Zehntausende gelten nach den schweren Erdbeben in Venezuela als vermisst. Die Suche läuft weiter, während die Chancen für Überlebende unter den Trümmern mit jeder Stunde sinken.
Hoffnung schwindetMehr als 1400 Tote nach Erdbeben

Drei Tage nach den Erdbeben suchen Menschen in La Guaira in den Trümmern eines eingestürzten Gebäudes nach Vermissten.
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Am dritten Tag nach den verheerenden Erdbeben ist der Verbleib von Zehntausenden Menschen in Venezuela weiterhin unklar. Die Zahl der Toten nach der Erdbebenkatastrophe in Venezuela ist auf 1430 gestiegen. Mehr als 3200 Menschen seien verletzt worden, teilte der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez, mit. Befürchtet wird weiter, dass Tausende Menschen unter Trümmern eingeschlossen sein könnten.
Angesichts der katastrophalen Lage hat Venezuelas geschäftsführende Präsidentin Delcy Rodríguez an den Zusammenhalt der Bevölkerung appelliert. „Ein Land wird in großen Krisen geformt, und eine dieser großen Krisen ist die, die das venezolanische Volk heute durchmacht - eine wahrlich schmerzhafte Situation für unsere Nation“, erklärte Rodríguez in einer Ansprache am frühen Samstagmorgen (Ortszeit).
Viele Häuser unbewohnbar
Viele Anwohner in den betroffenen Regionen haben am dritten Tag nach den Beben kein festes Dach über dem Kopf. Man begleite die Familien, die wegen bestehender Risiken und Schäden nicht in ihr Zuhause zurückkehren könnten, erklärte Rodríguez auf X. „Wir haben provisorische Unterkünfte und die notwendige umfassende Betreuung bereitgestellt, um jede Familie zu schützen.“
Besonders im Bundesstaat La Guaia, aber auch in der Hauptstadt Caracas hatten die Beben der Stärke 7,2 und 7,5 am Mittwoch erhebliche Zerstörung verursacht, teils wurden ganze Straßenzüge von Hochhäusern dem Erdboden gleichgemacht. Mehr als 380 Wohnhäuser sowie 13 Krankenhäuser wurden nach Angaben der Präsidentin zerstört oder schwer beschädigt. Auch Einkaufszentren und andere öffentliche Gebäude seien eingestürzt.
Der Verbleib von vielen Menschen ist völlig unklar, Angehörige können sich oft nicht erreichen - noch immer Strom und Mobilfunknetz nicht flächendeckend wiederhergestellt.
Verzweifelte Suche nach Vermissten und Verschütteten
Doch ein genauer Überblick darüber, wer wirklich fehlt, ist schwer zu bekommen. Auf einem eigens für die Suche nach Vermissten eingerichteten Internetportal gelten nach Angaben der Betreiber derzeit mehr als 54.000 Menschen als vermisst. Auf der inoffiziellen Plattform können Angehörige und Bekannte Fotos zusammen mit weiteren Informationen hochladen. Die Angaben lassen sich allerdings nicht unabhängig überprüfen.
Derweil schließt sich allmählich das kritische Zeitfenster, um noch Überlebende zu finden. Experten gehen davon aus, dass die Chancen der Vermissten und Verschütteten nach 72 Stunden stark sinken.
Die Suche in Schutt und Trümmern wird entsprechend unermüdlich unter schwierigen Bedingungen fortgesetzt. Allerorts beteiligen sich Anwohner und freiwillige Helfer neben den professionellen Einsatzkräften.
Hilfe trifft ein - auch aus Deutschland
Im Internet geteilte Aufnahmen von erfolgreichen Rettungen Verschütteter bewahren die Hoffnungen auf kleine Wunder inmitten der Katastrophe: In sozialen Medien wurden freiwillige Helfer gefeiert, die mit einer improvisierten Fassung eines venezolanischen Weihnachtslieds auf den Lippen zum Einsatz schritten. Vielfach geteilt wurden auch Videos der erfolgreichen Rettungen durch Border Collie „Tsunami“, der als einer der wenigen Rettungshunde Venezuelas eine Spezialausbildung darin besitzt, Menschen in schwer zugänglichen Gebieten aufzuspüren.
Inzwischen ist auch internationale Hilfe in Venezuela angelangt. Rettungskräfte aus vielen Ländern beteiligten sich mit Spezialgerätschaften und Suchhunden. Auch ein 48-köpfiges Team des Technischen Hilfswerks (THW) ist in Venezuela eingetroffen. Man sei in der Nacht am Flughafen Caracas gelandet und beginne nun gemeinsam mit internationalen Partnern mit der Lageerkundung, teilte das THW mit. Ziel sei, so schnell wie möglich mit der Suche nach Vermissten zu beginnen. Dies sei allerdings ein „Wettlauf gegen die Zeit“.
Auch dringend benötigte Hilfsgüter gelangen ins Land. In Zusammenarbeit mit dem Kolumbianischen Roten Kreuz würden Materialien derzeit über die Grenze ins Nachbarland Venezuela transportiert, um das dortige Rote Kreuz zu unterstützen, teilte etwa das Deutsche Rote Kreuz mit.
Geliefert würden unter anderem Erste-Hilfe-Materialien, Traumakits, medizinische Verbrauchsgüter sowie Funk- und Telekommunikationstechnik. Auch Ausrüstung und Kleidung für die Helfer sei dabei. Dem DRK zufolge stammen die Güter aus einem Vorrat, der in der Grenzregion zwischen Kolumbien und Venezuela lagerte, und deshalb umgehend eingesetzt werden könne. „Solche Investitionen in die Katastrophenvorsorge zahlen sich im Ernstfall aus“, erklärte DRK-Generalsekretär Christian Reuter. Unterstützung für das Unterfangen komme sowohl von der EU als auch dem Auswärtigen Amt.
