Ein ungewöhnlicher Sarkophag in der Londoner Westminster Abbey gibt Forschenden laut „The Guardian“ seit mehr als 150 Jahren Rätsel auf. Nun hat der britische Archäologe Warwick Rodwell neue Erkenntnisse zu den menschlichen Überresten vorgelegt.
In einer Studie im „Journal of the British Archaeological Association“ kommt er demnach zu dem Schluss, dass es sich bei dem Toten wahrscheinlich um einen hochrangigen mittelalterlichen Mönch handelt. Zwei Äbte kommen als mögliche Identitäten infrage.
Westminster Abbey: Skelett stammt aus dem Mittelalter
Der steinerne Sarkophag wurde ursprünglich in der Römerzeit angefertigt. Eine lateinische Inschrift nennt einen Mann namens Valerius Amandinus, der vermutlich im 4. Jahrhundert lebte. Seine Söhne ließen das Grabmal für ihn herstellen. Ein großes lateinisches Kreuz auf dem Deckel wurde jedoch erst im 10. oder 11. Jahrhundert eingemeißelt. Das deutet darauf hin, dass der Sarkophag Jahrhunderte später erneut als Grabstätte genutzt wurde.
Arbeiter entdeckten den Sarg erstmals 1820. Dabei zerbrach der Deckel in mehrere Teile. Bei einer erneuten Untersuchung im Jahr 1869 wurden die Funde dokumentiert. Lange galt es als unklar, ob die menschlichen Überreste noch vorhanden waren. Als der Sarkophag 2016 für Konservierungsarbeiten geöffnet wurde, kam ein nahezu vollständiges Skelett zum Vorschein.
Die Untersuchung ergab, dass der Mann bei seinem Tod zwischen 35 und 49 Jahre alt und etwa 1,75 Meter groß war. Eine Radiokarbondatierung zufolge starb er zwischen 987 und 1052 nach Christus. Damit lebte er rund 700 Jahre nach dem ursprünglichen Besitzer des Sarkophags.
„Das bestätigt, dass die Wiederverwendung des Sarkophags und die Umgestaltung seines Deckels in der späten angelsächsischen Zeit erfolgten“, erklärte Rodwell laut einer Mitteilung zu den Forschungsergebnissen.
Auch die Bestattungsweise deutet nach Einschätzung des Archäologen auf einen gesellschaftlich bedeutenden Verstorbenen hin. Der Mann wurde offenbar zunächst in einen Holzsarg gelegt, der anschließend in den römischen Steinsarkophag kam. Vom Holz blieb nichts erhalten. Im Inneren fanden die Forschenden jedoch einen rechteckigen Umriss aus Kalkresten.
Zwei Äbte kommen als mögliche Identität infrage
Wer in dem Sarkophag bestattet wurde, lässt sich bislang nicht eindeutig feststellen. „Wir haben zwei plausible Anwärter für den Bewohner des Sarkophags“, sagte Rodwell.
Als erster Kandidat gilt Aelfwig, der zunächst Mönch in Westminster war und später zum Abt aufstieg. Er starb um 1020. Als zweite Möglichkeit kommt sein Nachfolger Wulnoth infrage, der 1049 starb. Beide Todesdaten liegen innerhalb des Zeitraums, den die Radiokarbondatierung für das Skelett ergeben hat.
„Wir kennen das Geburtsdatum von keinem der beiden“, erklärte Rodwell. Wenn beide Männer Anfang 20 zum Abt ernannt worden wären und mit knapp 50 Jahren gestorben wären, würde ihr Alter zu den Untersuchungsergebnissen passen. Aelfwig hält der Archäologe für etwas wahrscheinlicher, weil dieser bereits vor seiner Ernennung zum Abt Mönch in Westminster war.
Auch die ursprüngliche Herkunft des römischen Sarkophags ist nicht geklärt. Das verwendete Gestein stammt aus Oxfordshire. Rodwell hält es für möglich, dass sich einst in der Umgebung der heutigen Westminster Abbey eine römische Villa mit Friedhof befand.
Der Sarkophag ist heute in den Queen's Diamond Jubilee Galleries der Westminster Abbey ausgestellt. (jag)

