Köln – Draußen vor der Tür, dort, wo fast drei Jahrzehnte Tränen flossen wegen des Abschiedsschmerzes und der Angst vor einer ungewissen Zukunft, genießen an diesem Oktobernachmittag viele Menschen die warmen Sonnenstrahlen des milden Herbstes 2014. Die Spree ist nahe, von den Ausflugsdampfern schwirrt johlend gute Laune herüber. Vom Bahnhof Friedrichstraße im Hintergrund gelangen quietschende Laute und helle Ansagen ins Ohr, auf den Treppen betrachten Jugendliche stoisch ihre Smartphones. Friedliche Gegenwart am Reichstagufer 17.
Ein paar Meter weiter jedoch, gleich vor der Tür des berüchtigten Pavillons am Bahnhof Friedrichstraße wird das Leid der Vergangenheit auch heute noch lebendig. „Ausreise“ steht in schwarzen Originallettern auf blankem Beton über dem Eingang. Der Weg in den Westen führte für viele Bürger Ostberlins und der gesamten DDR unter diesem Schild hindurch, hinein in ein Ensemble aus welligem Glas, dessen Name laut Standortgenehmigung der städtischen Verwaltung vom 9. September 1961 offiziell „Zollabfertigungsgebäude“ lautete. Der Bahnhof Friedrichstraße entwickelte sich zu Berlins wichtigstem Grenzübergang. 1972 verließen 4,3 Millionen Menschen die DDR über diesen Außenposten, 1988 waren es schon 10,3 Millionen Bürger. Viele kamen abends oder nach einem Urlaub wieder zurück, manche jedoch blieben für immer im Westen.
Seit Mitte September 2011 ist dieser Ort erstmals nach dem Fall der Mauer wieder in seiner alten, angsteinflößenden, herrischen DDR-Funktion zu besichtigen. Die „Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ hat dort eine Dauerausstellung eingerichtet: „Grenzerfahrungen. Alltag der deutschen Teilung“, Eintritt frei. Das „Zollabfertigungsgebäude“ ist jetzt ein Symbol für den Ausreisewillen; für die Sehnsucht nach Ost-West-Begegnungen im Alltag; für die Überwindung der unwirklichen Grenze, die es zwischen zwei deutschen Staaten gab.
Das war zur Zeit seiner Bestimmung zwischen 1962 und 1990 noch ganz anders: Dieser Raum stand für Überwachung, Schikane, Wut auf die Unmenschlichkeit einer Diktatur, war ein gelebter Ausdruck und Mikrokosmos der deutsch-deutschen Teilung und der damit verbundenen Schicksale. „Hier hat Geschichte tatsächlich stattgefunden“, sagt Mike Lukasch, Abteilungsleiter Berlin der Stiftung. Nötig wurde dieses Kapitel deutscher Geschichte für die Grenzzieher der DDR nach dem Mauerbau im August 1961.
Unter dem Schriftzug „Ausreise“ konnten nur Ostdeutsche hindurch schreiten, die eine offizielle Genehmigung zum Grenzübertritt besaßen und sich geduldig angestellt hatten in der bisweilen langen Schlange. Und am Ende des Weges begann der Schmerz. Abschied von den Verwandten und Freunden aus Ost und West. Tränen flossen häufig draußen, und oft auch drinnen, manchmal schon bei der Einlasskontrolle vor dem Eintritt in das Gebäude, manchmal danach. Dieser Pavillon, seit Mitte 1962 in Betrieb, erhielt deshalb im Ostberliner Volksmund den passenden Namen: Tränenpalast.
Nach der anschließenden quälenden Zoll- und Passkontrolle ging es schließlich durch ein verwinkeltes Labyrinth hinein in den Bahnhof Friedrichstraße – und von dort mit der Bahn weiter in die Bundesrepublik.
