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Matthias Brandt will wissenWas meinen wir eigentlich, wenn wir von „uns“ sprechen?

Was ist Deutschland? Matthias Brandt will diese Frage in „Terra X: Die Geschichte der Deutschen“ beantworten. Dafür beginnt die ZDF-Serie in der Frühgeschichte. Im Interview erklärt der 65-jährige Schauspielstar und Sohn von Ex-Bundeskanzler Willy Brandt, wie er Geschichte sieht. Auch seine eigene.

Schauspieler Matthias Brandt führt durch die „Terra X“-Reihe die „Geschichte der Deutschen“. Für den 65-jährigen Schauspieler und jüngsten Sohn des ehemaligen deutschen Bundeskanzler Willy Brandt ist der Blick zurück vor allem ein Werkzeug, um das Bestehende zu hinterfragen.
 (Bild: ZDF/Jennifer Fey)

Schauspieler Matthias Brandt führt durch die „Terra X“-Reihe die „Geschichte der Deutschen“. Für den 65-jährigen Schauspieler und jüngsten Sohn des ehemaligen deutschen Bundeskanzler Willy Brandt ist der Blick zurück vor allem ein Werkzeug, um das Bestehende zu hinterfragen. (Bild: ZDF/Jennifer Fey)

Es ist ein ambitioniertes TV-Projekt und dürfte über mehrere Staffeln laufen. Das ZDF erzählt in „Terra X: Die Geschichte der Deutschen“ die Geschichte jenes zentraleuropäischen Landstriches, den wir heute „unser Land“ nennen. Matthias Brandt ist durch die eigene Biografie mit der Geschichte Deutschlands verknüpft. Sein Vater Willy Brandt (1913-1992) war von 1969 bis 1974 deutscher Bundeskanzler, Matthias Brandt kam 1961 zur Welt. Blickt man anders auf Geschichte, wenn der eigene Vater selbige „gemacht“ hat? Und wie kommt es eigentlich, dass wir so wenig aus Geschichte zu lernen scheinen? Fünf Folgen ist die erste von mehreren geplanten Staffeln des Dokuformats lang. In der Mediathek steht die Reihe bereits ab Montag, 9. November. Linear lassen sich die Folgen ab 15. November, immer sonntags, 19.30 Uhr, und dienstags, um 20.15 Uhr, sehen.

teleschau: Fünf Folgen von „Terra X: Die Geschichte der Deutschen“ laufen im ZDF. Erzählen Sie die gesamte Geschichte der Deutschen bis heute?

Ungewöhnliches Doku-Konzept: Schauspieler Matthias Brandt begibt sich für „Terra X: Die Geschichte der Deutschen“ wortwörtlich in das Leben unserer Vorfahren. Dafür betritt er als Beobachter und Presenter Spielszenen aus der deutschen Frühgeschichte. (Bild: © ZDF/Jennifer Fey,)

Ungewöhnliches Doku-Konzept: Schauspieler Matthias Brandt begibt sich für „Terra X: Die Geschichte der Deutschen“ wortwörtlich in das Leben unserer Vorfahren. Dafür betritt er als Beobachter und Presenter Spielszenen aus der deutschen Frühgeschichte. (Bild: © ZDF/Jennifer Fey,)

Matthias Brandt: Nein, das wäre sehr ambitioniert, da wir ja in der Frühgeschichte beginnen. Weitere Staffeln sollen folgen - und die Serie am Ende in der Gegenwart ankommen. Staffel eins reicht von der Eiszeit bis ins Spätmittelalter.

teleschau: Sie sind nicht nur Presenter, sondern gehen als Beobachter und Erzähler, sprechen mitten in die Szenen hinein. Was hat Sie an dieser Herangehensweise an Geschichte gereizt?

Brandt: Die Form des Erzählers fand ich interessant. Und ich habe mich schon immer für Geschichte interessiert, bin da gewissermaßen hineingewachsen. Der Weg war für mich also nicht weit. Mir hat das Konzept gut gefallen, es ist ein guter, moderner Zugang. Ich mag populärwissenschaftliche Formate auch deshalb, weil ich es wichtig finde, neue Formen für das zu finden, was man so blöd „Wissensvermittlung“ nennt.

