fünfköpfige britische Girlgroup mit ihrer Debütsingle die Musikwelt und leitete eine völlig neue Ära des Pop ein. Mit der energiegeladenen Hymne und dem unvergesslichen Slogan „Girl Power“ stürmten Melanie Brown (Scary Spice), Melanie Chisholm (Sporty Spice), Emma Bunton (Baby Spice), Geri Halliwell (Ginger Spice) und Victoria Beckham (Posh Spice) in über dreißig Ländern binnen kürzester Zeit an die absolute Spitze der Charts.

Der extrem eingängige Mix aus Dance-Pop, Rap-Einlagen und unbeschwerter Frechheit traf präzise den Nerv der damaligen Jugendkultur. Unterstützt wurde dieser gigantische Erfolg durch ein ikonisches, in einem Londoner Hotel gedrehtes Musikvideo, das in Dauerschleife auf den Musiksendern lief. Das Stück machte die Bandmitglieder praktisch über Nacht zu globalen Superstars und bleibt bis heute eines der erfolgreichsten und prägendsten Debüts der Popgeschichte.


No Mercy – „Where Do You Go“

Hinter diesem Dancefloor-Hit steckte die Handschrift des deutschen Erfolgsproduzenten Frank Farian. Das von ihm formierte Trio No Mercy, das aus drei in Miami lebenden Sängern bestand, vereinte für den Song Eurodance-Beats mit spanischen Flamenco-Gitarren. Diese Kombination entwickelte sich im Sommer 1996 zu einem weltweiten Hit und stürmte in zahlreichen Ländern die Top Ten, darunter sogar die hart umkämpften US-Single-Charts.

Ursprünglich war der Song ein Jahr zuvor von einem anderen Farian-Projekt namens La Bouche („Be My Lover”) aufgenommen worden, doch erst im Latin-Pop-Gewand von No Mercy gelang damit ein Hit. Das einstige Trio ist mittlerweile eine One-Man-Show. Nur noch Marty Cintron tritt unter diesem Namen bis heute vor allen Dingen in den USA auf.


Mr. President – „Coco Jamboo“

Wer an den Sommer 1996 zurückdenkt, dem kommt unweigerlich diese Melodie des Bremer Projekts Mr. President in den Sinn. Das Rezept war typisch für die 1990er-Jahre: Ein Reggae-Beat trifft auf den Kontrast zwischen tiefen Rap-Strophen und einer hellen Gesangsstimme im Refrain.

Für das passende Urlaubsfeeling sorgte das kostspielige Musikvideo, das Regisseur John Buche an den Küsten von Carúpano in Venezuela drehte. Neben den Sandstränden der Playa Medina wurden auch Szenen des traditionellen lokalen Karnevals in den Clip eingebaut. Das visuelle Konzept ging auf. Das Video lief auf den Musiksendern in Dauerschleife, der Song stürmte weltweit die Top Ten und erreichte sogar die US-Top 30. Ein Jahr später folgte mit „Jojo Action” ein ähnlicher, ebenfalls erfolgreicher Sommerhit.


Michael Jackson – „They Don't Care About Us“

Mit diesem Song setzte der „King of Pop“ im Jahr 1996 ein radikales politisches Statement, das jedoch von einer schweren Kontroverse überschattet wurde. Michael Jackson wurde vorgeworfen, in zwei Textzeilen antisemitische Stereotype zu verwenden. Obwohl er die Vorwürfe vehement bestritt und den Text für spätere Pressungen umschrieb, weigerten sich viele US-Radiosender, das Lied zu spielen. Die Folge war ein kommerzieller Flop in seinem Heimatmarkt, wo der Titel in den Billboard Hot 100 nicht über Platz 30 hinauskam.

In Europa hingegen stürmte die Hymne gegen soziale Ungerechtigkeit an die absolute Spitze der Charts. Unvergesslich bleibt das Musikvideo von Regisseur Spike Lee, das unter extremen Sicherheitsvorkehrungen in der Favela Santa Marta in Rio de Janeiro gedreht wurde. Nach dem Dreh unterstützte Jackson das Viertel finanziell. Am Drehort des Videos steht heute eine Bronzestatue des Sängers. Nicht unerwähnt bleiben dürfen auch die wuchtigen Trommelklänge der afro-brasilianischen Percussion-Gruppe Olodum, die den Clip besonders eindringlich machten.


The Kelly Family – „I Can't Help Myself (I Love You, I Want You)“

Mit dieser Pop-Ballade landete die Kelly Family ihren einzigen Nummer-eins-Hit in Deutschland. Geschrieben und gesungen wurde das emotionale Stück vom damals erst 14-jährigen Angelo Kelly, der darin seine tiefe Verliebtheit in seine Jugendliebe und spätere Ehefrau Kira Harms verarbeitete. Die Veröffentlichung löste eine regelrechte Hysterie aus, brachte für den Teenager jedoch auch eine schmerzhafte Erfahrung mit der Musikpresse mit sich.

Das damals führende Jugendmagazin „Bravo“ verfälschte die Geschichte hinter dem Song komplett und druckte ab, das Lied sei für Angelos Vater geschrieben worden. Der Grund für diese bewusste Falschmeldung der Redaktion war rein kommerzieller Natur: Man befürchtete, die weiblichen Fans zu verschrecken, wenn bekannt würde, dass der jüngste Kelly-Spross bereits fest vergeben war.


