Beim ZDF-Drama „Das verschwundene Kind“ (Montag, 19. Oktober, ZDF, 20.15 Uhr und schon jetzt im Stream) handelt es sich nicht um einen klassischen Krimi, auch wenn der Titel Elemente davon - nicht zu Unrecht - verspricht. Spannend am mit Julia Koschitz, Anna Schudt, Hans Löw und Mark Waschke starbesetzten Film, ist seine Grundidee: Zwei Familien leben auf einem abgelegenen Bauernhof im Wendland wie eine. Dann plötzlich verschwindet Mark Waschkes Filmsohn - ein sogenanntes „schwieriges Kind“. Im Interview spricht der Berliner „Tatort“-Kommissar über alternative Lebensmodelle und was sie für ihn bedeuten. Und er macht sich Gedanken darüber, wie sich unsere Gesellschaft verändern müsste, damit wir alle glücklicher leben.
teleschau: „Das verschwundene Kind“ spielt in einer besonderen, eher einsamen Gegend Deutschlands. Im Wendland an der Elbe. Haben Sie auch dort gelebt während des Drehs?
Mark Waschke: Ja, dort in der Nähe. Der Hof, auf dem das Ganze spielt, wurde vermietet von Leuten, die dort sonst selbst leben. Die meisten Szenen spielen da und in der umliegenden Natur an der Elbe. Diese wilde und doch auch urbar gemachte Landschaft und ihre Erscheinungen schwingen zusammen mit der Handlung des Films: ein breiter Fluss, der sich in vielen Biegungen durchs Land mäandert. So wie die beiden Familien, die zusammen auf diesem Hof leben, versuchen, sich mit- und manchmal auch gegeneinander durchs Leben zu schlagen.
teleschau: Der Film beruht auf dem Bestseller „Unter Wasser Nacht“ von Kristina Hauff. Die Handlung wurde jedoch deutlich verändert. Haben Sie das Buch dennoch gelesen?

Die Hofgemeinschaft sucht Aaron, von links: Jella (Cäcilia Kircher), ihr Vater Bodo (Hans Löw), Thies (Mark Waschke), Inga (Anna Schudt), deren Sohn Lasse Herzog (Jona Lewin Nicolai) und Sophie (Julia Koschitz), die Mutter des Verschwundenen. (Bild: ZDF/Andrea Kueppers)
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Waschke: Ich habe mich nur mit dem Drehbuch beschäftigt, da unsere Geschichte sich in ganz andere Richtungen ausstreckt. Was ich an der Geschichte sehr mag, ist die offene Atmosphäre. Als Zuschauender versucht man Schritt für Schritt zu ergründen, in welche Richtung und mit welcher Vorgeschichte sich die Beziehungen der beiden erwachsenen Paare und ihrer Kinder entwickelt. Wie ist es, wie war es wirklich? Es geht um Menschen, die aus zwei Familien kommen und sich entschieden haben, wie eine Familie zusammenzuleben - und die Vergangenheit erinnert jeder anders.
„Und doch ist es wie überall: Alle meinen es gut!“
teleschau: Erzählt wird von einem Lebensmodell abseits der normalen Kleinfamilie. Zwei Paare leben mit ihren Kindern auf einem Hof. Die Kinder werden alle wie Geschwister behandelt. Könnten Sie etwas mit dieser Lebensform anfangen?
Waschke: Ich finde es sehr berührend, wenn Menschen ungewöhnliche oder besser gesagt unübliche Lebensformen ausprobieren. Jede Generation will vieles ja anders machen als ihre Eltern. Ein solches Lebensmodell wie das im Film geschilderte auf dem Land oder besser in der Provinz durchzuziehen, ist natürlich noch mal eine ganz andere Herausforderung als wenn man in einem hippen Szeneviertel in Berlin lebt. Man ist ja in allerlei gesellschaftliche Strukturen im Job oder in der Schule eingebunden. Dort kollidiert dann die eigene Utopie mit der sogenannten Realität. Und doch ist es wie überall: Alle meinen es gut! Es gibt hier keine dunklen Geheimnisse, sondern nur solche, die man versäumt hat, rechtzeitig miteinander zu teilen. Alle wollen nur das Beste für sich und die anderen. Ich denke, dass die meisten Menschen so ticken - eigentlich alle. Alle meinen es gut - sogar die, die wir gemeinhin als böse bezeichnen. Gut und böse, richtig und falsch - das ist immer eine Frage der Perspektive.
teleschau: Sie sind Jahrgang 1972. Wo sehen Sie die größten Unterschiede zwischen Ihrer und der Generation Ihrer Eltern?
