Abo

Jasmin Tabatabai zur Lage in IranDieses System ist durch Proteste nicht zu besiegen

9 min
Jasmin Tabatabai

Jasmin Tabatabai

Jasmin Tabatabai, deutsch-iranische Schauspielerin und Musikerin, erklärt, warum sie trotz der jüngsten Massaker an Oppositionellen in Iran an den Sturz des Mullah-Regimes glaubt.

Frau Tabatabai, die jüngsten Proteste in Iran wurden brutal niedergeschlagen. Erneut scheint die Hoffnung auf ein Ende der Mullah-Herrschaft erstickt. Was bleibt Ihnen als iranischstämmiger Frau und Ihren Landsleuten jetzt noch?

Mir ist in diesen Tagen noch einmal klar geworden, was die spezielle Aufgabe von uns Deutsch-Iranern ist – von denen, die wirklich zwischen beiden Kulturen wandern und beide verstehen: Wir müssen der deutschen Öffentlichkeit vermitteln, was in den vergangenen Wochen in Iran passiert ist. Ich stelle immer wieder fest, auch bei jungen Leuten: Die haben gar nicht auf dem Schirm, welches Grauen über das iranische Volk gekommen ist. Es gab mindestens 30.000 Tote, massakriert innerhalb weniger Tage.  Das hat die Dimension von Babyn Jar.

Dem SS-Massaker an Zehntausenden Juden im September 1941 nahe Kiew.

Wir sprechen von einem geplanten, eiskalt exerzierten staatlichen Massenmord an der eigenen Bevölkerung – mit Sicherheit das größte Verbrechen in der jüngeren Geschichte Irans. Man muss schon sehr weit zurückgehen, um auf etwas Vergleichbares zu stoßen. Für die Iraner selbst hat bis heute der Einfall der Mongolen um 1200 traumatischen Charakter. Ich glaube, so ähnlich wird es mit den Geschehnissen und Bildern der vergangenen Wochen sein. Man hat die Menschen ja nicht nur hingemetzelt, sondern die Hinterbliebenen zur Abschreckung dann auch noch gezwungen, ihre Liebsten in den zu Bergen gestapelten Leichensäcken zu suchen und sie mit „Kugelgeld“ bei ihren Mördern auszulösen. Das ist an Zynismus nicht zu überbieten.

Die Revolutionsgarden terrorisieren ihr eigenes Volk, die Nahost-Region und die halbe Welt.
Jasmin Tabatabai

Und da sagen Sie: Das alles ist zu wenig bekannt?

Man kennt die Berichte, es gibt die Bilder. Aber manchmal kommt mir vor: Die super-emotionale orientalische Art, Trauer und Entsetzen auszudrücken; wo die Leute dann auf den Videos nur noch schreien oder sich mit Fäusten an den eigenen Kopf schlagen – das wirkt bisweilen irritierend. Dabei sind die Menschen hierzulande empathisch, sehr empathisch. Und ich mache die besten Erfahrungen, wenn ich – wie jetzt auch – in einer für mich passenden Mischung aus Emotionalität und Information sage, was Sache ist.

Wie empathisch und entschlossen erleben Sie die Politik der deutschen Regierung?

Bei dem Iran-Solidaritätsabend im Schauspiel Köln am vorigen Sonntag habe ich die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Serap Güler (CDU), als Vertreterin der Bundesregierung gehört. Entgegen dem verbreiteten Eindruck, dass Berlin ziemlich still ist, hat sie dargelegt, dass gerade Außenminister Johann Wadephul (CDU) sehr aktiv sei – nur eben nicht öffentlich, sondern hinter verschlossenen Türen. Gut, das war Gülers Darstellung – aber immerhin ist es ja tatsächlich gelungen, die iranischen Revolutionsgarden endlich, endlich auf die EU-Terrorlisten zu setzen.

Eine immer wieder erhobene Forderung.

