Tiflis – Wohlwollend blickt die stählerne Mutter Georgiens vom Sololaki-Gebirgskamm im Westen über die Altstadt von Tiflis. Den starren Blick auf einen entfernten Punkt gerichtet, irgendwo in die mit Kopfstein gepflasterten Gassen mit ihren bisweilen zerfallenen Villen und den zum Teil hübsch für Touristen herausgeputzten Stadthäusern. Früher blickte die Mutter – georgisch: Kartlis Deda – demütig nach unten. Anlässlich der Unabhängigkeit des Landes 1991 wurde der Winkel ihres Kopfes so verändert, dass sie nun selbstbewusst geradeaus blickt.
Aber was sollen die Schale Rotwein und das Schwert in ihren Händen? Ginge es nach der feministischen Aktivistin Khatia Akhalaia würde sie mit dem Schwert für ein gleichberechtigtes und pro-westliches Georgien kämpfen. Patriarch Ilia II., Oberhaupt der georgisch-orthodoxen Kirche, würde ihr wohl am liebsten das Schwert abnehmen, damit sie mit der freien Hand ihrem Mann die Füße wäscht. Das empfahl er allen georgischen Ehefrauen in einer seiner Weihnachtsansprachen.
Wie das Europaviertel mitten im Kaukasus
Aus Sicht der Gender-Forscherin Akhalaia ist das postsowjetische Georgien homophob und misogyn: „In der Sowjetunion wurden Frauen nicht als eigenständige Individuen gesehen. Darunter leidet die gesamte Gesellschaft immer noch.“ Sie sitzt mit rotgeschminkten Lippen an einem sonnigen Tag im November in einem Hinterhof-Café an der Rustawelis Gamsiri, der berühmten Prachtstraße, die eine vierspurige Kommerz-Schneise durch die Hauptstadt zieht.

Mutter Georgiens
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Auf ihr finden sich italienische Edelboutiquen und verglaste Kaufhäuser, aber auch das staatliche Sacharia-Paliaschwili-Theater für Oper und Ballett und das Nationalmuseum mit der Ausstellung zur „Sowjetischen Okkupation“. Gegenüber am Parlament wehen rechts und links des Haupteingangs blaue EU-Flaggen, so wie auch an Ministerien und Kreisverkehren. Ein bisschen Brüsseler Europaviertel im Kaukasus, könnte man meinen, dabei ist das Land nicht einmal offizieller Beitrittskandidat.
Was Akhalaia von ihrer Arbeit mit Jugendlichen in den ländlichen Gebieten Georgiens erzählt, klingt auch gar nicht nach einer westlichen, modernen Gesellschaft, die ja ursprünglich einmal Voraussetzung für die Aufnahme in die EU war. Sie berichtet von einem ungewollt schwangeren Mädchen, das sich in seiner Verzweiflung und Hilflosigkeit vom Dach eines Gebäudes gestürzt hat. Von Lehrern, die Schülerinnen bitten, während ihrer Periode doch bitte daheim zu bleiben und sich dort „um das Problem zu kümmern“. Sie spricht über Zwangsehen, liest während des Gesprächs nüchtern Zahlen aus ihren Notizen vor, und strahlt dabei einen ruhigen Zorn auf die Zustände aus. Sie schildert die tägliche Unterdrückung der Frauen in den abgelegenen Bergregionen des Landes, die in der Metropole Tiflis – obwohl Georgien flächenmäßig nur so groß wie Bayern ist – weit weg erscheinen.
Akhalaia wird online mit Hasskommentaren geflutet
Aufklärung ist im georgischen Lehrplan nicht vorgesehen. Nachdem eine Umfrage unter Teenagern große Wissenslücken offenbart hat, hat Akhalaia gemeinsam mit drei Kollegen den ehrenamtlichen Verein „Education and Labour Association“ (E&LA) gegründet. Seit 2014 gibt sie Workshops in Klassen. Spricht über die Pubertät, Regenbogenfamilien und Verhütung. Um der nächsten Generation Georgier ein selbstbestimmteres Leben als ihren Eltern zu ermöglichen.
Über viel zu viel werde einfach nicht gesprochen, sagt Akhalaia. Wie gravierend beispielsweise das Problem der Gewalt gegen Frauen ist, lässt sich noch schwieriger beziffern als in westlichen Ländern. Laut einer Studie heiraten 14 Prozent der georgischen Mädchen minderjährig, die Dunkelziffer liegt deutlich höher. Akhalaia will mit Bildung gegensteuern – und wird angefeindet. Ihre Videos in sozialen Netzwerken werden regelmäßig mit Hasskommentaren geflutet.