Waschke: Ein sehr großer Unterschied ist auf jeden Fall, dass in der Generation meiner Eltern wenig oder gar nicht über Gefühle geredet wurde. Vor allem die Männer und Väter hatten es ja gar nicht gelernt. Sie hatten keine Worte dafür und auch kein Vorbild in ihren Vätern gehabt, die ihnen das vorgelebt hätten. Sie verbrachten natürlich auch viel weniger Zeit mit ihren Kindern, als es heute üblich ist.

Aaron, der zwölfjährige Sohn von Sophie (Julia Koschitz, rechts), ist verschwunden. Mit ihren Männern und drei Kindern leben sie und Inga (Anna Schudt) wie eine Familie auf einem Hof im Wendland. Der ZDF-Film „Das verschwundene Kind“ entstand nach Motiven des Romans „Unter Wasser Nacht“ von Kristina Hauff. (Bild: ZDF/Andrea Kueppers)
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teleschau: Der Film verhandelt noch ein anderes Thema, nämlich Kinder als Systemsprenger. Es geht um einen Jungen, der überall mit seinem aggressiven Verhalten aneckt. Haben Sie Erfahrungen mit diesem Problem?
Waschke: Als Kind und Jugendlicher hatte ich durchaus einige Probleme bei dem Prozess, mich in der Schule und auch in der Gesellschaft so zu verhalten, dass ich nicht auffalle. Niemand möchte ein Außenseiter sein. Wer das von sich behauptet, tut es nur aus Trotz. Gefühle von Entfremdung und Vereinzelung prägen einen fürs gesamte Leben. Andererseits formt und entwickelt man auch die eigene Persönlichkeit, indem man Widerstände spürt, auf die man stößt. Unser Schulsystem ist nicht ausgelegt für diejenigen, die ein bisschen langsamer oder schneller sind, und auch nicht für die mit einer besonderen oder speziellen Auffassungsgabe. Das Lernen in diesem schon von der Sitzordnung her preußisch und militärisch geprägten System bereitet aufs Funktionieren vor und erzieht die Menschen nicht dazu, die Gesellschaft grundsätzlich infrage zu stellen.
„Wer aussteigt, von dem sieht und hört man nichts mehr“
teleschau: Wenn wir beim System Schule bleiben - wie löst man das Problem des „schwierigen“ Kindes?
Waschke: Das Problem ist, dass es überhaupt als Problem so benannt wird. Was ist denn ein „schwieriges Kind“ ? Eines, das auf dieses Schulsystem nicht vorbereitet ist und das daher überall aneckt? Natürlich hofft man, dass wir alle mit unseren unterschiedlichen Talenten und Herangehensweisen ans Leben das Zusammenleben in der Gesellschaft bereichern. Aber letztendlich wird es dann doch zum Problem: das Anders-sein, das Nicht-mitmachen und das Nicht-funktionieren.

Der zwölfjährige Aaron (Sammy Schrein, vorn) hat in der Schule mal wieder Mist gebaut. Seine Eltern Sophie (Julia Koschitz) und Thies (Mark Waschke) holen ihn ab. (Bild: ZDF/Andrea Kueppers)
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teleschau: Fallen die Unangepassten nur deshalb auf, weil unsere Gesellschaft so gleichförmig ist?
Waschke: Wenn wir immer noch als Jäger und Sammler über Flusswiesen, durch Steppen und Wälder ziehen würden, käme keiner auf die Idee, bestimmte Verhaltensweisen als Krankheiten mit Begriffen wie Autismus oder ADHS zu diagnostizieren. In vorindustriellen Gesellschaften waren alle wichtig und von Bedeutung: die Schüchternen und die Ängstlichen genauso wie die Mutigen, Verrückten und Sprunghaften, genauso wie die Ordentlichen und die von Pflichterfüllung Besessenen.
teleschau: Haben Sie Erfahrung mit alternativen Lebensmodellen?