Und ein Schritt, der viel mehr ist als ein Symbol. Man nennt die Dinge jetzt beim Namen: Diese millionenstarke Truppe terrorisiert ihr eigenes Volk. Sie terrorisiert mit ihrer Unterstützung für die Hamas in Gaza, für die Hisbollah im Libanon oder die Huthi im Jemen die Nahost-Region. Sie terrorisiert mit ungezählten Morden an Exil-Iranern und Regimegegnern, nicht zuletzt in Deutschland, auch die halbe Welt. Das offiziell zu ächten, war überfällig.

Von Selbstbefreiung zu reden,  während unbewaffnete Demonstranten mit Maschinengewehren niedergemäht wurden, das ist der blanke Zynismus.
Jasmin Tabatabai

Navid Kermani, der Kölner Schriftsteller und Essayist, hat jüngst geschrieben, angesichts der jüngsten Ereignisse müsse er die Position überdenken, dass eine Überwindung des Regimes die Iranerinnen und Iraner selbst geschehen müsse.

Ich verstehe das sehr gut. Kürzlich habe ich auf Instagram ein Video gesehen. Da stand ein junger Mann an der Siegessäule in Berlin und deklamierte: „Ich setze auf die Selbstbefreiung des iranischen Volkes.“ Ich kann nur sagen: Da sträubt sich alles in mir. Von Selbstbefreiung zu reden, wenn man sicher und unbehelligt in Berlin lebt, während gerade unbewaffnete Demonstranten mit Maschinengewehren niedergemäht wurden, das ist der blanke Zynismus.

Was dann?

Die iranischen Menschen haben zum wiederholten Mal gezeigt, wie mutig sie sind, wie resilient sie sind. Aber viele von ihnen hoffen inzwischen inständig auf Hilfe von außen, weil ihnen klargeworden ist: Dieses System ist durch Proteste nicht zu besiegen. Wir alle hatten das gehofft: Es werden Millionen auf die Straße gehen, und irgendwann haben die Mullahs ein Einsehen und geben auf. Aber das wird nicht geschehen.

Das Regime in Teheran muss zum Paria der internationalen Politik werden.
Jasmin Tabatabai

Was meinen Sie mit Hilfe von außen?

Ja, das ist die große Frage. Auch da stimme ich Navid Kermani zu, wenn er sagt: Das Regime in Teheran muss zum Paria der internationalen Politik werden. So ähnlich wie es mit dem Apartheidsregime in Südafrika war. Da hat sich damals die ganze Welt zusammengetan und gesagt: Mit denen wollen wir nichts mehr zu tun haben. Das muss jetzt auch mit dem Iran geschehen.

Aber das mit dem Paria-Status passt geopolitisch weder den Russen noch den Chinesen ins Konzept.

Gut, aber es gibt ja auch noch die USA. Wir Europäer sind auch nicht ganz unwichtig, und Deutschland, ich erinnere daran, ist nach wie vor der größte Handelspartner des Iran in der EU. Und ganz ehrlich, ich würde auch sagen: Iranische Diplomaten raus! Die WM-Teilnahme Irans canceln! Es kann doch nicht sein, dass die Mullahs ein Nationalteam schicken dürfen, das auf der Ebene des Weltfußballs einfach so mit allen anderen mitspielt. Solche Dinge legitimieren dieses illegitime Regime. Das muss aufhören.

Dieses stolze Volk ist mittlerweile so verzweifelt, dass sich wirklich ein erheblicher Teil der Menschen wünscht, Trump möge kommen und die Mullahs besiegen.
Jasmin Tabatabai

Donald Trump verhandelt gerade wieder mit Teheran. Auch das passt nicht zum Paria-Plan.

Es ist wie immer schwer vorherzusagen, was Trump tun wird: Er ist unberechenbar. Anfang des Jahres hatte er dem iranischen Volk Hilfe versprochen. Viele haben daran geglaubt – und glauben es immer noch. Dieses stolze Volk ist mittlerweile so verzweifelt, dass sich wirklich ein erheblicher Teil der Menschen wünscht, Trump möge kommen und die Mullahs besiegen. Es wäre vermessen, das zu ignorieren. Wenn es Trump aber jetzt nur wieder um einen Nuklear-Deal geht, mit dem Teheran am Bau der Atombombe gehindert würde, und die Menschenrechte überhaupt keine Rolle mehr spielen – dann wäre das ein unglaublicher Schlag ins Gesicht all dieser Menschen, die seinen Worten „Help is on the way“ – Hilfe ist unterwegs – vertraut haben. Und ich wüsste nicht, wie und wann sie sich auch davon erholen sollten.