So also organisierte die DDR den Weg von Ost nach West. Beim Abschied für einen kurzen Verwandtenbesuch. Beim Adieu für die Oma aus dem Ruhrgebiet, deren Besuchszeit drüben endete. Oder auch bei genehmigten Ausreisen, ideologisch als Abschied für immer verkauft. Denn ein Weg zurück war in diesen Fällen nicht vorgesehen.
Doch es gab am selben Ort auch die Möglichkeit von West nach Ost zu reisen, für Westberliner natürlich, aber auch für alle anderen Westdeutschen oder für ausländische Besucher. Der Weg in den Osten führte über die DDR-Festung der Grenzübergangsstelle Bahnhof Friedrichstraße, die als einzige Einrichtung ihrer Art auf Ostberliner Territorium lag.
Das war auch der Weg unserer kleinen Reisegruppe Mitte März 1989, gut acht Monate vor dem Fall der Mauer. Die Organisatoren waren die Jungsozialisten, die SPD-Jugendorganisation aus Kempen am Niederrhein. Parteizugehörigkeit war keine Reisevoraussetzung, es durfte mit, wer sich vor Schließung der Aufnahmeliste eingetragen hatte. Und der Ausflug nach Ostberlin wurde als besondere Attraktion annonciert.
Eine unschöne Attraktion zunächst. Schon die Einreise in die DDR mit dem Zug war eine schlimme Erfahrung. Die Passkontrolleure in Uniform machten sich einen Spaß daraus, Angst zu verbreiten: mürrisches Gesicht, strenges Auftreten, spaßfreies Abgleichen von Gesicht und Passfoto.
Ein großer, blonder Mann aus Westberlin, angestellt bei der Friedrich-Ebert-Stiftung, führte uns ein in das, was auf uns bei unserer Passage in den sozialistischen Osten zukommen würde. Und er sagte: „Kein Aufsehen erregen. Sich zurücknehmen. Sich nicht lustig machen über Land und Leute. Und, wichtig, der Mindestumtausch.“ Damals verlangte der SED-Staat den Wechsel von 25 Mark West in 25 Mark Ost pro Tag. „Viel Geld da drüben“, sagte der Mann, „es wird euch schwerfallen, das alles auszugeben“. Und deshalb: „Benehmt euch nicht wie die Könige. Schmeißt nicht mit dem Geld um euch. Das ist peinlich.“
Die DDR benutzte den Zwangsumtausch als Deviseneinnahmequelle. Am Bahnhof Friedrichstraße sammelte das Regime allein 1987 40,6 Millionen D-Mark ein. Insgesamt bereicherte sich die DDR auf diese Weise um 4,5 Milliarden D-Mark.
Die Grenzkontrolle ist eine Zumutung. Eintritt in eine Einzelkabine. Die Tür schlägt zu. Enger Gang. Türen ohne Klinken. Rechts oben: ein Spiegel, in den der links erhöht hinter einer Scheibe sitzende Kontrolleur in der Uniform der DDR-Grenztruppen hineinlinste. Nur zwei Menschen sind in dem Raum: der Kontrolleur und sein Opfer. Es geht los: Pass abgeben. Übler Blick. Strenge Tonlage. Das Ziel: Der Kontrollierte soll sich ausgeliefert und ausgesetzt fühlen. Es gelingt. Dann ein Nicken: Die Einreise wird genehmigt. Danach: lautes Summen. Die Tür lässt sich öffnen. Eintritt in die DDR.
Das Geld: ein sich komisch anfühlender Zwanzig-Mark-Schein, auf dem Goethe abgebildet war, die Münzen waren aus Plastik und sahen aus wie Spielgeld. Doch das war Gewöhnungssache.
Ganz schwer zu verstehen war die Zeitreise, die jeder von uns nach dem Austritt aus dem Bahnhof an der Friedrichstraße erlebte: Tuckernde Trabis, die Gestank verbreiteten und aussahen wie aus einer anderen, längst vergangenen Welt. Kuriose Busse und Bahnen. Baufällige, archaisch anmutende Gebäude.
