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Von „Oh! Carol“ bis „Bad Blood“Neil Sedaka überraschend gestorben – Diese 11 Lieder sollten Sie kennen

8 min
Neil Sedaka bei einem Konzert Anfang der 1980er Jahre.

Neil Sedaka bei einem Konzert Anfang der 1980er Jahre. (Archivbild)

Mit Hits wie „Breaking Up Is Hard To Do“, „Oh! Carol“ und „Laughter in the Rain“ wurde Neil Sedaka zur Pop-Ikone. Wir erinnern an 11 Lieder.

Laut „Daily Mail“ ist der US-Sänger und Songwriter Neil Sedaka im Alter von 86 Jahren gestorben. Seine Familie bestätigte den Tod in einem Statement. Zuvor hatte „TMZ“ berichtet, Sedaka sei am Freitagmorgen mit einem Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht worden, nachdem er sich unwohl gefühlt habe. Wenige Stunden später folgte die traurige Gewissheit. Wir erinnern an den großen Sänger und Songschreiber mit einer Auswahl seiner elf schönsten Kompositionen.

„Oh! Carol“ (1959)

Mit „Oh! Carol“ gelang Neil Sedaka 1959 der internationale Durchbruch. Der Titel war der Songwriterin Carole King gewidmet, mit der Sedaka befreundet war – sie antwortete später musikalisch mit „Oh! Neil“.

Musikalisch steht „Oh! Carol“ exemplarisch für den klassischen Brill-Building-Pop der späten 50er-Jahre: eingängige Klavierfiguren, klarer Beat, harmonische Background-Vocals. Der Text erzählt von unerwiderter Liebe und jugendlicher Verzweiflung – ein Thema, das perfekt zum Teenager-Publikum passte.

Der Song erreichte Platz neun der US-Charts, war auch in Deutschland sein erster Charterfolg und machte Sedaka über Nacht zu einem – zumindest optisch – höchst ungewöhnlichen Teen-Idol. „Oh! Carol“ markiert den Auftakt seiner großen Hitserie und zählt bis heute zu seinen bekanntesten Titeln.


„Laughter In The Rain“ (1974)

Mit „Laughter In The Rain“ gelang Neil Sedaka 1974 ein spektakuläres Comeback nach Jahren fernab der US-Chartspitze. Die Single erreichte Anfang 1975 Platz eins der Billboard Hot 100 und markierte seine zweite große Erfolgsphase. Der Song verbindet melancholische Stimmung mit einer eingängigen, orchestralen 70er-Jahre-Produktion.

Geschrieben mit Phil Cody, erzählt er von Nähe und Intimität statt jugendlichem Herzschmerz. Unterstützt wurde Sedaka in dieser Phase maßgeblich von Elton John und dessen Label Rocket Records. Dadurch gewann er neue internationale Aufmerksamkeit. „Laughter In The Rain“ bewies, dass er sich musikalisch weiterentwickeln konnte, ohne seine melodische Stärke zu verlieren. Der Titel gilt bis heute als einer seiner emotionalsten und wichtigsten Hits.


„Breaking Up Is Hard To Do“ (1962)

1962 landete Neil Sedaka mit „Breaking Up Is Hard To Do“ auf Platz eins der US-Charts – der Höhepunkt des ersten Teils seiner Karriere. Das markante „Down doobie doo“-Intro machte den Song sofort unverwechselbar, die gemeinsam mit Howard Greenfield geschriebene Herzschmerz-Hymne traf den Nerv einer ganzen Generation. Die eingängige Melodie und die klare Pop-Struktur entsprachen perfekt dem Sound der frühen 60er-Jahre.

1975 überraschte Sedaka mit einer völlig neuen, langsamen Balladen-Version des Songs. Auch diese Fassung erreichte erneut die US-Top Ten. Damit wurde er zum einzigen Künstler, der denselben Titel in zwei unterschiedlichen Arrangements erfolgreich in den Charts platzieren konnte. Bis heute gilt „Breaking Up Is Hard To Do“ als einer der großen Pop-Klassiker seiner Zeit.


„Love Will Keep Us Together“ (1975)

Neil Sedaka schrieb diesen Ohrwurm erneut gemeinsam mit seinem langjährigen Songwriting-Partner Howard Greenfield für das Album „The Tra-La Days Are Over“ (1973). Zunächst nahm kaum jemand davon Notiz. Doch dann wurde „Love Will Keep Us Together“ zur perfekten Vorlage für Captain & Tennille: Das verheiratete Duo, bestehend aus Toni Tennille und Daryl Dragon, gab dem Titel ein neues, dynamisches Arrangement.