Sie sprechen vom „Stolz“ des Volkes. Ist das Hoffen auf Amerika eine Selbstdemütigung?

So sehe ich das nicht. Ich denke einfach, die Menschen wissen nicht mehr, was ihnen sonst noch helfen könnte. Andererseits wissen sie auch, wie riskant und vom Ausgang her ungewiss ein militärisches Eingreifen wäre. Nicht von ungefähr haben die Mullahs gedroht, die ganze Region in einen Krieg zu verwickeln. Die Massaker am eigenen Volk sind Teil ihrer Taktik, zu zeigen, dass sie zu allem entschlossen sind. Das Regime taumelt, aber das macht es umso gefährlicher.

Manchmal frage ich mich, ob bei den Exil-Iranern nicht eigene Traumata, Wünsche oder Sentimentalitäten über dem stehen, was die Menschen in Iran heute wollen.
Jasmin Tabatabai

Seit 15 Jahren und mehr hört man von Regime-Gegnern und Iranern im Ausland bei jeder neuen Protestwelle: Diesmal klappt es, diesmal stürzt das Regime. Dann folgt der Gegenschlag und man hat das Gefühl, das Regime behauptet sich hartnäckiger als zuvor – und es hat noch Eskalationspotenzial. Eine Art endloser Zyklus, in dem sich immer die Gewalt des Regimes durchsetzt.

Nein, das ist nicht so. Es ist zu Bewegungen gekommen, hinter die es kein Zurück gibt. Unter dem gewaltsamen Druck des Regimes hat sich die iranische Zivilgesellschaft extrem weiterentwickelt. Sie ist – mir fällt gerade nur das englische Wort ein – unglaublich sophisticated: erwachsen, selbstbewusst, reflektiert, gebildet, mit einem wahnsinnigen Zusammenhalt, und mit wenig Sinn für die ganzen Streitereien und ideologischen Kämpfe, in denen sich die Exil-Iraner in der Diaspora seit 47 Jahren, seit der Iranischen Revolution von 1979, verheddert haben – mit unentwegten Beschimpfungen und Debatten, die keinen mehr interessieren. Ich glaube, da müssen wir unbedingt rauskommen, wenn wir den Iranerinnen und Iranern im Land wirklich helfen wollen. Wir sind es, die sich bewegen und verändern müssen, damit wir nicht den Anschluss an die Entwicklungen in Iran verlieren.

Welche Entwicklungen sollte die iranische Auslands-Community verpasst haben?

Für viele, eher links denkende Exil-Iraner ist es unvorstellbar, dass Reza Pahlavi, der Sohn des Schahs, fünf Jahrzehnte nach dem Ende der Herrschaft seines Vaters eine führende Rolle in Iran spielen sollte. Andere, teilweise radikale Monarchisten rücken alle, die sich vorsichtiger zu Pahlavi oder einer ausländischen Intervention äußern, in die Nähe der Revolutionsgarden. Bei alledem frage ich mich manchmal, ob nicht eigene Traumata, Wünsche oder Sentimentalitäten über dem stehen, was die Menschen in Iran heute wollen.

Wie es nach einem Regimewechsel weiterginge, das sollten die Menschen in Iran selbst bestimmen.
Jasmin Tabatabai

Und was wollen sie?

Die Zivilgesellschaft hat sehr genau gezeigt, wonach sie strebt: weg von der Islamischen Republik, zu Freiheit und Demokratie. Tatsache ist auch, dass viele – gerade in der jungen Generation – Reza Pahlavi für eine Integrationsfigur halten und sich vorstellen können, dass er in einer Übergangsphase eine Führungsrolle übernimmt.

Weil sie offenbar niemand anderen sehen, der dafür in Frage kommt. Aber ob sie Pahlavi als Monarchen haben wollten?