„Es gibt viele Handlungsspielräume“

Als Zeitreisender führt Matthias Brandt durch die „Geschichte der Deutschen“. In der ersten Folge macht er sich auf die Suche nach den Spuren der ersten Menschen in unserem Land. (Bild: ZDF/Jule Roehr)

Als Zeitreisender führt Matthias Brandt durch die „Geschichte der Deutschen“. In der ersten Folge macht er sich auf die Suche nach den Spuren der ersten Menschen in unserem Land. (Bild: ZDF/Jule Roehr)

teleschau: Lernen wir Menschen eigentlich aus der Geschichte? Im Moment sieht es nicht danach aus, als würden wir uns besonders vernünftig verhalten ...

Brandt: Ja und nein. Wir befinden uns gerade in einer Situation, auf die wir nicht vorbereitet waren. Ich glaube nicht, dass wir nicht lernen wollen. Aber wir neigen dazu, einen Status quo schnell für endgültig zu halten. Die eigentliche Überraschung ist nicht, dass es gerade einen Backlash hin zum Wunsch nach autoritärer Führung gibt, sondern dass wir dachten, so etwas passiere nicht mehr. Dabei passiert es hier nicht zum ersten Mal. Und schaut man auf die Welt, passiert es überall immer wieder. Auch mich erschreckt die politische Gegenwart gerade sehr, aber ich bin nicht so hoffnungslos wie andere. Ich glaube, dass wir mit dieser Situation zurechtkommen können und dass Geschichtskenntnis und Geschichtsbewusstsein dabei helfen.

teleschau: Wer mitten in seiner Gegenwart steckt, überschätzt ihren Status quo vermutlich. Lehrt der lange Blick, den Ihre Dokuserie wagt, dass Geschichte immer wieder Brüche hat?

Brandt: Die Frage ist im Grunde schon beantwortet: Natürlich gibt es Brüche. Wenn wir uns Menschen in ihrer jeweiligen Zeit ansehen, dann wussten die ja nicht, wie sie ausgeht. Wir wissen es im Nachhinein. Genauso wissen wir heute nicht, wie das ausgeht, was wir gerade erleben, obwohl wir immer meinen, wir wüssten alles. Interessanter finde ich die Frage nach unseren Einflussmöglichkeiten. Meine Erkenntnis ist: Sie sind möglicherweise größer, als wir denken. Wenn man sich anschaut, was das für Menschen waren und wie sie lebten, die unsere Geschichte veränderten, landet man immer wieder bei der Einsicht: Es gibt viele Handlungsspielräume.

„Deshalb habe ich mich lange rausgehalten“

Schauspieler Matthias Brandt zur Frage, ob wir Menschen aus der Geschichte nicht lernen: „Wir befinden uns gerade in einer Situation, auf die wir nicht vorbereitet waren. Ich glaube nicht, dass wir nicht lernen wollen. Aber wir neigen dazu, einen Status quo schnell für endgültig zu halten.“  (Bild: © ZDF/Jennifer Fey,)

Schauspieler Matthias Brandt zur Frage, ob wir Menschen aus der Geschichte nicht lernen: „Wir befinden uns gerade in einer Situation, auf die wir nicht vorbereitet waren. Ich glaube nicht, dass wir nicht lernen wollen. Aber wir neigen dazu, einen Status quo schnell für endgültig zu halten.“ (Bild: © ZDF/Jennifer Fey,)

teleschau: Wo sehen Sie diese Einflussmöglichkeiten heute?

Brandt: Ganz praktisch: Wir leben in einer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft. Die gibt uns Möglichkeiten, uns einzubringen. Wir waren daran gewöhnt, dass das von allein läuft. Das will ich gar nicht kleinreden, mir selbst war es lange ganz recht. Ich hatte, nicht zuletzt herkunftsbedingt, immer ein politisches Bewusstsein, wollte mich aber nicht politisch äußern. Ich wusste, dass das sofort in einen Zusammenhang gesetzt wird, den es für mich gar nicht gab, und dass es ein Gewicht bekommt, unter dem ich nicht mehr für mich allein sprechen kann.

