Die deutsche Hauptstadt zählt mit Sicherheit zu einem der schwierigsten Orte für eine Ausstellung über das Judentum, die das ganze Bild zeigen will; die nicht vom finsteren Kapitel der Shoa völlig überschattet und allein in Warnungen oder Erklärungsversuchen enden will.
31 Monate hat es gedauert, bis das Jüdische Museum Berlin seine Dauerstellung völlig überarbeitet, neu konzipiert und nun an diesem Sonntag der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat.
Der gezackte Bau des Museums, ein Werk des amerikanischen Architekten Daniel Libeskind, erzählt auf mehr als 5000 Quadratmetern vom Judentum – von der Vergangenheit, aber auch von der Gegenwart. „Wir haben bewusst entschieden, räumlich mehr in der Gegenwart zu erzählen“, erklärt Kuratorin Theresia Ziehe im Gespräch mit dieser Zeitung.
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„Die Geschichte sollte nicht rein epochal und chronologisch erzählt werden, sondern durch thematische Einschübe auch in der Neuzeit erzählen“, so Ziehe. So beginnt der Rundgang nicht etwa mit historischen Daten und Fakten, sondern mit dem Thema Sprache. Über eine breite und dunkle Treppe muss der Besucher in den zweiten Stock steigen. Hebräische und lateinische Buchstaben fliegen auf der Treppe animiert um ihn herum zu einer hellen Leuchtwand, auf der sie sich zu Städtenamen zusammensetzen. Dies markiert den Startpunkt des Rundgangs.
Interaktivität ist vom ersten Moment ein Leitmotiv der überarbeiteten Ausstellung. Ein aus hellem Holz geschnitzter Baum steht im Raum. Der Besucher wird gebeten, seine innersten Wünsche auf ein papiernes Laubblatt zu schreiben und aufzuhängen. Geht es um das Hebräische, kann er sich seinen Namen auf einem Touchscreen übersetzen lassen, ehe Exponate und Lerntexte Grundsätze und Regeln der Sprache mit Gesetzen und Bräuchen des Judentums verbinden.
Auffällig ist das Spiel mit Licht und Farben in sich ständig verändernden Räumen. Je nachdem, was die Thematik hergibt, werden Wärme und Nähe oder Distanz und Kälte erzeugt. Kuratorin Ziehe begründet dieses Stilmittel: „Das Judentum ist nicht gleich Holocaust oder Antisemitismus. Es hat einen reichen Kulturschatz. Wir möchten die Vielstimmigkeit im Judentum vermitteln und Kultur und Tradition intensiver erfahrbar machen.“ Intensiver noch als in der ersten Dauerausstellung, die 2017 geschlossen wurde. Außerdem sei die Ausstellung „klarer, strukturierter und pointierter“ als ihre Vorgängerin.
„Eine solche Ausstellung hat immer etwas mit Zeitgeist und Mode zu tun“, sagt Ziehe. „Wir haben die Aussagen der Vor-Ausstellung anders übersetzt.“ Zum Beispiel im Klangraum: Durch einen Kettenvorhang gelangt man in einen runden, kleinen Raum. Alles ist orange, das Licht, die Wände, das Sofa entlang der Wand – sogar der Touchscreen, auf dem der Besucher jüdische Musik aussuchen und abspielen lassen kann. Klassische Musik, Popmusik, R’n’B, Oldies und Goldies – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, und die Akustik ist beeindruckend.
Erst nach diesem leichtfüßigen Zugang zum Judentum wendet man sich dem Kapitel des deutschen Zivilisationsbruchs zu, das zugleich so zwingend in eine deutsche Ausstellung gehört, dass es unzählbar oft aufbereitet, gelehrt, überliefert wurde – und doch so schwierig darstellbar bleibt wie kein anderes Thema: In der neuen Dauerausstellung zeigt sich an der Darstellung von Nationalsozialismus, Holocaust und dem deutschen Umgang damit, welches Kernbestreben das Museum verfolgt: „Der Fokus liegt in der gesamten Ausstellung darauf, aus der jüdischen Perspektive zu erzählen“, sagt Ziehe. „Um die Handlungsspielräume der Juden in der jeweiligen Zeit und zu den gegebenen Umständen vermitteln zu können, haben wir bewusst so wenig wie möglich aus Tätersicht erzählt.“
Das Jüdische Museum Berlin will keine Bildungsinstitution sein. Es geht nicht um einen Lehrauftrag, erklärt die Kuratorin – und verweist zur Erklärung auf den neuen „Debattenraum“: „Wir haben uns die Frage gestellt, wie man Antisemitismus thematisiert und dabei mit der einhergehenden, stetigen Reproduktion dessen umgeht. Der Raum behandelt Fallbeispiele, die sehr komplex sind. Der Besucher kann seine Meinung dazu aber nur mit Ja oder Nein angeben. Er ist dazu angehalten, sich hart zu positionieren und intensiv zu debattieren – mit sich selbst und in der Gruppe.“
Doch das Judentum aus jüdischer Perspektive: Darf das allein die Last und Komplexität von Geschichte und Gegenwart spiegeln? Die Ausstellungsmacher verneinen das auf ihre Weise: In einem unterhaltsamen Exempel des jüdischen Humors darf der Besucher sich in Selbstreflexion üben – und im Stile der Frageseite einer Jugendzeitschrift ermitteln, ob er selbst zum neuen Messias taugt.