Man muss hier der Gerechtigkeit halber erwähnen, dass er selbst immer gesagt hat, er wolle kein Monarch sein, sondern nur eine Übergangsphase mitgestalten. In jedem Fall finde ich: Wie es nach einem Regimewechsel weiterginge, das sollten die Menschen in Iran selbst bestimmen. Bis dahin ist das einzig Entscheidende, dass dieses Regime fällt und dass sich dafür alle Kräfte – auch im Ausland – bündeln, statt sich zu entzweien, woran die Agenten des Regimes im Ausland sehr aktiv arbeiten.

Keiner weiß, was als nächstes an schlimmen Dingen passiert.
Jasmin Tabatabai

Müssen Iranerinnen und Iraner im Ausland sich eigentlich bedroht fühlen? Wir erleben es in der Redaktion derzeit, dass viele Leserbrief-Schreibende mit iranischen Wurzeln darum bitten, ihre Klarnamen nicht zu veröffentlichen – aus Angst vor Repressionen.

Niemand sollte sich Illusionen machen: Nach der brutalen Unterdrückung der Proteste ist es nicht vorbei mit den Verbrechen des Regimes. In Iran wurden 50.000, 60.000, vielleicht 100.000 Menschen verhaftet. Noch immer werden jeden Tag Leute abgeholt. In den Gefängnissen wird brutal gefoltert, vergewaltigt und gemordet. Das ist der Grund, warum die Leute in Iran, aber eben auch im Ausland gerade sehr vorsichtig sind. Keiner weiß, was als Nächstes an schlimmen Dingen passiert.

Aber Sie nehmen kein Blatt vor den Mund?

Seit 20 Jahren nicht. Das war spätestens seit der Zeit klar, als ich meine ersten Filme gedreht habe, unverschleiert aufgetreten und zur öffentlichen Person geworden bin. Eine meiner großen Rollen war die einer lesbischen Frau in dem Kinofilm „Fremde Haut“. Damals habe ich mich entschlossen: Wenn ich jetzt etwas spiele, worauf in Iran die Todesstrafe steht, dann werde ich von nun an auch darüber sprechen, was ich von diesem Regime halte. Aber ich will das nicht heroisiieren – die Menschen in Iran zahlen für offene Rede einen ganz anderen Preis.

Nach Iran fahren Sie seitdem aber nicht?

Das letzte Mal war ich zur Beerdigung meines Vaters 1987 dort.

Sie haben beide Pässe, den iranischen und den deutschen. Ist Iran noch Ihr Land?

Es ist das Land meiner Kindheit. Aufgewachsen bin ich dann in Deutschland, habe die meiste Zeit meines Lebens hier verbracht und fühle mich genauso deutsch wie iranisch. Zu den zwei Pässen bin ich gekommen, weil ich einen iranischen Vater habe und eine deutsche Mutter. Ich würde den iranischen Pass aber auch gar nicht loswerden, weil die Islamische Republik niemanden aus ihrer Staatsbürgerschaft entlässt – natürlich mit Bedacht: Man will immer den Zugriff auf die Menschen haben. Ich fühle mich dem iranischen Volk, den Menschen und ihrer Kultur weiter zutiefst verbunden. Und ich glaube fest an dieses Volk. Es wird seine Freiheit erhalten. Das Regime wird fallen. Es wird geschehen.


Zur Person

Jasmin Tabatabai, geboren 1967 in Teheran, ist Schauspielerin und Musikerin. Ihre Eltern - der Vater Iraner, die Mutter Deutsche - lebten von 1958 bis 1979 in Teheran. Im Zuge der Islamischen Revolution 1979 ging die Familie nach Deutschland.

Tabatabai hat von 1988 bis 1992 an der Hochschule für Musik und Kunst in Stuttgart Schauspiel studiert. Kurz nach ihrem Abschluss wurde sie für den Film entdeckt und startete 1992 mit der Hauptrolle in dem Schweizer Kinospielfilm Kinder der Landstrasse ihre Karriere. Sie ist auch als Sängerin erfolgreich. (jf)