Die frühesten Spuren menschlichen Lebens in unserem Land liegen auf der Schwäbischen Alb. Gegen 40.000 v. Chr. folgen einige hundert Jäger und Sammler dem Lauf der Donau bis in diese Region. Die Gegend wirkt karg und lebensfeindlich, hält aber alles bereit, was die Menschen zum Überleben brauchen. (Bild: ZDF/Elena NENKOVA)

Die frühesten Spuren menschlichen Lebens in unserem Land liegen auf der Schwäbischen Alb. Gegen 40.000 v. Chr. folgen einige hundert Jäger und Sammler dem Lauf der Donau bis in diese Region. Die Gegend wirkt karg und lebensfeindlich, hält aber alles bereit, was die Menschen zum Überleben brauchen. (Bild: ZDF/Elena NENKOVA)

teleschau: Deshalb wollen Sie sich politisch nicht gerne äußern?

Brandt: Ja, deshalb habe ich mich lange rausgehalten. Aber das hat sich geändert, weil ich die Entwicklung beunruhigend finde. Man soll sich in dem Rahmen einbringen, der für einen selbst möglich und sinnvoll ist. Viele Menschen bekommen nicht die Aufmerksamkeit, die jemand bekommt, der im Fernsehen auftritt - und sie tun trotzdem unheimlich viel. Sie engagieren sich vor Ort und stehen Leuten bei, die angegriffen werden. Diese Menschen kann man sich anschauen und unterstützen, und auch das ist eine Form von Engagement.

teleschau: Sie stammen aus einem sehr politischen, sehr berühmten Haus. Warum haben Sie sich trotzdem für die Kunst entschieden?

Brandt: Weil sie mir als Person gemäßer war. Meine Begabungen lagen anders als die meines Vaters. Und weil ich zum Glück aus einer Familie stamme und nicht aus einer Dynastie, stand mir das offen. Es war nie eine Frage, dass ich mich zwangsläufig beruflich in der Politik hätte sehen müssen. Ein politisches Bewusstsein hatte ich trotzdem immer, anders wäre es gar nicht gegangen, so präsent war das bei uns. Der Weg, den ich mir gesucht habe, war eben mein Weg. Und im besten Fall liefert er auch einen gesellschaftlichen Beitrag.

„Ich hatte eine auffallend normale Kindheit“

Auf der Schwäbischen Alb machen die frühen Menschen Jagd auf Großwild wie Rentiere, Mammuts und Wollnashörner. Das gelingt nur mit perfekter Koordination, denn die Gruppe muss sich genau absprechen. Allein hätte kein Jäger gegen diese Beute eine Chance. (Bild: ZDF/Elena NENKOVA)

Auf der Schwäbischen Alb machen die frühen Menschen Jagd auf Großwild wie Rentiere, Mammuts und Wollnashörner. Das gelingt nur mit perfekter Koordination, denn die Gruppe muss sich genau absprechen. Allein hätte kein Jäger gegen diese Beute eine Chance. (Bild: ZDF/Elena NENKOVA)

teleschau: Haben Sie mit Ihrem Vater viel über Geschichte gesprochen? Wie hat er darüber gedacht?

Brandt: Bei uns war das sehr konkret, weil wir unmittelbar betroffen waren. Meine Eltern hatten ihre Erfahrungen aus der Nazizeit und dem Widerstand dagegen. Mit diesen Geschichten sind wir Kinder aufgewachsen. Man hat nicht gesagt: Jetzt reden wir mal über Geschichte. Wenn Kommunikation gut ist, dann meistens, weil Menschen sich ihre Geschichten erzählen. Vielleicht kommt ein Teil unserer gesellschaftlichen Probleme daher, dass sie das nicht mehr tun, entweder weil sie es nicht mehr wollen oder weil es die Foren dafür nicht mehr gibt. Dabei denken wir, wir hätten unheimlich viele Foren zum Austausch. Aber es funktioniert irgendwie nicht. Dort findet kein Austausch mehr statt, der uns weiterbringt, sondern nur noch Selbstbestätigung und Selbstbespiegelung. Jetzt bin ich elegant in ein anderes Feld gerutscht, das wollte ich gar nicht (lacht).

teleschau: War Ihr Vater einer, der gern über die Welt und die Zeit philosophiert hat?