Fools Garden – „Lemon Tree“

Die Geburtsstunde dieses Nummer-eins-Hits schlug an einem trägen Sonntagnachmittag, als Sänger Peter Freudenthaler vergeblich auf seine Freundin wartete und die lähmende Langeweile am Klavier in Musik verwandelte. Nach der Veröffentlichung Ende 1995 entwickelte sich die Kreuzung aus Zirkusmelodie und 1960er-Jahre-Bubblegum-Pop im Folgejahr zu einem weltweiten Phänomen.

Der Song stürmte unter anderem in Deutschland, Österreich, Irland und Schweden an die Spitze der Charts und feierte sogar in Taiwan einen Nummer-eins-Erfolg. Der besungene Zitronenbaum gehörte zu den ultimativen Ohrwürmern des Jahres 1996, war für die Band aber Segen und Fluch zugleich: Zwar hatten sie danach noch ein paar kleinere Hits, aber nie wieder einen so großen. Dennoch gibt es die Band bis heute, und für 2026 sind wieder Konzerte angesetzt.


Faithless – „Insomnia“

Wem „Lemon Tree“ zu klebrig war, der fand im Jahr 1996 in diesem Track das perfekte, düstere Gegenmittel. Die britische Formation Faithless schuf mit dem Stück eine der einflussreichsten Hymnen der elektronischen Musikgeschichte, die die Brücke vom Club-Underground direkt in den Mainstream schlug.

Das Herzstück der Nummer ist ein packendes, hypnotisches Synthesizer-Riff von Rollo und Sister Bliss, kombiniert mit den markanten, fast geflüsterten Sprechgesang-Strophen des 2022 verstorbenen Rappers Maxi Jazz. Seine Zeilen über die quälende Schlaflosigkeit in einer heißen Sommernacht fingen das Lebensgefühl einer ganzen Generation von Clubgängern perfekt ein. Bis heute gilt vor allen Dingen das epische Break vor dem einsetzenden Beat als einer der größten Gänsehaut-Momente auf den Tanzflächen weltweit.


Los del Río – „Macarena“

Wer „Lemon Tree“ in Dauerschleife überstanden hatte, dürfte spätestens bei diesem Ohrwurm in den Wahnsinn getrieben worden sein. Fest steht: „Macarena” löste im Sommer 1996 eine der größten Tanzwellen der Musikgeschichte aus. Das spanische Flamenco-Pop-Duo Los del Río hatte das Stück zwar schon früher veröffentlicht, doch erst der clubtaugliche Remix der Bayside Boys zündete global. Gekoppelt mit einer extrem einfachen Choreografie wurde der Titel zum absoluten Phänomen, der noch Jahre später so manche Party aufmischte.

In den USA stürmte die Single 14 Wochen lang auf Platz eins der Billboard Hot 100 und brach damit alle Rekorde für fremdsprachige Lieder. Ein Blick auf Spotify verrät, dass das One-Hit-Wonder auch im Streamingzeitalter sehr erfolgreich ist: Rechnet man die verschiedenen Versionen zusammen, kommt man auf über 500 Millionen Plays. Und die beiden Musiker, die beide fast 80 Jahre alt sind, treten immer noch als Duo international auf.


Robert Miles – „Children“

Der italienische DJ und Produzent Robert Miles alias Roberto Concina schuf mit dem Instrumentalstück die Geburtsstunde des Dream-Trance-Genres, das durch schwebende Klaviermelodien auf einem klassischen Viervierteltakt geprägt ist. Die Entstehung war eine direkte Reaktion auf ein ernstes gesellschaftliches Problem in Italien: Die aufkommende Rave-Kultur führte zu einer Welle tödlicher Autounfälle am Wochenende, weil Jugendliche übermüdet und berauscht von den Tanzflächen heimfuhren – ein Phänomen, das in den Medien als „strage del sabato sera“ (Samstagnacht-Schlachtung) betitelt wurde.

Um dem entgegenzuwirken, spielten DJs wie Miles am Ende ihrer Sets bewusst langsamere, beruhigende Musik, um die aufgeputschten Clubber für den Heimweg herunterzuholen. Das musikalische Sicherheitskonzept ging auch kommerziell voll auf: Die Single stürmte in mehr als einem Dutzend Ländern an die absolute Spitze der Charts und wurde zu einem der prägendsten elektronischen Meilensteine der 1990er-Jahre.


Fugees – „Killing Me Softly (With His Song)“

Mit diesem Cover gelang dem R&B- und Hip-Hop-Trio im Sommer 1996 der endgültige weltweite Durchbruch. Was die wenigsten wissen: Schon die weltbekannte Version von Roberta Flack aus den 1970er-Jahren war nicht das eigentliche Original – die Urversion stammt von der US-Sängerin Lori Lieberman, deren Aufnahme heute kaum noch jemand kennt. Das dürfte auch für den Hintergrund des Liedes gelten.

Inspiriert wurde das Lied 1971 bei einem Konzert von Don McLean im Club Troubadour in Los Angeles – Lieberman war von seinem Song „Empty Chairs“ so tief bewegt, dass sie ihre Eindrücke auf einer Serviette notierte. Daraus formten Norman Gimbel den Text und Charles Fox die Musik.

Mit ihrer Version standen die Fugees schließlich neun Wochen auf Platz eins in Deutschland. Ihr Erfolgsgeheimnis lag in der Kombination aus einem harten Hip-Hop-Beat, den prägnanten Zwischenrufen von Wyclef Jean und Pras Michel sowie der überragenden, gefühlvollen Gesangsleistung von Lauryn Hill. Die Single wurde zu einem der meistverkauften Songs des Jahrzehnts und prägte den Sound des zeitgenössischen R&B in den späten 1990er-Jahren maßgeblich.