Waschke: Ich würde nicht von mir behaupten, dass ich je ein besonders konventionelles Lebensmodell verfolgt hätte. Aber wenn Sie die Idee einer Kommune oder einer größeren zusammenlebenden Gruppe meinen, das kenne ich nur von Freunden: Leute aus der Stadt, die zusammen raus aufs Land gezogen sind. Eigentlich so ähnlich wie die beiden Paare im Film. Mich persönlich hat das Rausgehen aus der Gesellschaft nie wirklich interessiert. Ich fand den Begriff „Aussteiger“ auch immer ein bisschen traurig. Wer aussteigt, von dem sieht und hört man nichts mehr und der will von der Gesellschaft nichts mehr wissen - was doch sehr schade ist. Ja, ich finde es aufregend, andere Formen des Zusammenlebens mitten in der herrschenden sogenannten Normalität zu wagen. Oder um Adorno zu paraphrasieren: Lustvoll den leidenschaftlichen Versuch zu unternehmen, ein richtiges Leben im falschen zu führen.
Wie geht es beim Berliner „Tatort“ weiter?
teleschau: Tun Sie das denn?

Die Freunde Inga (Anna Schudt, links), Sophie (Julia Koschitz), Bodo (Hans Löw, zweiter von rechts) und Thies (Mark Waschke) leben gemeinsam mit ihren Kindern auf einem Hof im Wendland. (Bild: ZDF/Andrea Kueppers)
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Waschke: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Das Private ist immer politisch und umgekehrt. Große gesellschaftliche Utopien fangen auch immer im Kleinen an. Während der Pandemie empfand ich es als sehr berührend, wenn ich erlebt habe, dass Menschen einander sehr freundlich und wertschätzend begegnet sind. Zum Beispiel bei mir um die Ecke die Frauen an der Supermarktkasse den Kunden. Umgebung und Mitmenschen wertzuschätzen, einfach anzunehmen und auszuhalten, ist nicht nur ein kleiner Schritt, da passiert wirklich etwas. Und das macht doch etwas mit mir, wenn ich es im Alltag erlebe. Da hat man doch gleich sich selbst mehr Lust darauf, kein Arschloch zu sein.
teleschau: Haben Sie das Gefühl, dass die Generation nach Ihnen eine eigene Utopie hat?
Waschke: Das kann ich nicht beurteilen, aber was ich an der Generation der heute um die 20-Jährigen auf jeden Fall beobachte, ist, dass man sich gegenseitig anders zuhört als wir früher. Auch dass das Bild des dominanten, starken Mannes eine angenehm kleinere Rolle spielt als zu meiner Zeit. Es gibt zwar auch die gegenteilige Entwicklung, aber ich erlebe durchaus viele Menschen, auch in meiner Branche, mit viel größerer emotionaler Intelligenz. Menschen, die sich nicht immer gleich ins Wort fallen, wenn sie sich streiten und es auch aushalten können, wenn jemand mal eine andere Meinung hat. Das ist grundsätzlich erst mal gut. Dem gerade sehr üblichen dystopischen Blick in die Zukunft möchte ich mich nicht unbedingt anschließen. Das Entscheidende, um das es geht, wird die KI nämlich niemals ersetzen können: das Bewusstsein eines Körpers. Darin liegt doch unsere Chance als Menschen: Wie können wir uns begegnen mit unseren Körpern? Das kann schmerzlich sein, aber auch mit viel Lust und Freude verbunden.
teleschau: Apropos Zukunft: Wie geht es mit Ihrem Berliner „Tatort“ weiter?
Waschke: Zunächst mit einem Solofall, also mit mir alleine. Der Film ist bereits abgedreht. Auch dieser „Tatort“ ist wie der letzte Einzelfall von Robert Karow, „Tatort: Das Opfer“, den ich nach dem Weggang von Meret und vor dem ersten Film mit Corinna drehen durfte (Meret Becker und Corinna Harfouch, d. Red.), eine sehr besondere, persönliche Geschichte. Erol Yesilkaya hat wieder das Drehbuch geschrieben und Mira Thiel Regie geführt. Boris Aljinović kehrt darin als ehemaliger Kommissar Felix Stark zurück. Es war eine wunderschöne Arbeit und eine sehr große Freude, mit ihm zusammenzuspielen. Wir kennen uns schon länger und schätzen uns gegenseitig sehr. Der Film soll im Februar 2027 ausgestrahlt werden.
teleschau: Und wie geht es danach weiter? Kennen Sie schon Ihre neue Partnerin oder Ihren Partner beim Berliner „Tatort“?
Waschke: Das ist noch nicht spruchreif.
teleschau: Das heißt, Sie können oder wollen nichts zur Nachfolge Corinna Harfouchs sagen?
Waschke: Sagen wir mal so: Ich sage dazu einfach nichts ... (tsch)
