- Die Deutschen pflegen eine Hassliebe zur Bürokratie.
- Auswüchse wie die Bonpflicht fördern fatalerweise den Ruf nach raschem Durchgriff.
- Stephan Grünewald mit einer neuen Folge seiner Kolumne „Deutsche Zustände“
Die seit Januar geltende Bonpflicht hat zu viel Unmut geführt (Lesen Sie hier was Kölner Händler zur Bonflicht sagen). Politiker verweisen darauf, dass sie den Steuerbetrug eindämmt. Umweltschützer hingegen kritisieren die enorme Papiervergeudung. Und die Kunden erleben die Bonpflicht als Tempolimit im Zahlungsverkehr. Bereits beim Brötchenkauf am Morgen wird die schlafwandlerische Routine ausgebremst. Beim Aufbruch in ein neues Jahrzehnt kehrt Deutschland seine bürokratische Seite heraus.
Gesetze und Regularien sind wichtig. Ohne ihren Ordnungsrahmen wäre jeder Bürger der Willkür des Einzelnen oder des Staates unterworfen. Eine funktionierende Bürokratie schafft Sicherheit, Verlässlichkeit, Berechenbarkeit und auch Gerechtigkeit. Aber aus Wohltat droht Plage zu werden, wenn sich die Regelwerke verselbstständigen, wenn sie engmaschiger und am Ende kafkaesk werden. Die Ordnungen werden dann nicht mehr als Hilfe erlebt, sondern als Gängelung, als absurdes Diktat.
Dateien werden mehr gepflegt als Patienten
In Krankenhäusern zum Beispiel führt eine akribische Dokumentationspflicht mitunter dazu, dass die Ärzte mehr Zeit für die Pflege der Dateien aufbringen als für die Pflege der Patienten. Im Paragrafendschungel verheddern sich nicht nur private Kleinprojekte wie der Hausbau, sondern auch Großprojekte wie Flughäfen oder Opern.
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Die Auswüchse der Bürokratie fördern fatalerweise in Teilen der Bevölkerung die Sehnsucht nach raschem Zugriff und radikalem Durchregieren. Voller Bewunderung blicken manche nach China, wo innerhalb von nur zehn Tagen ein Krankenhaus mit 1000 Betten entsteht. Führergestalten wie Trump, Putin oder Erdogan gewinnen auch hierzulande an Faszination, weil sie Fortschritt durch kompromissloses Vorwärtskommen verheißen. Die Bürokratie-Skepsis droht so zu einer gefährlichen Demokratie-Skepsis zu werden. Wieso noch mühsam und zeitaufwendig Interessen ausgleichen, Rücksicht auf Schwächere oder Minderheiten nehmen, wenn nationale Egoismen oder handstreichartige Unternehmungen als Erfolgsmodell erscheinen?
Der deutsche Stolz auf standardisierbare Perfektion
Allerdings gibt es in Deutschland keine generelle Bürokratie-Aversion, sondern eine innige Hassliebe. Behörden, Regeln, DIN-Normen und Paragrafen sind eine Art Identitätsanker. Sie versprechen, die deutsche Unruhe zu bannen und eine absolut verlässliche, sichere und perfekte Welt zu errichten, die mit der Präzision eines Uhrwerkes funktioniert. Der Stolz auf standardisierbare Perfektion hat Deutschland zum Land der Organisatoren, Bürokraten und Logistiker gemacht, zum „Tüv der Welt“, der global vom Spielzeug bis zum Kernkraftwerk alles prüft.
Sobald die Bürokratie einen persönlichen Zugewinn an Sicherheit oder Kontrolle verheißt, wird sie auch heute geliebt und eingefordert. Wir erleben das in diesen Wochen im Umgang mit dem Coronavirus, wo der Ruf nach Reise-Restriktionen, Quarantäne, vorsorglichen Kontrollen laut und beinahe einhellig ist. In Sachen Gesundheit hat sich auch hierzulande eine digitale Privatbürokratie durchgesetzt, die zu einer freiwilligen Selbstversklavung führen kann. Von Fitness- oder Ernährungs-Apps lassen sich die Nutzer exakt vorschreiben, wie viel sie sich bewegen oder was sie genau essen müssen. Den vorgegebenen Algorithmen folgen sie oft mehr als ihrem eigenen Biorhythmus.
Eine geordnete Welt braucht Spielräume
Wir brauchen heute im Privatleben wie in der Politik eine Revision der Bürokratie. Bestehende Ordnungen müssen daraufhin überprüft werden, ob sie noch sinnvoll und tragfähig sind. Neue Bestimmungen sollten die Idee der Gerechtigkeit mit den Notwendigkeiten der Lebenspraxis in Einklang bringen. Und Akzeptanz in der Bevölkerung werden die Ordnungen nur finden, wenn klar ist, dass sie für alle gelten.
Letztlich braucht eine geordnete Welt auch Spielräume. Es ist kein Zufall, dass die bürokratieverliebten Deutschen gleichzeitig auch Reiseweltmeister sind. Regelstrenge braucht die kompensatorische Flucht in die Exotik der Ferne und den sporadischen Flirt mit dem Chaotischen. Die Menschen sind eben nicht perfekt, und sie wollen es auch nicht immer sein. Wir sind alle kleine Sünderlein, nicht bloß jetzt im Karneval. Unser Alltag funktioniert nur, wenn wir uns hin und wieder an die Grenze des Erlaubten herantasten. Wir brauchen daher Regeln mit menschlichem Maß. Das Auge des Gesetzes sollte stets wichtiger sein als der Buchstabe des Gesetzes. Sonst wird der Wunschtraum von einer perfekten Welt, in der alles akribisch geregelt ist, zum Albtraum.
Stephan Grünewald ist Geschäftsführer des Kölner „rheingold“-Instituts. Er schreibt in seiner Kolumne aus psychologischer Sicht über gesellschaftlich relevante Themen.

