Mehr als 1000 Kinder und Frauen sollen missbraucht worden sein. Neu veröffentlichte E-Mails zeigen, wie viele Prominente zum Umfeld gehörten.
MissbrauchEpstein-Files belasten Elite weltweit – im Gefängnis ist bisher nur eine Frau

Jeffrey Epstein steht im Zentrum eines Missbrauchskomplexes, der mehr als 1000 Kinder und Frauen zu Opfern machte. Hier ist er mit Richard Brenson zu sehen.
Copyright: U.S. Department of Justice
Wenn man sich den ultimativen Skandal ausdenken wollte – abscheulichste Taten, mächtigste Mitwisser und tiefste moralische Abgründe –, man müsste ihn wohl nicht mehr erfinden. Ein Tabubruch von solcher Sprengkraft, der die US-Gesellschaft aus den Angeln heben kann, existiert bereits.
Im Zentrum steht ein Multimillionär, der jahrelang mehr als 1000 Mädchen und Frauen missbraucht haben soll und offenbar viele davon an Freunde weiterreichte. Immer klarer wird, dass sein Netzwerk aus der amerikanischen und weltweiten Elite bestand, die dem Sexualstraftäter trotz bekannter Verbrechen die Treue hielt.
Jeffrey Edward Epstein lebte, als stünde er über dem Gesetz. Und neu veröffentlichte E-Mails legen nahe, dass sein einflussreiches Umfeld ihm das ermöglichte. Der Skandal kommt auch sechs Jahre nach seinem Tod in einem New Yorker Gefängnis nicht zur Ruhe.
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Ein ehemaliger Mathelehrer
Ein Rückblick: Der frühere Mathematiklehrer – ein Mann mit großem Charisma – stieg in den 1980er- und 1990er-Jahren als Finanzier von Milliardären wie Victoria’s-Secret-Gründer Leslie Wexner in der New Yorker High Society auf. Ermittlungen wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger endeten 2008 in einem auffallend milden Deal und einer kurzen Haftstrafe in Florida.
Danach lebte Epstein unbeirrt in Anwesen in New York, Paris und auf seiner eigenen Karibikinsel weiter. Im Juli 2019 wurde er nach der Landung seines Privatjets aus Frankreich in den USA festgenommen – eine Bundesanklage lautete auf Sexhandel mit Minderjährigen. Wenige Monate später wurde der 66-Jährige erhängt in seiner Zelle gefunden. Die Behörden kamen zu dem Schluss, es habe sich um Selbstmord gehandelt.
Millionen US-Amerikaner zweifeln daran. Epstein pflegte enge Kontakte zu mächtigen Persönlichkeiten wie Präsident Donald Trump, Ex-Präsident Bill Clinton, Microsoft-Gründer Bill Gates oder dem inzwischen geschassten britischen Prinzen Andrew. Spekulationen kamen auf, der Staatsapparat wolle vertuschen, wie Epstein Teilen der US-Elite Minderjährigen angeboten habe.
Woody Allen, Bill Gates, Elon Musk, Donald Trump
„Paris mit Woody Allen“, schreibt Epstein in einer Mail an einen geschwärzten Empfänger auf die Frage nach seinem Aufenthaltsort. „Zum Pädophilen-Treffen?“, kommt zurück. „Ich glaube, der Plural ist Pädophilee“, scherzt Epstein über die Grammatik, ganz so, als handele es sich nicht um Missbrauch von Kindern, über den er da schreibt. Allen, dessen Name in mehr als 7200 Dokumenten der Epstein-Files auftaucht, ist nur ein Beispiel für weltweit bekannte Kontakte. Epstein schrieb auch über Microsoft-Gründer Bill Gates, Tesla-Chef Elon Musk, Mette-Marit von Norwegen und US-Präsident Donald Trump.
Hunderte solcher Namen finden sich in der Datenbank und nähren den Verdacht, dass an einer jahrelangen Verschwörungstheorie etwas dran ist: Offenbar existierte eine globale Elite aus Politik, Kultur und Wirtschaft, die sich partei- und glaubensübergreifend mit Epstein verstand und sein Handeln oder seine vergangenen Straftaten mindestens tolerierte. Alle Beteiligten streiten ab, kriminelle Taten begangen zu haben.
„An welchem Tag/in welcher Nacht wird die wildeste Party auf Deiner Insel sein?”, fragt Multimilliardär Elon Musk in einer Mail im Jahr 2012. Er hat laut dieser und anderer Anfragen mehrfach versucht, einen Besuch auf Epsteins berüchtigter Privatinsel zu planen. Epstein riet ihm an einer Stelle davon ab, seine Frau mitzubringen: Sie könne sich unwohl fühlen. Er meinte wohl den Frauenüberschuss.
Musk will Epsteins Einladungen abgelehnt haben
Musk hatte 2019 in der „Vanity Fair“ erklärt, Epstein sei ein „ekelhafter Typ“ gewesen, der ihn mehrfach auf die Insel habe einladen wollen. „Ich habe das abgelehnt“, sagte Musk damals. Nun zählt er – ebenso wie etwa US-Handelsminister Howard Lutnick – zu jenen, die sich dafür verantworten müssen, lange über ihre Verbindungen zu Epstein gelogen zu haben.
Milliardär Richard Branson schrieb im September 2013 – fünf Jahre nach Epsteins Verurteilung wegen Sexualstraftaten – an ihn: „Wann immer Du in der Gegend bist, würde ich mich freuen, Dich zu sehen. Solange Du Deinen Harem mitbringst.“ Die Mails enthalten auch Ratschläge von Freunden, wie Epstein sich mit kleineren Partys gesellschaftlich rehabilitieren könnte.
