„Wenn wir mit Ehrlichkeit anfangen, finde ich das gut“ - der Donnerstagabend lief ganz nach Markus Lanz' Geschmack. Noch vor dem eigentlichen Thema, den US-Zwischenwahlen, fragte er CDU-Politiker Roderich Kiesewetter nach der Kandidatensuche für die Bundespräsidentenwahl am 30. Januar 2027. „Es ist eine ziemlich verstolperte, handwerklich schwierige Phase“, räumte der ein und blieb schwammig: „Ich möchte, dass Ilse Aigner die besten Chancen hat.“
„Es muss Ilse Aigner werden“, warf Politikberater Armin Petschner-Multari (CSU) ein. „Sie wissen es?“, hakte Lanz nach. „Ich weiß es“, berief sich der auf „verlässliche Quellen“, schränkte aber ein: „Es gibt nie hundertprozentige Sicherheit.“ Kiesewetter teilte die Richtung: „2029 wird eine schwierige Bundestagswahl, und wir brauchen eine empathische Persönlichkeit.“ Das „des Amts unwürdige Namedropping“ kritisierte er erneut. Genervt? „Nein, ich bin enttäuscht.“ Lanz wusste es besser: „Für Ihre Verhältnisse sind Sie richtig sauer.“ Gemeint war offensichtlich Kanzler Friedrich Merz, der nicht zum ersten Mal in Personalfragen unabgestimmt vorgeprescht war. „Er ist jemand, der den Begriff von gestaltender Politik erst spät erkennt“, sagte Kiesewetter zu Lanz' Erheiterung. Einen Amtswechsel lehnte er dennoch ab: „Er ist verpflichtet, diese Regierung auf Erfolg zu bringen.“
Anna Sauerbrey, Politikchefin der „Zeit“, sah das Problem woanders: „Sie überhöhen die Figur des Bundespräsidenten. Union und SPD müssen mit den Bundestagswahlen umgehen - da wird Ihnen keine Bundespräsidentin helfen.“ Für Lanz stand jedenfalls fest: „Es wird Ilse Aigner. Das können wir rausgeben an die Agenturen.“
Ökonomin: „Gesamtwirtschaftlich steht die USA sehr gut da.“

Autor und Politberater Armin Petschner-Multari überraschte Markus Lanz mit einer Aussage zur Bundespräsidentenwahl. (Bild: ZDF/ Markus Hertrich)
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Damit ging es über den großen Teich. „Gesamtwirtschaftlich steht die USA sehr gut da“, sagte Ökonomin Samina Sultan und nannte 2,3 Prozent Wachstum, „von denen wir in Deutschland nur träumen“. Getragen werde es vom KI-Boom und vom Konsum der oberen Bevölkerungshälfte: „Das ist sehr fragil und unausgewogen.“ Die untere Hälfte führe einen stillen, verzweifelten Alltagskampf, berichtete Sauerbrey von ihrer jüngsten Reise, etwa von einer Kellnerin mit 5 Dollar Stundenlohn, die für den Arbeitsweg bis zu 6 Dollar pro Gallone Benzin zahle. Dazu komme einer „der korruptesten Präsidenten“, der sich selbst bereichere. Das habe die Wut geschürt: „Wenn Trumps Politik so starke Auswirkungen auf das Leben der Leute hat, dann ist es egal, ob er erzählt: Es ist the greatest economy of all times.“
Auch das Industrialisierungsversprechen sei verpufft, so Sultan: „Die blue collar jobs sind nicht zurückgekommen.“ Statt falscher Versprechen müsse man den Strukturwandel zulassen, in den USA wie in Deutschland. Sauerbrey verwies auf neue Jobs bei erneuerbaren Energien und im Bau von Rechenzentren. „Datenzentren sind ein schlechtes Beispiel“, entgegnete Lanz und schilderte die Wut auf die Tech-Brothers, die den Strom verteuerten. Sultan plädierte für Ausgleichszölle gegen unfaire Praktiken wie Chinas Subventionen: „Es geht nicht um den Protektionismus, den Trump macht.“