Weitere deutsche Hilfsorganisationen riefen zu Spenden auf, um mit Verbänden vor Ort Soforthilfe für die betroffene Bevölkerung leisten zu können. Die Nothilfe für die Überlebenden umfasse Lebensmittel, Wasser, Medikamente, Hygieneartikel und Kleidung, schrieb zum Beispiel die Frankfurter Organisation medico international.
Rettungshoffnung schwindet
Der Einsatz internationaler Rettungsteams nach den Erdbeben in Venezuela hat die Suche nach Überlebenden beschleunigt, für Angehörige von Vermissten aber zum Teil auch traurige Gewissheit gebracht. Nach Erkundungsarbeiten schlossen etwa mexikanische Rettungskräfte in einem eingestürzten Gebäude im Stadtbezirk Chacao der Hauptstadt Caracas die Möglichkeit aus, dort noch lebende Menschen zu finden.
„Sie halten es aufgrund des Gewichts der Konstruktion für sehr unwahrscheinlich, dass sich dort noch Überlebende befinden“, sagte der Bürgermeister von Chacao, Gustavo Duque, in einem Video vor dem Wohngebäude Petunia. Das dort eingesetzte Rettungsteam habe nach einer ersten Inspektion festgestellt, dass die Betonplatten vollständig zusammengedrückt seien.
Chacao schon 1967 schwer getroffen
Der Bezirk Chacao im Osten der Hauptstadt gehört zu den am stärksten betroffenen Gebieten der Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5, die bislang nach offiziellen Zahlen 920 Menschen das Leben gekostet haben. In den modernen Vierteln Los Palos Grandes und Altamira sind mehrere Gebäude eingestürzt - ähnlich wie beim Erdbeben der Stärke 6,3 im Jahr 1967, bei dem rund 250 Menschen ums Leben kamen.
Die umliegenden Straßen werden seit den Erdbeben am Mittwoch von Polizei und Soldaten abgesperrt, um verzweifelte Angehörige, die nach Nachrichten über Vermisste suchen, am Betreten der Unglücksstelle zu hindern.
Silvia D’Avino weinte vor den schweren Baumaschinen der Rettungsteams. Ihre Schwester und deren Sohn lebten in einem der eingestürzten Wohnkomplexe. „Kaum hatte ich erfahren, was vorgefallen war, bin ich hergekommen und musste feststellen, dass das Gebäude in Trümmern lag“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur.
Am Freitag besuchte die geschäftsführende Präsidentin Delcy Rodríguez Chacao. Medienberichten zufolge wurde sie dabei ausgebuht. Eine Frau warf ihr vor, die Tragödie für politische Zwecke zu instrumentalisieren, wie in einem Video zu sehen war, das unter anderem die Zeitung „El Nacional“ veröffentlichte.
Nachbeben erschweren Rettungsarbeiten
Die schwere Zerstörung an der Infrastruktur des Landes wie Flughäfen und Straßen stellten eine zusätzliche Herausforderung dar, Hilfslieferungen und schwere Gerätschaften für die Suche nach Verschütteten in die betroffenen Gegenden zu bringen. Zudem erschütterten seit Mittwoch mehr als 300 kleinere Nachbeben die Region.
Bei Beben von solch erheblicher Stärke könne es drei bis sechs Monate dauern, bis die seismische Aktivität in der Region nachlasse, erläuterte der venezolanische Geologe Franck Audemard dem Portal „TalCual“. Der Experte merkte an, dass unter den eingestürzten Gebäuden - besonders im Großraum Caracas und La Guaira - Hochhäuser waren, deren Bau eigentlich strenge Erdbeben-Sicherheitsstandards hätte erfüllen müssen und die selbst bei einer Bebenstärke von 7,5 nicht hätten kollabieren dürfen. „Das bedeutet, dass die Vorschriften für erdbebensicheres Bauen nicht eingehalten wurden“, schlussfolgerte Audemard.
Im besonders schwer betroffenen Bundesstaat La Guaira haben Venezuelas Streitkräfte die Kontrolle übernommen und die Zufahrtsstraßen in die Region abgesperrt. Damit will die Regierung in Caracas verhindern, dass Menschen unnötig dorthin reisen.
Britischer König sendet Anteilnahme
Präsidentin Rodríguez bedankte sich bei allen Helfern und Rettungskräften des Landes für den unermüdlichen Einsatz sowie für die eintreffende internationale Hilfe und Anteilnahme aus dem Ausland. Explizit dankte sie auf der Plattform X der US-Regierung von Präsident Donald Trump für die Entsendung von Rettungskräften, Ausrüstung und humanitäre Hilfe. „Wir sind zutiefst dankbar für diese Geste der Freundschaft und Zusammenarbeit“, schrieb die Staatschefin.
Rodríguez hat als einstige Stellvertreterin des langjährigen Machthabers Nicolás Maduro die Regierungsgeschäfte Venezuelas inne, seit das US-Militär Maduro in Caracas im Januar gefangen nahm, um ihn wegen Drogendelikten in den USA vor Gericht zu stellen.
Neben Hilfe erreichte Venezuela auch international große Anteilnahme unter anderem aus Großbritannien. Der britische König Charles III. zeigte sich von der Katastrophe tief betroffen. Er und Königin Camilla, „bewundern zutiefst die Widerstandsfähigkeit und Kraft des venezolanischen Volkes und senden aus tiefstem Herzen unser Beileid an alle, die von dieser furchtbaren Tragödie betroffen sind“, schrieb Charles in einer Mitteilung. (RND/dpa)
