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Gastbeitrag zu Corona-Infektionsrisiko in DeutschlandWer arm ist, muss eher sterben

4 min
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Eine Bettlerin kniet auf der Straße. (Symbolbild)

  1. Durch die Covid-19-Pandemie hat sich die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland noch weiter vertieft.
  2. Sie traf alle Menschen, aber keineswegs alle gleichermaßen. Je nach Arbeitsbedingungen, Wohnverhältnissen und Gesundheitszustand waren sie vielmehr ganz unterschiedlich betroffen.
  3. Erstellt man eine Liste jener Konzerne, die von der neuen Lage sogar profitiert haben, reicht sie von A wie Amazon bis Z wie Zalando – aber auch Drogerien, Baumärkte und Lieferservice konnten ihren Umsatz steigern.
  4. Ein Gastbeitrag.

Köln – Die von ökonomischen, sozialen und politischen Verwerfungen begleitete Covid-19-Pandemie hat das Phänomen der Ungleichheit, das ein Kardinalproblem der Menschheit ist, wie unter einem Brennglas sichtbar gemacht.

Wie nie zuvor nach dem Zweiten Weltkrieg wurde erkennbar, dass ein großer Teil der Bevölkerung – trotz eines verhältnismäßig hohen Lebens- und Sozialstandards hierzulande sowie entgegen allen Beteuerungen, die Bundesrepublik sei eine klassenlose Gesellschaft mit gesicherter Wohlständigkeit all ihrer Mitglieder –nicht einmal für wenige Wochen ohne seine Regeleinkünfte auskommt.

Bezüglich der Infektiosität eines Virus sind alle Menschen vor ihm gleich, im Hinblick auf das Infektionsrisiko aber nicht. So traf die Covid-19-Pandemie alle Menschen, aber keineswegs alle gleichermaßen. Je nach Arbeitsbedingungen, Wohnverhältnissen und Gesundheitszustand waren sie vielmehr ganz unterschiedlich betroffen. Wegen der niedrigen Lebenserwartung von Armen trifft selbst in einer wohlhabenden, wenn nicht reichen Gesellschaft wie der Bundesrepublik Deutschland die zynische Grundregel zu: Wer arm ist, muss früher sterben.

Während der Coronapandemie galt sie leicht modifiziert: Wer arm ist, muss eher sterben. Denn das Infektionsrisiko von Arbeitslosen, Armen und sozial Abgehängten ist deutlich höher als das von Reichen.

Sozial bedingte Vorerkrankungen wie Adipositas (Fettleibigkeit), Asthma, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Rheuma oder COPD (Raucherlunge), katastrophale Arbeitsbedingungen (etwa in der Fleischindustrie) sowie beengte und hygienisch bedenkliche Wohnverhältnisse erhöhten das Risiko sowohl für eine Infektion mit Sars-CoV-2 als auch für einen schweren Covid-19-Krankheitsverlauf.

Furcht der Verbliebenen

Zu den besonders immun- und finanzschwachen Hauptleidtragenden gehörten Obdach- und Wohnungslose, aber auch Bewohnerinnen und Bewohner von Gemeinschaftsunterkünften wie Gefangene, Geflüchtete sowie süd-osteuropäische Werkvertragsarbeiter der Subunternehmen deutscher Großschlachtereien bzw. Fleischfabriken und nichtdeutsche Saisonarbeiter, Migranten ohne gesicherten Aufenthaltsstatus, Menschen mit Behinderungen, Pflegebedürftige, Suchtkranke oder Prostituierte.

Besonders betroffen waren auch Erwerbslose, Geringverdienende, Kleinstrentner sowie Bezieher von Arbeitslosengeld I und II, von Sozialgeld, Asylbewerberleistungen und Grundsicherung im Alter oder bei Erwerbsminderung.

Durch wochenlange Kontaktverbote, Ausgangsbeschränkungen und Einrichtungsschließungen wurde die ohnehin brüchige Lebensgrundlage der ärmsten Menschen – Bettelnde, Pfandsammler, Verkäuferinnen und Verkäufer von Straßenzeitungen – zerstört. Das Ausbleiben von Passanten oder die Furcht der Verbliebenen vor einer Infektion führte bis zum Totalausfall der Einnahmen, was Verelendungstendenzen in diesem Sozialmilieu verstärkte. Die finanzielle Belastung der Bezieher von Transferleistungen, der Kleinstrentner und der Geflüchteten nahm durch die Schließung der meisten Lebensmitteltafeln weiter zu.

Schieflage der meisten Hilfsmaßnahmen des Staates

Durch die Covid-19-Pandemie, die wirtschaftlichen Auswirkungen des ihr geschuldeten Lockdowns auf große Teile des öffentlichen Lebens und die verteilungspolitische Schieflage der meisten Hilfsmaßnahmen des Staates hat sich die Kluft zwischen Arm und Reich in jüngster Zeit noch weiter vertieft. Erstellt man etwa eine Liste jener Konzerne, die von der neuen Lage sogar profitiert haben, reicht sie von A wie Amazon bis Z wie Zalando. Auch wer einen Lieferservice, eine Drogerie oder einen Baumarkt besitzt, die allesamt nicht geschlossen werden mussten, hat seinen Gewinn während der pandemischen Ausnahmesituation steigern können.

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Je umsatzstärker und deshalb meist auch größer und kapitalkräftiger ein Unternehmen ist, umso stärker profitiert es beispielsweise von der Mehrwertsteuersenkung, zumindest wenn es diese nicht an seine Kundschaft weitergibt. Die am härtesten von der Pandemie betroffenen Gruppen wurden hingegen im Konjunktur- und Krisenbewältigungspaket nur ganz am Rande bedacht, wenn überhaupt. Dafür mag exemplarisch der Kinderbonus stehen, der hauptsächlich armen Familien zugutekommt. Diese kaufen allerdings keine hochwertigen Konsumgüter, bei denen sich die zeitweilige Steuerersparnis am ehesten auswirkt.

Aufgrund der Einkommensverluste durch Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und Bankrotten haben in den vergangenen Wochen mehr Familien bei Lebensmittel-Discountern eingekauft, um Geld zu sparen, wodurch die ohnehin sehr reichen Besitzer von Ketten wie Aldi und Lidl noch reicher geworden sein dürften. Umgekehrt dürften infolge der Coronakrise noch mehr Girokonten von prekär Beschäftigten, Soloselbstständigen, Kurzarbeitern und Kleinstunternehmern ins Minus gerutscht sein, weshalb gerade die finanzschwächsten Kontoinhaber hohe Dispo- und Überziehungszinsen zahlen mussten.Das bedrückende Fazit lautet: Die Reichen sind in der Coronakrise reicher und die Armen zahlreicher geworden.