Abo

Gregory BovinoTrumps ICE-Kommandant – zwischen Nazi-Mantel und Gas-Granaten

5 min
Das Bild zeigt ICE „Commander-at-Large“ Gregory Bovino im Militärmantel mit doppelter Knopfleiste "gefechtsbereit" inmitten einer amerikanischen Großstadt. Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire

ICE „Commander-at-Large“ Gregory Bovino steht im Militärmantel mit doppelter Knopfleiste „gefechtsbereit“ inmitten einer amerikanischen Großstadt. Manch einer fühlt sich an NS-Militär erinnert, andere an Napoleon. Die Kritik am Vorgehen der Behörde wird immer lauter.

Gregory Bovino ist Chef der Einwanderungsbehörde ICE, fällt durch seinen NS-Look und martialische Auftritte auf – und provoziert damit Gegenwehr.

In politischen Extremsituationen, wie sie die zweite Amtszeit von Präsident Donald Trump auch für Amerikas Innenpolitik darstellt, schlägt oft die Stunde obskurer Figuren, die in „normalen Zeiten“ wohl kaum aufgefallen wären.

Einer von ihnen ist Gregory Bovino, der seit Wochen, je nach Standpunkt, für die einen das hässliche Bild einer brutalen, unerbittlichen Einwanderungspolitik symbolisiert, für die anderen als Posterboy für das konsequente Umsetzen der MAGA-Agenda gefeiert wird.

Dem 1970 im kalifornischen San Bernardino County geborenen Grenzschutzbeamten wurde im Oktober 2025 von seiner Chefin, der Heimatschutzministerin Kristi Noem, in einer informellen Mitteilung der Fantasietitel „Commander-at-Large“ der US-Grenzpatrouille verliehen. Frei übersetzt bedeutet das Befehlshaber zur „besonderen Verwendung“ – was ihm sehr viel Macht zusichert. Offiziell ist Bovino aber lediglich „Chief Patrol Agent“, also Chef der Grenzschutzabteilung im Bereich El Centro in Südkalifornien, einem 112 Kilometer langen Grenzabschnitt zu Mexiko.

Mit Trumps zweiter Amtsperiode schlug für Bovino nach 30 Jahren als unbedeutender Grenzschutzbeamter kurz vor seiner Pensionierung die Stunde: Er ist zum Politikum geworden, an dem sich MAGA-Kritiker abarbeiten. Und das ist kein Zufall.

Das Bild zeigt U.S. Border Patrol Commander Gregory Bovino (r) und den stellvertretende Direktor der US-Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) für Vollstreckung und Abschiebung Marcos Charles (l).Foto: Anthony Souffle/TNS via ZUMA Press Wire/dpa

U.S. Border Patrol Commander Gregory Bovino (r) und der stellvertretende Direktor der US-Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) für Vollstreckung und Abschiebung Marcos Charles (l) halten eine gemeinsame Pressekonferenz im Whipple Federal Building in Fort Snelling in Minneapolis ab.

Mit markigem Bürstenhaarschnitt, wehendem Militärmantel und sogenanntem Sam-Browne-Gürtel – einem breitem Hüftgürtel und diagonalem Schulterriemen – lässt der „Commander-at-Large“ keine Gelegenheit aus, sich martialisch in Szene zu setzen. Bovino sucht geradezu die Öffentlichkeit – wenn er zum Beispiel in Minneapolis vor laufenden Kameras eine Granate, die grünes Tränengas ausspeit, in eine Gruppe Demonstrierender wirft, dabei laut ruft „Gas, Gas, Gas...“

Wissend, dass genau das, der Einsatz von Tränengas gegen Demonstranten durch ICE, bereits im November von Richterin Sara Lee Ellis vom nördlichen Bezirk Illinois im Rahmen einer einstweiligen Verfügung untersagt wurde. Und das, nachdem Bovino im Oktober schon einmal ohne Vorwarnung in Chicago Gasgranaten in eine Menge Demonstranten geschleudert hatte.

„Hut ab!“ vor dem Todesschützen

Mit solchen Auftritten verdeutlicht Bovino, seinem obersten Dienstherren Donald Trump im Weißen Haus folgend, was er von geltendem Recht hält, das durchzusetzen er doch beständig betont: nichts.

Bovino scheint die Konfrontation mit Einheimischen geradezu zu suchen. Interviewt inmitten eines chaotischen Gerangels mit Demonstranten in Minneapolis antwortet er auf die Frage eines Reporters, wie es laufe, „großartig, es läuft gut“. Nach den tödlichen Schüssen auf die Anwohnerin Renee Nicole Good in Minneapolis lobte Bovino den ICE-Schützen mit „Hut ab!“.

Vergleiche mit Nazi-Kleidung

In Deutschland provozierte Bovinos Auftreten und sein antiquierter Kleidungsstil Erinnerungen an Nazi-Soldateska, wahlweise SA oder SS. In der Chicago Sunday Times nannte ihn Jenn Budd, eine ehemalige leitende Beamtin der Grenzschutzbehörde, „den Liberace der Grenzschutzbehörde“. Weil er wie jener Sänger eher durch sein Outfit als durch seine Leistungen für Aufmerksamkeit sorgt.