Auch die „wahnwitzige Korruption“ wurde abgestraft. „Es sind wahnsinnige Summen, die verbrannt worden sind“, sagte Sauerbrey zum Wahlkampf, sah aber auch Positives: „Amerikaner sind nicht käuflich.“ Petschner-Multari, der in New York lebt, sprach vom „Zerrbild“: „Der Ballroom für die Milliardäre - und an der Zapfsäule kommt eine Zahl, die nicht passt.“ Dass sein Lox-Bagel 25 Dollar kostet, weckte wenig Mitleid. Er habe Trump lange rationalisiert, nun aber erkannt: „Das Programm heißt Donald Trump - und sonst nichts.“ Wo nur „Ja-Sager“ beraten, könne „nur schlechte Politik herauskommen“, etwa im Krieg gegen den Iran, in den bisher 50 Milliarden Dollar flossen - bei rund 40 Billionen Dollar Staatsschulden. Lanz fragte: „Tickt eine ökonomische Zeitbombe?“ Die Zinsen auf Staatsanleihen seien enorm gestiegen, sagte Sultan, doch die Leitwährung gebe den USA Kraft: „Bei Frankreich müssen wir uns Sorgen machen.“
Streit über AfD-Regierung: „Dann soll sie in Sachsen-Anhalt mit Pauken und Trompeten scheitern.“
Auch Deutschland stehe nicht gut da, räumte Kiesewetter ein. Von aktuell rund 40 Milliarden soll die Verschuldung bis Anfang 2030 auf 80 Milliarden Euro steigen. Man müsse den Menschen vermitteln, wofür man das mache: Da die Amerikaner Europa nicht mehr konventionell verteidigen würden, müsse Europa investieren. Die schlechte Stimmung rühre auch daher, dass man den Leuten einrede, Deutschland unterstütze die Ukraine am stärksten: „Wir sind auf Platz 11 gemessen am BIP.“ Die 80 Euro pro Kopf und Jahr für die Ukraine flössen „nicht aus Nächstenliebe“, sondern weil Frieden und Freiheit einen Wert hätten. Die Koalition spreche hier zu wenig Klartext: „Da geben wir der AfD nur Raum.“
Prompt kam der Widerspruch. „Ich habe nicht vor, Juniorpartner der AfD zu werden“, stellte Petschner-Multari klar, wollte aber „die Mitte neu definieren“. Man könne nicht nach rechts klare Grenzen ziehen und nach links keine: „Die Brandmauer ist gescheitert, weil wir kleiner werden und sie größer.“ Man müsse die „gesellschaftlichen Realitäten“ anerkennen, etwa 43 Prozent AfD-Zuspruch im Osten. Sauerbrey hielt dagegen: In Amerika zeige sich, „dass etwas kaputt geht, wenn sie rangelassen werden“, ebenso in Ungarn unter 15 Jahren Orbán: „Warum müssen wir die dummen Experimente unserer Freunde und Nachbarn nachmachen?“ Zudem sei Migration nicht Deutschlands Hauptthema, und der AfD fehle eine Wirtschaftspolitik.
„Es geht doch sowieso kaputt“, konterte Petschner-Multari, „dann soll sie in Sachsen-Anhalt mit Pauken und Trompeten scheitern.“ Kiesewetter erinnerte daran, dass die Union genau dafür im Januar und Februar 2026 abgestraft worden sei: „Wir haben die Mitte aufgegeben.“ Statt über Bildung, Integration und Wirtschaft zu reden, habe man Migration besetzen wollen. Debatten seien dennoch nötig, denn in der Union wachse der Irrglaube, die AfD sei konservativ: „Das ist sie nicht, sie ist zutiefst destruktiv.“ „Man kann nicht sagen, die Tür ist zu, egal, was ihr macht“, beharrte Petschner-Multari. Für Lanz eine willkommene Brücke: „Die Tür ist zu, die Zeit ist um ... " Die Diskussion will er bei Gelegenheit fortsetzen. (tsch)
