Berlin – Johannes Clair (28) ist der 2. Vorsitzende des Bundes Deutscher Veteranen und diente von Juni 2010 bis Januar 2011 in Afghanistan. Darüber hat er das Buch „Vier Tage im November“ geschrieben.
Herr Clair, Haben Sie den Eindruck, die Bundeswehr tut genug für Soldaten mit psychischen Erkrankungen?
Johannes Clair: Die Fürsorge der Bundeswehr en Soldaten gegenüber hat sich in den vergangenen Jahren verbessert. Aber das ist noch längst nicht ausreichend. Die bürokratischen Hürden, die zu überwinden sind, um eine Wehrdienstbeschädigung anerkannt zu bekommen, sind sehr hoch. Und bislang ist es so, dass ein Soldat selbst handeln muss, um Hilfe zu erhalten. Er muss sich melden, wenn er das Gefühl hat, Schäden davongetragen zu haben.
Sie waren als Soldat in Afghanistan. Wie haben Sie den Einsatz verkraftet und wurde Ihnen Hilfe angeboten?
Clair: Nach meinem Einsatz habe ich eine Präventivkur angeboten bekommen, die ich gemacht habe. Das ist aber keine psychologische Maßnahme, sondern dient nur dazu, die Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen. Irgendwann war mein Energielevel am Boden, ich war völlig ausgebrannt. Mein Buch zu schreiben, hat mir geholfen, überhaupt über die Erlebnisse sprechen zu können. Noch heute, also zweieinhalb Jahre nach meiner Rückkehr aus Afghanistan, dreht sich mein Leben permanent um den Einsatz. Ich leide unter anderem unter Schlafstörungen und Alpträumen.
Haben Sie eine Posttraumatische Belastungsstörung?
Clair: Erst vor einigen Wochen hatte ich mein erstes Trigger-Erlebnis, durch das ich erkannt habe, dass ich eine Einsatzschädigung habe. Inzwischen mache ich eine Psychotherapie, in der eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert wurde. Durch die Therapie wird zwar alles noch einmal aktiv aufgewühlt, aber ich erlebe das gleichzeitig als Befreiung.
Man geht davon aus, dass die Dunkelziffer der Soldaten mit psychischen Erkrankungen sehr hoch ist. Warum holen sich viele keine Hilfe?
Clair: Viele Soldaten merken anfangs gar nicht, dass sie ein Problem haben. Wer aggressiv oder gewalttätig wird, fällt auf. Aber viele Traumatisierte ziehen sich zurück, dadurch bleibt die Erkrankung auch für das Umfeld unentdeckt. Die aktuelle Studie hat Soldaten ein Jahr nach ihrem Einsatz befragt. Oft vergehen aber Jahre, bis sich Störungen bemerkbar machen. Bei mir hat es ja auch zweieinhalb Jahre gedauert. Außerdem ist das Thema mit großer Scham besetzt. Das Bild des Soldaten in der Öffentlichkeit ist das eines starken, tapferen Beschützers. Da ist kein Raum für Verletzbarkeit. Es ist ein langer Weg: Erst muss sich der Betroffene selbst seine Erkrankung eingestehen, dann gegenüber dem Umfeld und den Behörden.
Was müsste sich ändern?
Clair: Es muss viel mehr aufgeklärt werden. Viele Veteranen denken, dass mit dem Ende des Einsatzes alles beendet ist. Auf die möglichen Folgen werden sie nicht vorbereitet. Ich wünsche mir auch einen Vorkurs für die Angehörigen, denn sie tragen einen Großteil der Belastung mit. Es gibt Studien, nach denen auch die Angehörigen eine PTBS entwickeln können. Außerdem müssten Soldaten auf mögliche psychische Vorbelastungen untersucht werden, bevor sie in einen Einsatz geschickt werden.
Die Zahl der PTBS-Erkrankten ist der neuen Studie zufolge weiter gestiegen. Werden die Einsätze härter oder lassen sich mehr Soldaten behandeln?
Clair: Zum einen ist die Intensität der Einsätze gestiegen, dadurch gibt es naturgemäß auch mehr Erkrankte. Zum anderen ist das Thema mehr in den Medien, die Öffentlichkeit stärker sensibilisiert. Durch den allmählichen Abzug der Soldaten aus Afghanistan mehren sich außerdem die Fälle. Solange ein Soldat im Einsatz ist, funktioniert er. Erst wenn er wieder zu Hause ist, kommt das Erlebte nach und nach hoch.
