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Der Overather KartoffelkriegMit dem Maschinengewehr gegen Kölner Plünderer

Lesezeit 3 Minuten
Vor der Dorfschmiede gab es das erste Opfer im Overather Kartoffelkrieg. Der Gendarm Josef Stammen hatte keine Chance, die Eskalation zu aufzuhalten.

Vor der Dorfschmiede (l.) gab es das erste Opfer im Overather Kartoffelkrieg. Der Gendarm Josef Stammen (r.) hatte keine Chance, die Eskalation aufzuhalten

Vor 100 Jahren eskalierte die Auseinandersetzung zwischen Plünderern und den Bauern im Bergischen. Die neue Folge von „True Crime Köln“ berichtet vom Overather Kartoffelkrieg.

„Anarchie im Aggertal" titelte das „Mucher Tageblatt“ im Oktober 1923. Plündernde Kölner seien über Bauern rund um Overath und andere Orte im Bergischen Land hergefallen, um zu sie zu berauben. Die Bauern wehrten sich gegen Tausende Städter, es fielen Schüsse, die Lage eskalierte. Es gab Tote und Verletzte auf beiden Seiten. Bei einer Auseinandersetzung auf einem Hof wurde ein Kölner getötet und einer verletzt. Der flüchtende Schütze wurde verfolgt und brutal mit einer Hacke erschlagen. Es waren nicht die letzten Opfer.

Weil von den französischen Besetzungstruppen oder der Kölner Polizei keine Hilfe kam, hatten sich die Bewohner der kleinen Orte im Bergischen Land dazu entschlossen, eine schlagkräftige Bürgerwehr aufzubauen. Nachdem sie tagelang mehr oder weniger tatenlos dabei zusehen mussten, wie Tausende Kölner ihre Ernte, aber auch Kleinvieh und andere Habseligkeiten stahlen, wurde ein bewaffneter Selbstschutz organisiert. Sogar ein Maschinengewehr wurde in Stellung gebracht.

Die neue Folge von „True Crime Köln“ hören:

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Rund tausend Bauern und ihre Angehörigen – rund ein Drittel von ihnen mit Gewehren bewaffnet – stellten sich den Plünderern entgegen, berichtet der Historiker Andreas Heider, der als CDU-Politiker selbst einmal Bürgermeister in Overath war, in der neuen Podcast-Folge von „True Crime Köln“.

Hühner mit Knüppeln totgeschlagen

Sein damaliger Vorgänger konnte wenig gegen die Gewalt tun. Die Franzosen hatten ihn ausgewiesen. Wenn er sich mit seinem Gemeinderat treffen wollte, musste das in einer Kneipe in Much geschehen. Der Ort gehörte zu einer neutralen Zone zwischen den Besatzungszonen. Von Köln aus schrieb er verzweifelte Leserbriefe an die Zeitungen der Stadt, von denen die Geschehnisse vor 100 Jahren als „Overather Kartoffelkrieg“ verharmlost worden waren.

Die Sicht der Kölner war eine andere als die der betroffenen Bauern. Die seien selbst schuld, schrieb die Rheinische Zeitung, weil die Bauern auf ihren Ernten hocken würden, „während in den elenden Löchern der Städte das Volk verreckt“. Auf die Gewalteskalation folgte somit eine Propagandaschlacht zwischen Stadt und Land. Die Overather Bürgermeisterei machte die Städter verantwortlich für die Eskalation: Die Plünderer seien mit Handgranaten und Revolvern gekommen. „Man hat ganz arme Leute ihres letzten Bestandes an Kartoffeln beraubt, auch unter Drohungen Kleider, Bettwäsche, Getreide und Mehl geraubt, auch die Hühner mit den Knüppeln totgeschlagen und weggeschleppt.“

Die neue Folge von „True Crime Köln“ zum „Overather Kartoffelkrieg“ befasst sich mit einem spektakulären Fall der Kölner und regionalen Geschichte: Die vielen Straftaten in einem blutigen Konflikt im Bergischen Land, den ganze Horden von Kölnerinnen und Kölnern ausgelöst hatten, wurden nie gesühnt. Den Opfern fehlten offensichtlich die Fürsprecher bei den Ermittlungsbehörden.

Die neue Folge von „True Crime Köln“ können Sie überall hören, wo es Podcasts gibt, und über die Seiten des „Kölner Stadt-Anzeiger“ im Internet.

www.ksta.de/true-crime-koeln

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