Die Single erschien im Frühjahr 1975 und entwickelte sich rasch zum Nummer-eins-Hit in den USA. Neun Wochen nach dem Einstieg in die Billboard Hot 100 stand der Song an der Spitze und gewann später den Grammy als „Single des Jahres“. In den darauffolgenden Jahren zählten Captain & Tennille zu den beliebtesten Pop-Duos der USA. Damit wurde Sedakas Komposition zu einem der größten Pop-Erfolge des Jahrzehnts.


„Calendar Girl“ (1960)

„Calendar Girl“ war weit mehr als nur ein harmloser Teen-Pop-Hit. Der Song funktioniert wie ein musikalischer Pin-up-Kalender – allerdings jugendfrei und rein verbal. Statt Bilder von Ikonen wie Betty Grable oder Marilyn Monroe zu zeigen, zeichnet Neil Sedaka Monat für Monat ein romantisches Idealbild seiner Angebeteten. Jeder Abschnitt liefert einen neuen Grund für seine Zuneigung – vom Valentinstag im Februar bis zum Osterhasen im April, vom Junior Prom im Mai bis zu sommerlicher Leichtigkeit im Juni.

Besonders markant ist die September-Zeile „I light the candles at your sweet sixteen“, ein Motiv, das sein Texter Howard Greenfield im selben Jahr auch im Top-10-Erfolg „Happy Birthday Sweet Sixteen“ aufgriff. Die clevere Konstruktion, gepaart mit eingängiger Melodie, machte den Titel 1960 zu einem Top-5-Hit in den USA – und zu einem der originellsten Konzepte seiner frühen Karriere.


„Bad Blood“ (1975)

Wer dachte, Neil Sedaka würde nur ein kurzes Chart-Comeback feiern, sah sich 1975 eines Besseren belehrt: Mit „Bad Blood“ legte er nach und landete erneut auf Platz eins der US-Billboard-Charts. Der gemeinsam mit Phil Cody geschriebene Song überzeugte mit moderner, kraftvoller Produktion und markierte den Höhepunkt seines Comebacks in den 70er-Jahren. Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgte Elton John, der als Backgroundsänger mitwirkte und dem Titel spürbare Strahlkraft verlieh.

Bemerkenswert ist zudem, dass „Bad Blood“ als erste Nummer-eins-Single der US-Charts gilt, in deren Text das Wort „bitch“ vorkommt – für die damalige Poplandschaft ein durchaus provokantes Detail. Der Song verkaufte sich millionenfach und bewies, dass Sedaka mehr als ein Jahrzehnt nach seinen ersten Erfolgen noch einmal ganz oben mitspielen konnte.


„Solitaire“ (1972)

1971 feierte Neil Sedaka als Komponist ein Comeback, als Tony Christie mit „Is This the Way to Amarillo?“ einen großen Erfolg landete. Ein Jahr später zeigte er mit „Solitaire“ seine deutlich reifere, melancholische Seite. Die Ballade zeichnet das Bild eines Mannes, der sich aus Angst vor Nähe selbst in die Isolation treibt – stolz, distanziert und am Ende doch zutiefst allein. Der Titel spielt bewusst auf das Geduldsspiel „Solitaire“ an: ein Leben, das sich wie eine Partie ohne Mitspieler entfaltet.

Obwohl Sedaka den Song selbst schrieb und veröffentlichte, wurde er vor allem durch Coverversionen weltbekannt. The Carpenters machten den Titel 1975 zu einem internationalen Hit, auch Andy Williams nahm eine sehr erfolgreiche Version auf. „Solitaire“ gilt bis heute als eine von Sedakas stärksten und emotional tiefgründigsten Kompositionen – weit entfernt vom unbeschwerten Teen-Pop seiner frühen Jahre.


„Love in the Shadows“ (1976)

Mit „Love in the Shadows“ griff Neil Sedaka Mitte der 70er-Jahre den Zeitgeist auf und verband seine melodische Stärke mit deutlich hörbaren Disco-Elementen – ein weiterer Top-20-Hit für ihn. Inhaltlich zeichnet der Text jedoch kein sonniges Liebesidyll, sondern eine Beziehung im Halbdunkel. Die „Schatten“ stehen dabei für Unsicherheit, Zweifel und emotionale Grauzonen.

