Stimmte die Geschichte der 16-Jährigen, die im Dresdener „Tatort: Nachtschatten“ behauptet, sie wäre einem Keller entflohen, in dem sie ihr Vater ein Leben lang gefangen hielt?
„Tatort“-CheckNatascha Kampusch und Co. - das sind die berühmtesten Langzeitgefangenen

Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) und Peter Schnabel (Martin Brambach) haben im Dresdner „Tatort“ ermittelt.
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Wenn jemand über Jahre gefangen gehalten wird, denkt man an Entführungen wie jene der Österreicherin Natascha Kampusch. Achteinhalb Jahre (1998 bis 2006) war sie von ihrem Peiniger Wolfgang Priklopil eingesperrt worden. In dieser Zeit wurde sie in Isolation vom Kind zur jungen Frau.
Worum ging es im Dresdner „Tatort“?
Im „Tatort: Nachtschatten“ aus Dresden erzählte nun eine 16-Jährige den Ermittlern Winkler (Cornelia Gröschel) und Schnabel (Martin Brambach), sie und ihre Schwester würden seit Jahren vom Vater in einem Keller gefangen gehalten - und nur sie hätte nun entkommen können. Hat die Geschichte des Krimis einen realen Hintergrund und gibt es neben Natascha Kampusch noch andere berühmte Langzeitgefangene?

Amanda (Emilie Neumeister) wird blutverschmiert am Bahnhof aufgegriffen, nachdem sie Passanten bedroht hat. (Bild: MDR/MadeFor/Steffen Junghan)
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Amanda (Emilie Neumeister) irrte wie ein Alien durch die Dresdener Neustadt. Als sie mit einem Skalpell Passanten angreifen wollte, wurde sie überwältigt und in Polizeigewahrsam genommen. Dort erzählte sie den Ermittlern Peter Schnabel (Martin Brambach) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) eine unglaubliche Geschichte: Ihr Vater, so Amanda, würde ihre Schwester und sie bereits ein Leben lang in einem Keller gefangenhalten.

Peter Schnabel (Martin Brambach, links) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) klappern im „Tatort: Nachtschatten“ Dresdener Häuser und Wohnungen ab, um zu überprüfen, ob die Geschichte der 16-jährigen Amanda stimmt. (Bild: MDR/MadeFor/Steffen Junghan)
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Nur die Mutter dürfe den Mädchen ab und zu Essen bringen. Zuwendung bekämen sie ausschließlich, wenn sie artig gewesen seien. Während die meisten Ermittler und Ärzte Amandas Geschichte für ein Hirngespinst hielten, glaubte Leonie Winkler der Jugendlichen. Sie versuchte, den ominösen Keller zu finden.
Worum ging es wirklich im Dresdner „Tatort“?
Was bringt jemanden dazu, einem anderen Menschen die Freiheit zu rauben und ihn gefangenzuhalten? Entführern, die nicht auf ein Lösegeld spekulieren, geht es in der Regel um Dominanz und Kontrolle des anderen. Der „Tatort“ schildert den Fall, dass eine Mutter, die traumatische Verlusterfahrungen machte, ihr Kind vor der Außenwelt schützen will - und sich deshalb für eine Gefangenschaft entscheidet.

Leonie Winkler (Cornelia Gröschel, links) und Amanda (Emilie Neumeister) verbindet ein merkwürdiger Verhältnis-Mix aus Vertrauen und Misstrauen. (Bild: MDR/MadeFor/Steffen Junghan)
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Dazu sagt „Tatort“-Regisseurin Saralisa Volm: „Die meisten von uns handeln aus guter Absicht, wollen das Richtige tun, folgen einem inneren Kompass. Wenn dieser fehlgeleitet ist, landen wir schnell in der Katastrophe. Und welches Gefühl kann uns besser fehlleiten als die Liebe?“ Auch Schauspielerin Nina Kunzendorf - früher selbst „Tatort“-Kommissarin in Frankfurt - sagt, sie habe in der Anlage der Rolle vor allem „eine liebende Mutter“ gespielt.
Wer sind bekannte Langzeitgefangene?

Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) und Peter Schnabel (Martin Brambach) diskutieren auf dem Kommissariat kontrovers über den Fall Amanda. (Bild: MDR/MadeFor/Steffen Junghan)
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Fremdentführungen wie bei Natascha Kampusch (8,5 Jahre) oder Jaycee Lee Dugard (entführt 1991 als Elfjährige von Philip und Nancy Garrido bis 2009) in Kalifornien sind sehr selten. Bekannt sind auch die Cleveland-Fälle (2002-2013): Michelle Knight, Amanda Berry und Gina DeJesus wurden neun bis elf Jahre von Ariel Castro in einem Haus in Cleveland festgehalten und sexuell missbraucht.
Auch Colleen Stan wurde von 1977 bis 1984 in einer Kiste festgehalten, gefoltert und missbraucht. Bekannt wurde sie als „The Girl in the Box“. Neben Fremdentführungen gibt es auch langjährige Freiheitsberaubung durch Angehörige - wie in diesem „Tatort“.

Amanda (Emilie Neumeister) hat Probleme, sich in der Außenwelt zurechtzufinden. (Bild: MDR/MadeFor/Steffen Junghan)
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Der bekannteste Fall im deutschsprachigen Raum dürfte jener von Elisabeth Fritzl sein: Sie wurde von ihrem Vater Josef Fritzl im Keller des Familienhauses eingesperrt, sexuell missbraucht und brachte dort sieben Kinder zur Welt. 2008 gelang ihr die Flucht, als ein Kind krank wurde und medizinische Hilfe nötig war.
Wer ist die Hauptdarstellerin?
Die 16 Jahre der von Emilie Neumeister gespielten Hauptfigur Amanda sind eine etwas kühne Behauptung. Nicht dass die gebürtige Dresdnerin, die auch die Teenie-Tochter der Rostocker „Polizeiruf“-Kriminalhauptkommissarin Melly Böwe (Lina Beckmann) spielt, ihre Sache nicht gut machen würde. Nein, das Problem ist: Neumeister ist und wirkt wie 26, ihre Rolle soll jedoch zehn Jahre jünger sein.
Das klappt nicht in jeder Kameraeinstellung, auch wenn Neumeister schon des Öfteren jünger besetzt wurde. Teenietöchter von Ermittlern hat sie schon häufiger gespielt: in der Kriminalreihe „Wolfsland“ verkörperte sie an der Seite von Götz Schubert Kommissar „Butschs“ störrische, pubertierende Tochter Emmy. Seit 2014 steht Neumeister für Filmproduktionen vor der Kamera. Mittlerweile wirkte sie in über 30 Produktionen mit.
Wie geht es beim Dresdener „Tatort“ weiter?
Der nächste Dresdener Fall wurde im Herbst 2025 abgedreht und hört auf den Titel „Das, was du zurücklässt“. Die mit Ronald Zehrfeld, Katharina Schüttler und Clemens Schick äußerst prominent besetzte Folge führt zudem eine neue Ermittlerin ein: Lilja van der Zwaag (30, „Die Nibelungen - Kampf der Königreiche“) spielt die Kommissaranwärterin Milla Brandis.
Darum geht es: Eine Frau wird nachts von einem Taxi überfahren: Annika Reihmann (Schüttler), Ehefrau, Mutter und Lehrerin. Der Taxifahrer wird kurz darauf erschlagen aufgefunden. Bei der Auswertung seiner Dashcam wird klar, dass Annika vor sein Taxi gestoßen wurde. Der Film (Drehbuch: Thomas Sieben und Viola M. J. Schmidt, Regie: Alex Eslam) soll 2026 ausgestrahlt werden. (tsch)
