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Instabile SicherheitslageLeiter der Diakonie Katastrophenhilfe warnt vor Abschiebungen nach Syrien

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Beduinen verlassen Suweida nach gewaltsamen Zusammesntößen mit Drusen in Syrien (Archivbild). /Rami Alsayed

Beduinen verlassen Suweida nach gewaltsamen Zusammenstößen mit Drusen in Syrien (Archivbild). /Rami Alsayed

Die Diakonie Katastrophenhilfe hält Abschiebungen nach Syrien für untragbar. Die Sicherheitslage und humanitäre Bedingungen seien zu instabil.

Erstmals seit dem Sturz des Regimes von Machthaber Baschar al-Assad vor gut sieben Monaten hat der Direktor der Diakonie Katastrophenhilfe, Martin Keßler (61), Syrien bereist. Dort leistet das humanitäre Hilfswerk der Evangelischen Kirchen in Deutschland Nothilfe.

Im Interview in Damaskus berichtet Keßler dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) von dem großen Leid, das ihm auf seiner Reise durchs Land begegnet ist. Und er erklärt, warum er Forderungen nach Abschiebungen von Syrien aus Deutschland in ihr Heimatland ablehnt.

Herr Keßler, Sie sind mehrere Tage durch Syrien gereist. Außenminister Johann Wadephul (CDU) hat sich offen für Abschiebungen von straffälligen Syrern aus Deutschland gezeigt, wenn die Lage in ihrem Heimatland das erlaube. Tut sie das?

Grundsätzlich sehen wir Abschiebungen kritisch, besonders wenn es um Länder mit humanitären Krisen geht. In Syrien halte ich die Sicherheitslage für zu volatil, um Menschen dorthin abzuschieben. Erst vor wenigen Tagen ist es in Suwaida im Süden zu Kämpfen mit hunderten Toten gekommen. Davor gab es in der Küstenregion schwere Zusammenstöße. Der Staat ist noch schwach und nicht in der Lage, überall Verantwortung zu übernehmen. Es herrscht große Unsicherheit.

Würde die humanitäre Lage Abschiebungen erlauben?

Auch aus humanitärer Sicht verbieten sich Abschiebungen. Seit dem Sturz des Assad-Regimes sind rund 1,7 Millionen Flüchtlinge in ihre Heimatorte zurückgekehrt, rund eine halbe Million davon aus dem Ausland. Schon jetzt ist die marode Infrastruktur völlig überlastet, also zum Beispiel die Versorgung mit Strom und Wasser. Viele Menschen leben in Rohbauten. Ich fände es auch sehr problematisch, Familien abzuschieben in eine Situation, in der nicht einmal klar ist, ob es eine Schule für ihre Kinder gibt. Ich würde eher darauf hinarbeiten, dass die Lebensbedingungen in Syrien so werden, dass die Menschen mit Würde zurückkehren können. Wenn die Bedingungen entsprechend sind, werden viele Syrer freiwillig zurückkehren.

Wie haben Sie persönlich die Situation bei Ihrer Reise durchs Land erlebt?

Das war teilweise schlimm. Wir haben beispielsweise eine Familie besucht, die hat mit elf Personen in einem leerstehenden Rohbau ohne Fenster gelebt – viele beschädigte Häuser und Unterkünfte wirken wie eine Art Höhle. Die Familie musste im Badezimmer kochen, weil sie keinen anderen Platz hatte. Wenn jemand duschen wollte, musste die Kochgelegenheit rausgeräumt werden. Die Menschen mussten mit Eimern duschen. Das Wasser mussten sie von Tankwagen kaufen, das ist viel teurer als in Deutschland. Strom kommt vom Generator und kostet daher ebenfalls viel Geld. Viele Menschen können das nicht bezahlen. Manche Menschen haben überhaupt kein Dach über dem Kopf und leben seit Jahren in Zelten am Straßenrand.

Wie ist die Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln?

Es gibt Läden, in denen Lebensmittel verkauft werden. Das Problem ist nicht die Verfügbarkeit, sondern der Zugang, weil die Menschen kein Geld haben. Sie können sich nichts leisten, solange es keine Möglichkeiten gibt, Geld zu verdienen. Viele Menschen sind zudem traumatisiert oder körperlich behindert, die können oft gar nicht arbeiten. In diesem Jahr kommt noch eine Dürre hinzu, die die Anbaumöglichkeiten erschwert. Auch da gibt es also kaum Chancen, ein Einkommen zu erzielen.