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Gasdruck und ArtenvielfaltWarum Wal „Timmys“ gefährliches Erbe ein Segen für die Ostsee ist

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Vor der dänischen Insel Anholt liegt der verendete Buckelwal „Timmy“, der regelmäßig von Möwen besucht wird, die sich an ihm gütlich tun.

Vor der dänischen Insel Anholt liegt der verendete Buckelwal „Timmy“, der regelmäßig von Möwen besucht wird, die sich an ihm gütlich tun. (Archivbild vom 15. April 2026)

Aufgebläht im Flachwasser: Dem Kadaver von „Timmy“ droht die Explosion. Ein Meeresbiologe sieht darin einen Neuanfang.

Der Fund des verendeten Buckelwals „Timmy“ vor der dänischen Insel Anholt bewegt weiterhin die Gemüter, doch inmitten der Debatten um rücksichtslose Schaulustige gibt es auch eine tröstliche Perspektive aus der Wissenschaft. Meeresbiologe Fabian Ritter betont gegenüber der „Bild“-Zeitung, dass der Tod des Tieres gleichzeitig den Beginn von neuem Leben markiert.

Buckelwal „Timmy“ verwest langsam – Explosion droht

In der Meeresbiologie ist dieses Phänomen als „Whale Fall“ (zu Deutsch: „Walsturz“) bekannt. Verbleibt der Kadaver im Meer, entsteht eine gigantische Oase für das maritime Ökosystem. Tonnen von Nährstoffen gelangen so wieder in den Naturkreislauf und sichern das Überleben Tausender Organismen – von Seevögeln und Fischen an der Oberfläche bis hin zu Krebsen und Mikroorganismen am Meeresgrund. Für Ritter ist dieser natürliche Verfall der würdigste Abschied für den Meeresriesen.

Tierärztin Anne Herrschaft begutachtet zusammen mit Helfern Buckelwal „Timmy“, der vor der dänischen Insel Anholt liegt.

Tierärztin Anne Herrschaft begutachtet zusammen mit Helfern Buckelwal „Timmy“, der vor der dänischen Insel Anholt liegt. (Archivbild vom 16. Mai 2026)

Bevor dieser Prozess jedoch vollständig einsetzen kann, steht dem Kadaver noch eine biologisch ungemütliche Phase bevor: die akute Explosionsgefahr. Durch die fortschreitende Verwesung stauen sich im gasdichten Inneren des Wals enorme Mengen an Fäulnisgasen an, die den Körper wie einen Ballon aufblähen.

Explosion ist in der Natur ein notwendiger Schritt

Was für Beobachter bedrohlich und makaber wirkt, ist in der Natur ein notwendiger Schritt. Sobald der Druck entweicht oder die dicke Haut durch Aasfresser geöffnet wird, sinkt der Kadaver ab und wird endgültig zur Lebensgrundlage für die Tiefsee.

Während „Timmy“ als einzelner Buckelwal die Schlagzeilen in Deutschland dominierte, verzeichneten die Nachbarländer zur gleichen Zeit eine Häufung von Strandungen anderer Großwale.

Vor der dänischen Insel Anholt liegt der verendete Buckelwal „Timmy“.

Vor der dänischen Insel Anholt liegt der verendete Buckelwal „Timmy“.

Allein im Januar und Februar 2026 kam es vor der dänischen Küste (unter anderem bei Fanø, Skallingen und Nordjütland) zu einer regelrechten Strandungswelle: Mindestens sieben Pottwale verendeten dort innerhalb weniger Wochen. Darüber berichtete unter anderem die „Tagesschau“. Für diese Tiefsee-Giganten wird die flache Nordsee aufgrund ihrer Echoortung regelmäßig zur tödlichen Sackgasse.

Schicksal von „Timmy“ kein Einzelfall

Setzt man „Timmy“ ins Verhältnis zu den kleineren, artverwandten Säugern in unseren Breitengraden – den einheimischen Schweinswalen –, wird das Ausmaß erst richtig deutlich.

Schweinswale sind die am häufigsten in Nord- und Ostsee vorkommenden Wale, doch ihr Sterben vollzieht sich meist abseits der großen Öffentlichkeit: Experten von Organisationen wie Greenpeace und der Whale and Dolphin Conservation (WDC) gehen davon aus, dass in den Gewässern von Nord- und Ostsee jährlich mehrere tausend Wale und Delfine sterben. 

Die weitaus größte Zahl dieser Tiere verendet nicht durch natürliche Erschöpfung oder Orientierungslosigkeit wie die Großwale, sondern völlig unbemerkt als sogenannter Beifang in den Stellnetzen der kommerziellen Fischerei.