„Er ist wie ein kleiner Napoleon, der sich als Held und moralisch fähigster Mann der Welt inszenieren will, und der alles um einen herum als gefährlich darstellt“, sagt Budd weiter über den Mann, über dessen Körpergröße (angeblich nur 1,62 Meter) im Netz viel gespottet ist.

Bovino ist der Spross italienischer Einwanderer, dessen Urgroßvater im Alter von 15 Jahren genau in jenem Jahr 1924 nach Amerika kam, als die US-Grenzpatrouille gegründet wurde. Zwei Jahre zuvor hatte in Italien der Faschist Benito Mussolini mit seinem Marsch auf Rom das Fundament seiner mehr als 23 Jahre währenden Diktatur gelegt. Es war in etwa auch die Zeit, als die US-Behörden die Einreise italienischer Migranten drastisch reduzierten.

Vorbild: Nicholson im Film „The Border”

Der Film „The Border” mit Jack Nicholson (deutscher Titel: „Grenzpatrouille“) aus dem Jahr 1982 soll den jungen Bovino für seinen späteren Lebensweg inspiriert haben. Nur dass die Grenzschutzagenten im Film die Bösewichter waren und die Migranten die Opfer, störte ihn eigenen Angaben zu Folge massiv. Als Jugendlicher in North Carolina soll es zu Bovinos Hobbys gehört haben, giftige Schlangen zu suchen, berichten Menschen aus seinem Umfeld.

Geblieben ist die Lust aufs Jagen. Einen US-weiten Ruf als besonders eifriger „Migranten-Jäger“ soll sich der 1996 dem Grenzschutz beigetretene Bovino Ende 2024 im kalifornischen Central Valley erworben haben. Damals spürte er in einer „Return to Sender“ genannten Operation Dutzende illegal eingereister Menschen auf und verhaftete sie. Vermutlich so wurde auch die im Januar 2025 ins Amt gekommene „MAGA-Administration“ auf Bovino aufmerksam.

Erste große Operation in Los Angeles

Bewähren durfte er sich erstmals als „taktischer Kommandeur“ im Rahmen einer großen ICE-Operation im Juni 2025 im Herzen der kalifornischen Metropole Los Angeles. Das skrupellose Auftreten der oft kurzfristig rekrutierten, teils aus rechtsradikalen MAGA-Anhängern bestehenden Truppe führte zu Protesten in der Stadt. „Napoleon Bovino“ hatte seine erste große Bühne. Und er nutzte sie redlich.

Während sich Gerichte mit den fehlenden rechtlichen Grundlagen der ICE-Einsätze beschäftigten und Auflagen formulierten, was beispielsweise den Waffen- und Tränengaseinsatz gegen Mitbürger verhindern sollte, erteilte die MAGA-Administration der Behörde eine Art „Carte Blanche“: J.D. Vance sagte am 9. Januar 2026 in einem Interview, ICE-Beamte genössen „absolute Immunität“. Weil auch das einer rechtlichen Grundlage entbehrte, musste es vom Vize-Präsidenten am 23. Januar 2026 zurückgenommen werden.

Weiterhin darf der „kleine Napoleon“ aber als „Commander-at-Large“ außerhalb der Kommandostruktur der Grenzpatrouille operieren, untersteht zudem direkt seiner Chefin, Heimatschutzministerin Noem. Nur ihr ist er rechenschaftspflichtig.

ICE-Vorgehen in der Kritik

Haben Trumps Menschenfänger in ICE-Uniformen überzogen? Mittlerweile drei schwere Vorfälle erhitzen landesweit die Gemüter: Zuerst der Tod der US-Bürgerin Renée Good. Die Mutter wurde in ihrem Pkw in Minneapolis von einem ICE-Beamten erschossen, als sie sich entfernen wollte.

Am Sonnabend wurde der 37-jährige Krankenpfleger Alex Jeffrey Pretti, amerikanischer Staatsbürger, nach einem Handgemenge mit Bundesbeamten in Minneapolis erschossen. Video-Aufnahmen strafen die offiziellen Angaben, der Mann hätte mit einer Waffe die ICE-Beamten bedroht, Lügen.

Zuvor war bekannt geworden, dass ICE-Beamte den fünfjährigen Liam Conejo Ramos festgehalten hatten. Das Kind mit Schulranzen diente offenbar als „Köder“ für den gesuchten und flüchtigen Vater. Als Reaktion darauf gingen anschließend in Minneapolis Tausende gegen das Vorgehen der US-Einwanderungspolizei auf die Straße, Hunderte Geschäfte beteiligten sich zudem an einem Streik.

Bovino gibt sich gelassen. Wenn er demnächst das für seine Behörde geltende Rentenalter von 57 Jahren erreicht hat, will er sich nach North Carolina zurückziehen. Statt mit illegalen Einwanderern oder giftigen Schlangen wird er sich fortan der Apfelernte widmen, verriet er AP - falls man ihn lässt.