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Tränen-TherapieHeul-Boys bringen Japanern bei, Gefühle zu zeigen

3 min

Japan entdeckt die Macht der Tränen.

Zweimal laut aufheulen 2 590 Yen, keine Rabatte. Im sechsten Stock des Kaufhauses Marui im Tokioter Stadtteil Shibuya findet eine Sonderaktion statt. Fumiko Watanabe hält das für eine tolle Gelegenheit. „Der Landesmeister im Männerflennen war bereits ausgebucht, deshalb habe ich Keita Saiki gebucht“, erzählt die Büroangestellte. Saiki ist eine kleine TV-Berühmtheit, ein Sternchen, das durch Talkshows tingelt. Mit ihm will sie ihr doppeltes, tief empfundenes Heulen erleben. „Ich freue mich schon total darauf.“ Der Preis beträgt rund 20 Euro.

Weinen gegen Stress

Japan entdeckt die Macht der Tränen. Erst haben Firmen professionelle Heul-Berater engagiert, um den Teamgeist in der Belegschaft zu fördern. Jetzt wenden sich die ersten Angebote an Privatleute. „Takkyubin“ heißt die neue Dienstleistung. Das Wort heißt eigentlich „Lieferdienst“, doch das mittlere Schriftzeichen ist gegen das für „Weinen“ ausgetauscht: Flennen frei Haus. Die Wein-Profis sind durchweg junge Männer. Die Berufsgruppe heißt in Japan „Ikemeso-Danshi“ – auch das eine Wortneuschöpfung, diesmal aus „attraktiver junger Mann“ und „heulen“. Die Heul-Boys sind meist gerade einmal Anfang 20. Einige arbeiten Vollzeit in dem Geschäft, andere haben noch einen Hauptberuf.

Die Japaner tun sich traditionell schwer damit, Gefühle zu zeigen. In der Öffentlichkeit ist oft nur ihre kühle Fassade zu sehen. Eltern erziehen ihre Kinder tendenziell dazu, sich einzufügen. Doch der Gefühlsstau sei nicht gesund, sagt Hiroki Terai von dem Anbieter „Ikemenso Takkyubin“. Er verfüge über ein Gegenmittel: „Gemeinsames Weinen baut Stress ab“. Die wichtigsten Kunden für seine Heul-Workshops sind Firmen mit hohem Frauenanteil. Terai nennt sich selbst einen. Den Schritt in den Massenmarkt hält er für überfällig. „Da winkt noch ein riesiges Geschäftspotenzial.“ Im September vergangenen Jahres hat in Tokio bereits der erste „Grand Prix der Flennenden Männer“ stattgefunden. Nach einer virtuellen Vorrunde in der Handy-App DMM.yell blieben zwölf hübsche Jungs übrig, die auf der Bühne einer Konzerthalle ihr Bestes gaben. Terai war einer der Juroren. „Es kommt auf ein ästhetisches Heulgesicht an“, erklärten die Kampfrichter. Wichtig sei auch eine authentische Anmutung des Weinens. Es müsse wirklich von innen herausbrechen, statt nur aufgesetzt zu sein. Gewonnen hat Ryozan Sawamura, 23 Jahre alt, von Beruf Fotomodel. Er war dann auch der Star der Veranstaltung im Kaufhaus Marui. Teilnehmerin Watanabe war zwar enttäuscht, ihren Kurs nicht beim Meister-Heuler Sawamura belegen zu können (er war ausgebucht), doch sie erwartet auch von Saiki viel. „Schon sein Gesicht berührt mein Herz, ich werde gleich vom ersten Moment an wild losweinen“, glaubt sie. Sie hoffe, dass er ihr mit einem Papiertaschentuch sanft die Wange abwischt.

Saiki selbst ist ein Showprofi, der sich erst kürzlich auf das Tränenbusiness verlegt hat. Er hat ursprünglich an der renommierten Kyoto-Universität Naturwissenschaften studiert, später im Synchronschwimmen brilliert und nennt sich heute „Tränen-Therapeut“.

Volkshochschul-Vorträge

„Ich will künftig einen größeren Teil meiner kreativen Energie auf professionelle Tränen-Aktivitäten verwenden“, kündigt Saiki auf seiner Homepage an. Er sieht sich inzwischen hauptsächlich als Heul-Boy. Terais Truppe von Tränen-Therapeuten tingelt nun in Workshops durchs ganze Land, um ihre frohe Botschaft zu verbreiten. „Männer weinen nicht? Von wegen!“ so heißen die Vorträge in Volkshochschulen und Stadtteilbibliotheken. Die Veranstaltungen sind gut besucht. „Die Leute haben sich lange nach so etwas gesehnt“, glaubt Terai. „Sie wollen endlich lernen, Schwäche zu zeigen.“