Vor allem Männer scheinen die gegen Epstein erhobenen Vorwürfe ignoriert zu haben. Dazu zählt Bill Gates, der Epstein 2011 erstmals traf und gegen den es mehrere Belästigungsvorwürfe aus seinen Unternehmen gibt. Seine damalige Ehefrau Melinda French Gates sagte später, sie habe früh davor gewarnt, dass ihr Mann Zeit mit Epstein verbringt.
Nicht nur die Namen der Opfer wurden geschwärzt
Bei der Sichtung der Akten fällt vor allem die Vielzahl der Schwärzungen auf – auch dort, wo keine Opfernamen zu erwarten wären. „Danke für den schönen Abend… Dein kleinstes Mädchen war ein bisschen unartig“, schrieb 2014 jemand an Epstein, doch der Absender ist geschwärzt. Der demokratische Abgeordnete Ro Khanna wittert eine „Verschleierung“ eines Mannes, der sich für sexuelle Gefälligkeiten bedankt.
Ein Sprecher des US-Justizministeriums widersprach bei dem Sender CNN dagegen, dass nur die Namen von Opfern vollständig geschwärzt wurden. Geschwärzt worden seien ausschließlich Opfernamen. „In vielen Fällen wurden die ursprünglichen Opfer selbst zu Beteiligten und Mitverschwörern“, hieß es. „Wir haben keine Namen von Männern geschwärzt, sondern nur die weiblicher Opfer.“
Ausmaß weiterhin im Dunkeln
Eine zentrale Frage bleibt offen: Wie weit der Skandal in die Spitzen der Gesellschaft reicht. Nicht nur Epstein-Opfer haben bei der Akteneinsicht den Eindruck, dass die Schwärzungen eine letzte Schutzmauer sein könnten, hinter der sich Prominente und Einflussreiche verbergen.
Ein Beispiel ist die nie veröffentlichte Anklage aus den 2000er-Jahren, die neben Epstein mehrere weitere Personen beschuldigt, „Personen unter 18 Jahren wissentlich zur Prostitution überreden, verleiten und anstiften“ zu wollen. Wer gemeint ist, bleibt hinter schwarzen Balken verborgen. Es dürfte Jahre dauern, bis klar wird, welche Freunde Epsteins tatsächlich an Missbrauch und Belästigung beteiligt waren – und was davon strafrechtlich verfolgt werden kann. Doch teils reichte schon der bloße Kontakt zu Epstein, um einflussreiche Männer zu Fall zu bringen – darunter Kanzleichef Brad Karp sowie Ökonom Larry Summers, der sich aus dem Vorstand der KI-Schmiede OpenAI zurückzog.
Ein Mann blieb bislang von größeren Enthüllungen verschont: US-Präsident Donald Trump, der nachweislich bis Anfang der 2000er-Jahre zu Epsteins engsten Vertrauten zählte. Kommentatoren vermuten, das US-Justizministerium – geführt von Trumps ehemaligen persönlichen Anwälten – prüfe genau, welche Dokumente mit Präsidentenbezug veröffentlicht werden. Einige Beobachter merken an, dass Millionen Dokumente der Bundespolizei FBI offenbar noch nicht veröffentlicht wurden.
Paris gut für Ehebruch. Skandinavierinnen besseres Ehefrauenmaterial
„Paris gut für Ehebruch. Skandinavierinnen besseres Ehefrauenmaterial“, schreibt Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit 2012 an Epstein – lange nach seiner Verurteilung. Hunderte Interaktionen zwischen beiden sind dokumentiert, der Ton wirkt oft spielerisch und zugewandt. Mette-Marit erklärte später, sie bereue den Kontakt „zutiefst“. Eine Zeitung stellte infrage, ob sie nun noch Königin werden kann.
In Großbritannien ist unterdessen Premier Keir Starmer unter Druck, weil sein inzwischen gefeuerter Washington-Botschafter Peter Mandelson eine deutlich engere Beziehung zu Epstein hatte, als bisher bekannt war. Nach dessen Haftentlassung 2009 schrieb Mandelson: „Wie fühlt sich die Freiheit an?“ Epstein antwortete: „Sie fühlt sich frisch, fest und cremig an.“ Mandelson erwiderte: „Unartiger Junge.“ Derweil trat in der Slowakei der nationale Sicherheitsberater, Miroslav Lajcák, nach veröffentlichten Nachrichten zurück.
Taten werden relativiert
„Sehr kleine, gutaussehende Blondine“ – so empfahl der Yale-Computerprofessor David Gelernter im Oktober 2011 eine Studentin bei Jeffrey Epstein für einen Job. Nach dem Auftauchen der Mail erklärte Gelernter, daran nichts Verwerfliches zu sehen; man müsse bei Empfehlungen die Vorlieben des Empfängers bedenken.
„Und der hier war besessen von Mädchen (so wie jeder andere unverheiratete Milliardär in Manhattan; genau genommen wie jeder andere heterosexuelle Mann)“, schrieb er. Dass Gelernter 15 Jahre später an diesem degradierenden Ton festhält, zeigt, wie viele Akteure den Skandal bis heute verharmlosen.
Einen ähnlichen Ton schlägt Vize-Justizminister Todd Blanche an. „Es ist doch wohl kein Verbrechen, mit Herrn Epstein zu feiern“, sagte er kürzlich. Blanche erlaubte auch verbesserte Haftbedingungen für Ghislaine Maxwell, die Epstein jahrelang Mädchen und Frauen zugeführt hatte.
Maxwell soll am Montag vor dem US-Kongress aussagen, kündigte jedoch an, sich auf ihr Schweigerecht zu berufen. Sie wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt. Symbolisch für den Skandal: Die einzige Person, die aktuell wegen der Epstein-Affäre mit all ihren reichen und mächtigen Beteiligten im Gefängnis sitzt, ist eine Frau.