Blick auf Tiflis
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Tausendfach wurde Akhalaia wegen ihrer Aufklärungsfilme beschimpft. Eine führende Figur der rechten Organisation „Georgischer Marsch“ habe ihr in einem Facebook-Live-Video gedroht, ihr Haus niederzubrennen – im Hintergrund sieht man noch die Polizeistation, aus der er gerade herausgetreten ist. „Die Männer, die mich bedrohen, haben nicht einmal das Gefühl, dass sie irgendetwas Unrechtes tun“, sagt Akhalaia.
Welche Gesellschaft wollen die Georgier? westlich oder russisch?
Eine Analyse habe gezeigt, dass ein Großteil der Kommentare gar nicht von realen Personen, sondern von Bots ist. Desinformation, meist aus dem Ausland, ist in den sozialen Medien weit verbreitet. Russische Internet-Trolle zeichnen ein Bild des moralisch verkommenen Westens, in dem Pädophilie legal und Homosexualität vom Staat gewollt sei.

Khatia Akhalaia
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Akhalaias Fall steht dabei stellvertretend für einen viel größeren Konflikt in der Gesellschaft: Wollen die Georgier eine westliche Demokratie sein – inklusive Gleichberechtigung und Minderheitenrechten? Und damit Russland endgültig den Rücken kehren? Für Akhalaia ist die Antwort eindeutig: „Ich sehe zur EU keine Alternative.“ Viele traditionelle Kräfte des Landes fühlen sich eher dem russischen Nachbarn verbunden.
In diesem Klima schlug Akhalaias Aufklärungskampagne so hohe Wellen, dass selbst das Parlament darüber sprach. Sopio Kiladze, Vorsitzende des Menschenrechtskomitees und Mitglied der Regierungspartei, zeigte Verständnis für die Drohungen. Akhalia mache den Menschen nun einmal Angst, wenn sie öffentlich über Sexualität spreche. Warum Wissen über die menschliche Anatomie wohl als Bedrohung wahrgenommen werde, fragt die Aktivistin.
Kirche als Verfechter „traditioneller Werte“
Ein Grund: Weil die ultrakonservative georgisch-orthodoxe Kirche es dazu macht. Der 86-jährige Patriarch Ilia II., in Moskau noch zur Sowjet-Zeit ausgebildet, gilt als Verfechter „traditioneller Werte“, die es gegen den Einfluss des Westens zu schützen gilt. Er predigt ein mittelalterliches Frauenbild. „Die orthodoxe Kirche kämpft offen für eine ungerechte Gesellschaft“, sagt Religionsforscher Beka Mindiashvili. „Hass gegen politische Aktivisten wird durch den Patriarchen legitimiert.“
Nicht nur Feministinnen, sondern auch Verfechter von Rechten für Homosexuelle und Transgender gehören zum Feindbild. Erst vor wenigen Wochen wurde die Filmpremiere des Dramas „Als wir tanzten“, bei den Filmfestspielen im Mai in Cannes vorgestellt, zum Politikum. Es kam zu Protesten, 27 Menschen wurden laut Innenministerium festgenommen. Die Kirche bezeichnete den Film als inakzeptabel, weil er erzählt, wie sich zwei Tänzer des georgischen Nationalballetts ineinander verlieben.
Täglich demonstrieren Menschen gegen die Regierung
Die Institution ist auch so mächtig, weil die aktuelle Regierung sich in vielen Fragen nicht klar positioniert. Der erste demokratische Machtwechsel des jungen Landes 2012 verlief friedlich, doch das Vertrauen in die Regierungspartei „Georgischer Traum“ des schwerreichen Oligarchen Bidsina Iwanischwili ist fragil. Gerade häufen sich die Proteste: Seit die Regierung eine versprochene Wahlrechtsreform für die Parlamentswahl 2020 doch nicht verabschiedete, gingen Tausende in Tiflis auf die Straße. Die Partei gebe zwar vor, einen westlichen Kurs zu fahren, weil sie weitere Handels- und Visaliberalisierungen anstrebe, kritisiert Akhalaia, für eine liberale Gesellschaft stehe sie aber nicht. „Deshalb kämpfen wir nicht nur für die Wahlrechtsreform, sondern für eine richtige Demokratie“, sagt sie.
75 Prozent der Georgier geben in Umfragen an, dass sie sich eine EU-Mitgliedschaft wünschen. Sie wollen Sicherheit. Denn der russisch-georgische Krieg 2008, in dessen Folge sich die Region Südossetien von Georgien unabhängig erklärte und seitdem von Russland unterstützt wird, ist noch präsent.
Andererseits fürchten 34 Prozent, dass durch eine westliche Annäherung die nationale Identität in Gefahr sei. Und viele sagen: Der Kurs nach Westen provoziert Russland, man solle lieber eine ausgleichende Politik der Mitte anstreben. Akhalaia hält eine Aussöhnung, wie viele junge Georgier, für keine gute Idee. „Mit Russland gibt es für uns keinen Fortschritt.“
Hinweis: Die Recherchereise zu diesem Artikel wurde vom Auswärtigen Amt finanziert.