Ab dem sechsten Jahrtausend vor Christus werden aus Jägern und Sammlern Ackerbauern und Viehzüchter, die in Langhäusern dauerhaft sesshaft werden. Das verändert das Zusammenleben von Grund auf. Getreide und andere Vorräte sind nun von hohem Wert, denn sie sichern die Ernährung der Gemeinschaft. (Bild: ZDF/Elena NENKOVA)

Ab dem sechsten Jahrtausend vor Christus werden aus Jägern und Sammlern Ackerbauern und Viehzüchter, die in Langhäusern dauerhaft sesshaft werden. Das verändert das Zusammenleben von Grund auf. Getreide und andere Vorräte sind nun von hohem Wert, denn sie sichern die Ernährung der Gemeinschaft. (Bild: ZDF/Elena NENKOVA)

Brandt: Er war ein Denker, aber im Familiären hat sich das nicht abgespielt, das hätte etwas Dozierendes gehabt. Ich hatte eine auffallend normale Kindheit. Und wenn ich mich mit meinen Freunden und Freundinnen vergleiche: Von besonderer Redseligkeit waren die Eltern bei keinem von uns, was, glaube ich, ein Zeitphänomen war. Vor allem, wenn man auf die Väter schaut.

teleschau: Wie geht es mit der Serie weiter, und in welche Epoche würden Sie selbst mit einer Zeitmaschine reisen?

Brandt: Wir drehen nächstes Jahr weiter. Ich finde, dass wir für das, was noch vor uns liegt, mehr als fünf weitere Folgen brauchen. Wo wir in der zweiten Staffel landen, weiß ich noch nicht. Gerade in der ersten Folge erzählen wir von einer sehr frühen Zeit, und ich habe dabei viel gelernt. Mit Eiszeitmenschen hatte ich bisher wenig zu tun, und ich fand sie total interessant. Über das Leben dieser Menschen wissen wir durch archäologische Funde schon einiges. Aber wie sie miteinander gesprochen haben, wie sich ihr Alltag für sie angefühlt hat, das müssen wir uns vorstellen. Da komme ich mit meinem Schauspielerberuf ins Spiel. Shakespeare wusste ja auch nicht, wie Richard III. geredet hat. Mit den Eiszeitleuten in der Höhle hätte ich mich gern mal unterhalten. Auch, wenn das sicher nicht einfach gewesen wäre ...

„Was wir eigentlich meinen, wenn wir von 'uns' sprechen ...“

teleschau: Und wenn Sie nur für einen Tag in eine Zeit reisen dürften - welche wäre das dann?

Brandt: Das ist ja fast unsere Versuchsanordnung. Ich spiele jemanden, der in die verschiedenen Zeiten schauen kann und dabei nicht bemerkt wird. In meinem privaten Alltag kommt das eher selten vor. Es gibt viele interessante Menschen der Geschichte, die ich gern kennenlernen würde. In einer der Folgen erzählen wir von einem sächsischen Jungen, der im Zuge der Zwangschristianisierung von seiner Familie getrennt und christlich erzogen wird. Später wird er der erste Bischof von Paderborn. Hathumar hieß er, mit ihm hätte ich mich auch gern unterhalten. Ich hätte ihn gern gefragt, wie das für ihn war, wie er es empfunden hat und wie sich bei ihm dieser Weg und diese Wandlung vollzogen haben. Es hat wahrscheinlich mit meinem Schauspielerberuf zu tun: Bei diesen Leuten stelle ich mir immer sofort vor, wie es wäre, sie zu sein.

teleschau: Die ersten Bilder Ihrer Doku über „die Deutschen“ zeigen schwarze Menschen. Später kommen weitere Einwanderer aus Anatolien dazu. Ist das für viele eine überraschende Erkenntnis?

Brandt: Möglicherweise, aber dann ist es eine gute Überraschung. Sie führt zur Frage, was wir eigentlich meinen, wenn wir von „uns“ sprechen. Es sind dauernd Menschen hergezogen, haben Kenntnisse mitgebracht, unsere Lebensweise hat sich verändert. Was wir heute als deutsche Traditionen verstehen, ist über lange Zeit entstanden und hat sich immer wieder verändert und tut es auch weiterhin. Geschichte heißt Veränderung, und so ist es heute auch. Das ist keine Antwort auf heutige Migrationsfragen, aber es bringt die Vorstellung ins Wanken, es gäbe eine Bevölkerung, die seit Urzeiten unverändert hier sitzt. Das ist totaler Quatsch, und ich finde es gut, diese Vorstellung zu untergraben. Ich schaue fasziniert dabei zu, wie aus Menschen, die einander zunächst fremd sind, mit der Zeit eine Gesellschaft wird - einschließlich all ihrer Konflikte. (tsch)