„You’ve got to know your lover mostly by feel“ – Liebe funktioniert hier über Intuition statt Klarheit. Gleichzeitig warnen die Zeilen davor, den eigenen Wahrnehmungen blind zu vertrauen: Schatten „enthüllen alles, ohne zu viel zu zeigen“. Tragisch: Die lange in Vergessenheit geratene Single wurde kurz vor Sedakas Tod im Streaming neu veröffentlicht – als Vorbote für das dazugehörige Album „Steppin’ Out“, das im April erscheinen soll.


„The Immigrant“ (1975)

In diesem Song verarbeitete Neil Sedaka die Einwanderungsgeschichte seiner eigenen Familie – und traf damit einen Nerv, der heute wieder spürbar ist. Besonders die Zeile „There was a time when strangers were welcome here“ – auf Deutsch: „Es gab eine Zeit, in der Fremde hier willkommen waren“ – wirkt aktueller denn je. Der Text beschreibt Hoffnung, Aufbruch und das Versprechen Amerikas als Zufluchtsort.

Gerade vor dem Hintergrund der verschärften Einwanderungspolitik unter Präsident Donald Trump und der anhaltenden Debatten über Grenzsicherung, Abschiebungen und nationale Identität erhält das Lied eine neue politische Dimension. Was 1975 als sehr persönliches Statement begann, liest sich heute wie ein Kommentar zur Gegenwart. Musikalisch verbindet der Titel Pathos mit eingängiger Popstruktur – inhaltlich ist er einer seiner bedeutendsten Songs.


„Our Last Song Together“ (1973)

Mit „Our Last Song Together“ setzte Neil Sedaka 1973 einen emotionalen Schlusspunkt unter die Zusammenarbeit mit seinem langjährigen Texter Howard Greenfield. Bereits die zentrale Refrain-Zeile „The tra-la-la days are over“ macht deutlich, dass hier nicht nur ein Lied endet, sondern eine ganze unbeschwerte Ära. Nach seinem Tod wirkt der Song heute wie ein leiser, beinahe prophetischer Abschied – melancholisch, reflektiert und von einer Würde getragen, die seiner Karriere entspricht.

Die Komposition wurde vielfach gecovert und bewies damit ihre internationale Strahlkraft. Eine schwedische Version nahm Agnetha Fältskog auf, in Frankreich interpretierte Claude François den Titel in eigener Sprache. Auch die englische Fassung von Pratt & McClain gilt als bemerkenswert. Besonders gelungen ist die deutsche Adaption „Jedes Lied ist einmal zu Ende“ von Katja Ebstein, die die wehmütige Grundstimmung sensibel überträgt.


„Going Nowhere“ (1975)

Wenn „Our Last Song Together“ wie ein persönlicher Abschied klang, wirkt „Going Nowhere“ wie ein gesellschaftlicher Weckruf. Hier geht es nicht um das Ende einer Partnerschaft, sondern um eine Welt, die innerlich ausgehöhlt wirkt. Der Text beschreibt Menschen, die nach außen Gleichgültigkeit demonstrieren, während sie sich im Innern verloren fühlen.

Neil Sedaka zeichnet das Bild einer Generation, die versucht, „die Welt zusammenzuhalten“, Kinder großzieht und Verantwortung übernimmt – und dennoch das beklemmende Gefühl nicht loswird, auf ein Nichts zuzusteuern.

Die wohl eindringlichste Interpretation stammt von Lena Zavaroni. In Anbetracht ihres eigenen Schicksals als Kinderstar, der später schwer an Magersucht erkrankte und viel zu früh starb, gewinnt ihre Live-Version von „Going Nowhere“ eine zusätzliche, erschütternde Dimension. Zavaroni sang das Lied nicht nur – sie durchlebte es förmlich auf der Bühne.

Nach Neil Sedakas Tod wirkt der Titel fast wie eine leise Mahnung: dass Orientierungslosigkeit nicht das letzte Wort behalten darf. Sedaka selbst mag gegangen sein – doch seine Lieder bleiben. Und vielleicht führen sie eben nicht „nowhere“, sondern weiter, in die Erinnerung vieler Generationen.