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FleischkonsumGuten Appetit, Ihr Schweine!

5 min

Die Deutschen essen zu viel Fleisch und schaden damit dem Klima, sagen Umweltschützer und die Heinrich-Böll-Stiftung.

Entschuldigung. An die vier Schafe, vier Rinder, 12 Gänse, 37 Enten, 46 Puten, 46 Schweine und 945 Hühner – allesamt namenlos – möchte ich heute mit allem Nachdruck eine Botschaft loswerden. Es ist nicht persönlich gemeint. Ich habe nichts gegen Euch. Außer Hunger. Deshalb habe ich Euch gegessen.

Das werfen mir der Bund für Umwelt- und Naturschutz, die Wochenzeitung „Le monde diplomatique“ und die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung vor. Sie haben in Ermangelung drängenderer Themen haarklein errechnet, wie viel Fleisch der Durchschnittsdeutsche in einem Durchschnittsleben zu sich nimmt. Das heißt: Nicht nur ich. Sie, lieber Leser, auch! Es sei denn, Sie gehören zur Minderheit der guten Menschen auf der Welt: Den Vegetariern oder gar Veganern. Denn die drei genannten Organisationen wären nicht diese drei Organisationen, wenn sie ihre Statistik nicht mit einem Vorwurf verknüpfen würden.

Der Tatbestand des Mordes an göttlichen Geschöpfen taucht zwar, weil offenbar aus der Mode gekommen, nicht direkt auf, aber dafür ein anderer, der heutzutage ja noch viel schwerer wiegt: Fleischesser sind Klimakiller. Also, nicht die Fleischesser direkt, sondern die Tiere, die mit ihrem Futterbedarf und ihren Abgasen schädlich für das Klima sind. Diese Formulierung allein ist natürlich schon Unsinn, weil nichts und niemand dem Klima schaden kann, denn dem Klima ist das Klima völlig egal, Klima ist immer, egal ob warm oder kalt.

Gemeint ist, dass die Erdtemperatur wegen der Viehwirtschaft steigt, und eine steigende Erdtemperatur ist nun einmal für Grüne und den BUND das bedrohlichste Szenario der modernen Welt – in jenen Breiten der Welt jedenfalls, in denen man Zeit und Geld hat, sich mit der computersimulierten Erwärmung der Erde im Verlauf des kommenden Jahrhunderts so intensiv zu beschäftigen, dass man darüber mitunter vergisst, sich um die Millionen Kinder zu kümmern, die in anderen Breiten der Welt an Malaria oder schlechtem Trinkwasser sterben. Oder vor Hunger.

Widerspruch aus Appetit

Nun ist es aber so, dass der alarmierend vermarktete „Fleischatlas“ der grünen Anti-Fleisch-Koalition auf Zahlen beruht, die gar nicht neu sind. Sie stammen etwa aus der Nationalen Verzehrstudie von 2008. Und aus der sowie aus anderen Verbrauchsstatistiken geht unter anderem hervor, dass die Deutschen – abgesehen von Geflügel – seit Jahren immer weniger Fleisch essen. Zugleich ist der „Fleischatlas“ an einigen Stellen differenzierter als das, was über ihn berichtet wird. So schreibt auf Seite 7 des Hefts der als Forscher, Autor und Fleischesser vorgestellte Heiko Werning, es sei zweifelhaft, ob die Ernährung der Weltbevölkerung ohne die Nutzung tierischer Eiweiße je möglich wäre.

Weil das so ist, zerfällt der Vorwurf an die Fleischesser auch in zwei Hälften. Nicht nur, dass sie Fleisch überhaupt essen, sie essen es auch anderen weg, irgendwie. An nichts, schreibt Barbara Bauer von „Le Monde diplomatique“, ließen sich die globalen Ungerechtigkeiten so deutlich ablesen wie am Verbrauch von tierischem Eiweiß. Das heißt: Bevor wir über die Verteilung von Geld, sauberem Trinkwasser, Bildung oder Sicherheit vor Krieg und Kriminalität reden, sollten wir erstmal gucken, dass alle Menschen auf der Welt gleich viele Schnitzel essen können. Daran ist vieles schief, aber eins durchaus richtig: Die Tatsache, dass etwa in Deutschland fast jeder sich Fleisch leisten kann, während es früher ein den Reichen vorbehaltener Luxusartikel war, ist eine soziale Errungenschaft. Sie ist allerdings ohne die industrielle Massentierhaltung nicht denkbar.

Und weil den Autoren der Studie natürlich weder an diesem Industriekomplex gelegen ist noch daran, dass jetzt plötzlich auch noch die Inder damit anfangen, ihre Kühe zu essen, kann die Botschaft hinter der Botschaft ja nur lauten, dass wir Viel-Fleischesser damit aufhören sollen. Womit wir zwar wieder bei dem Problem wären, die Kalorien anderweitig aufzunehmen und Wälder zu Gunsten von Feldern zu roden, aber Widersprüche sind erlaubt, solange sie kein Widerspruch sind.

Ich aber, so leid mir das tut, ihr lieben Schafe, Rinder, Gänse, Enten, Puten, Schweine und Hühner, widerspreche. Aus Appetit und aus Überzeugung. Es ist leider so, dass mir die meisten Tiere zu gut schmecken als dass ich aufhören möchte, sie zu essen. Sogar niedliche Lämmchen. Außerdem gehöre ich der von Tierrechtsaktivisten verabscheuten ideologischen Strömung der Speziesisten an. Speziesismus ist die Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Art, so wie Rassismus und Sexismus die Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe bzw. zu einem Geschlecht sind. Speziesisten erzählen einander diskriminierende Sprüche wie: „Wenn Gott gewollt hätte, dass wir keine Tiere essen, dann hätte er sie nicht aus Fleisch gemacht.“ Deshalb sagen manche Radikalveganer, Antispeziesismus sei ebenso notwendig wie Antirassismus und Antisexismus. Ich finde das nicht. Ich setze die Interessen der Spezies Mensch über die Interessen der Spezies Huhn. Hühner finde ich nebenbei auch doof, im Gegensatz zu Lämmchen.

Der „Fleischatlas“ ist ein interessantes Werk Statistik, mit allerlei Informationen zum Regenwald und zur Fleischerzeugung, die zu kennen niemandem schaden kann. Ob ich trotzdem Fleisch esse oder nicht, ist jedoch keine Angelegenheit der Böll-Stiftung, des BUND oder gar der „Monde diplomatique“, sondern meine persönliche. Und die Angelegenheit von vier Schafen, vier Rindern, 12 Gänsen, 37 Enten, 46 Puten, 46 Schweinen und 945 Hühnern.

All diese Tiere werden überhaupt nur geboren und gefüttert, damit sie als tierisches Eiweiß enden. Würden sie nicht nach der Mast getötet, würden sie wie das Redaktionsschwein des „Weserkurier“ verfettet, krank und traurig irgendwo herumvegetieren und gehässige Mediengeschichten über sich ertragen müssen. Alles, was von diesen Tieren nicht verbraucht wird, landet im Müll – so wie fast die Hälfte aller Lebensmittel weltweit. Meinen Respekt vor 1094 Geschöpfen, die unter mir in der Nahrungskette stehen, bekunde ich dadurch, dass ich sie möglichst komplett und möglichst genussvoll verspeise.

Guten Appetit, Ihr Schweine!