Unser Weg führte über die Friedrichstraße zum herrlichen Gendarmenmarkt mit Schauspielhaus, deutschem und französischem Dom, große Pracht, großes Staunen. „Unter den Linden“ bewunderten wir das Reiterstandbild Friedrichs des Großen und zogen weiter zum Brandenburger Tor. Auf der Quadriga wehte die Fahne der DDR, Hammer und Zirkel in der Mitte. Das Bauwerk war unzugänglich, es lag mitten im Sperrgebiet zwischen den beiden Mauerzonen, die Berlin trennten. Der Pariser Platz: unbebaut. Nebelschwaden. Ein trauriger Ort.
Dann ging es ans Geldausgeben: Auf dem Alexanderplatz stürmten wir das empfohlene Restaurant, stellten uns nicht an, sondern setzten uns einfach. Wir merkten erst später, dass wir die Regeln gebrochen hatten. DDR-Bürger, die dort essen wollten, warteten geduldig in einer Ruhezone auf einen Tisch.
Das Personal ließ uns gewähren. Es gab Rehrücken mit Klößen und Preiselbeeren, Dessert und ein paar Bier. Kosten: sieben Mark Ost im Schnitt. Wir gaben reichlich Trinkgeld. Und verstießen insgesamt längst gegen die Empfehlung der Unauffälligkeit und des peinlichen Verhaltens. Wie dumm.
Wir gaben anschließend auf unserer Ostberlin-Route noch Geld aus für: Kaffee und Kuchen (plus Trinkgeld), Bus- und Bahntickets (wir fuhren ziellos umher und kauften wahllos Karten), Bücher (dutzende, ideologisch akzeptierte Werke). Und wurden so, langsam, fast unser Geld los. Das war auch nötig: Ein Rückumtausch und Herausschmuggeln war nicht vorgesehen bzw. verboten.
Wir sahen noch die russische Botschaft, besuchten das für uns ideologisch fragwürdige „Museum für deutsche Geschichte“, das „Unter den Linden“ im Zeughaus residierte. Und am Treffpunkt sagte der Mann von der Ebert-Stiftung: „Es wird Zeit zur Abreise.“
Die Abreise war unsere Ausreise. Hinein in den Tränenpalast. Einlass-, Zoll- und wieder Passkontrolle in der Einzelzelle, die gesondert für Bürger der BRD ausgewiesen war. Wieder aufgesetzt wirkende Ernsthaftigkeit und Machtspielchen, diesmal in unserer Ausreise-Einzelzelle.
Der Zollkontrolleur Adolf Blüwert ist an einer Medienstation in der Dauerausstellung zu hören, er erzählt von seinen Kontrollmaßnahmen: „Befragung nach Geld der DDR, das war ganz wichtig. Wehe, du hattest zwei Pfennig Ost dabei, da kamst du gleich in einen Raum rein, da wurdest du körperdurchsucht. Der Reisende musste sich ausziehen, es wurde nach Geld gesucht.“
Wer im Tränenpalast immer noch Ost-Währung bei sich trug, konnte sie nach der Einlasskontrolle in einer eigens installierten Filiale der „Staatsbank der DDR“ gegen Quittung deponieren. Aber zurück gab es nichts. Niemand aus unserer Gruppe fiel als Schmuggler auf, weder auf dem Hin- noch auf dem Rückweg. Und niemand musste sich ausziehen. Wir hatten Glück gehabt.
Denn dieser Grenzübergang war nun mal ein Ort besonderer Pein und Qual. Über 200 Menschen starben zwischen 1961 und 1990 am Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße. Einige von ihnen waren dem psychischen Kontroll-Stress nicht gewachsen. Und Millionen Ausreisewillige und Sich-Verabschiedende, beide Gruppen dadurch traumatisiert, weinten im und vor dem Palast der Tränen.
