- In der Partei gewinnt die Suche nach einem Führungsduo mit der überraschenden Kandidatur der Bundestagspolitiker Nina Scheer und Karl Lauterbach an Fahrt.
- Das Duo Lauterbach/Scheer hat einen cleveren Zeitpunkt für ihre Bekanntmachung gewählt.
- Am Freitagabend absolvierte Karl Lauterbach einen Besuch in der SPD-Zentrale in Köln.
Köln/Leverkusen – Der Kandidat sitzt entspannt im Stuhlkreis und notiert sich die Fragen in einem kleinen Notizblock. Wenige Stunden, nachdem Karl Lauterbach seine Bewerbung um den Parteivorsitz bekanntgegeben hat, ist er in der SPD-Zentrale in Köln zu Gast. Termin mit den Jusos, schon vor Wochen vereinbart. Eigentlich, um eine Analyse der Europawahl vorzunehmen. Das Treffen aber ist nun alles andere als Routine.
Denn Karl Lauterbach ist das erste politische Schwergewicht in der SPD, das seine Kandidatur für den Vorsitz der Partei anmeldete. Zusammen mit der Umweltpolitikerin Nina Scheer, so wurde es Freitag bekannt, will er übernehmen. Und die ersten, die ihn bei einer Parteiveranstaltung direkt dazu befragen konnten, waren am Freitagabend die Kölner Jusos. Immerhin 17 Mitglieder waren gekommen. Also los. Wie, bitte, soll die SPD zu alter Stärke zurück gewinnen?

Karl Lauterbach war am Freitagabend in der SPD-Zentrale in Köln zu Gast.
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Ruhig und sachlich wie bei einem Uni-Seminar
Die Diskussion aber verläuft ruhig und akademisch. Wie bei einen Uni-Seminar. Das kommt Lauterbach, eigentlich Professor, entgegen. Er setzt auf Inhalte, nicht auf große Emotionen. Aber er spricht klare Worte und gibt sich selbstbewusst.
Ein zentraler Fehler der SPD in der Vergangenheit sei gewesen, dass sie die Definition ihrer Kernziele in Phrasen verloren habe. Viele Jusos nicken. „Die Leute haben ein gutes Gespür dafür, wenn Politiker ihre Ahnungslosigkeit mit Geschwafel zu verbergen versuchen“, sagt Lauterbach. Er habe Wahlen regelmäßig gegen den Trend gewonnen, weil er Klartext spreche.
Karl Lauterbach kann beachtliche Expertise vorweisen
Diese Eigenschaft war es auch, die ihn erst richtig bekannt machte. Lauterbach rückte um die Jahrtausendwende in die Wahrnehmung einer breiten Öffentlichkeit – als Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen und in der Rürup-Kommission, die Vorschläge für eine zukunftsfeste Finanzierung der Sozialversicherung erarbeitete.
Trotz seiner damals schon beachtlichen Expertise wurde der aus Düren stammende Mann zunächst belächelt. Der leicht nasale Ton im rheinischen Singsang seiner Sprache, die Fliege, die rundliche Metallrandbrille und die stets etwas ungeordnet an die Stirn gepappten Haare: Das alles mochte im Hörsaal einer Universität angehen, aber in der Politik?
Karl Lauterbach war sich für Polit-Unterhaltungsshows nie zu schade
Mit seinem Kampf für die Einführung einer Bürgerversicherung, gegen Tendenzen einer Zwei-Klassen-Medizin und seinem Eintreten für den effektiven Einsatz der Versicherungsbeiträge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern aber hat sich Lauterbach über viele Jahre hinweg eine über das Rheinland weit hinausreichende Popularität erarbeitet. Dazu trug auch bei, dass er sich für die Polit-Unterhaltungsshows von Will bis Illner und von Plasberg bis Maischberger nie zu schade war. Lauterbach, der erst 2001 in die SPD eintrat, hat seit 2005 viermal in Folge das Direktmandat im Wahlkreis Leverkusen/Köln IV errungen.
Die Bekanntheit könnte ein Vorteil sein, zum Beispiel gegenüber SPD-Landtagsabgeordneten Christina Kampmann , die bereits ihre Kandidatur für den Parteivorsitz angemeldet hat. Aber Kampmann und der aus Hessen stammende Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth, mit dem sie gemeinsam antritt, verbindet vor allem eines: Sie sind einer breiteren Öffentlichkeit praktisch unbekannt. Die Schwergewichte – der Name von Generalsekretär Lars Klingbeil fällt immer wieder – sollen sich aber ohnehin wohl eher erst gegen Ende der Bewerbungsfrist zu Wort melden, also gegen Ende August.

Nina Scheer
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Nina Scheer trat bisher kaum in Erscheinung
Der Bekanntheitsgrad Lauterbachs hingegen kontrastiert bislang auffällig mit dem seiner Partnerin für den Parteivorsitz, Nina Scheer. Die im schleswig-holsteinischen Geesthacht beheimatete Bundestagsabgeordnete ist öffentlich kaum in Erscheinung getreten. Das könnte sich in den kommenden Wochen ändern, denn das Interesse an Scheer wird nun sprunghaft ansteigen.
Die 47-Jährige gehört wie Lauterbach dem linken Spektrum der Sozialdemokratie an. Zusammen wollen beide die SPD wieder deutlich weiter links positionieren. Scheer tritt in ihrer Partei für einen viel entschiedeneren Umwelt- und Klimaschutz ein und befürwortet in der aktuellen Debatte die CO2-Steuer.
Nina Scheer äußerte sich am Freitag nicht persönlich
Scheer äußerte sich am Freitag nicht persönlich. Dafür sprach bei den Jusos Lauterbach auch über Umweltpolitik. Einer der Gründe, warum er für den Parteivorsitz antrete, sagt Lauterbach, sei die Kritik an der unklaren Position der SPD. Die bisherigen Klimamodelle würden das Tempo des Klimawandels völlig unterschätzen, sagt Lauterbach. „Unsere Klimapolitik ist bisher einfach zu flach. Wir sind in einer echten Notlage, was unsere Kompetenzen angeht und müssen dringend reagieren.“ Er selbst habe seine gesamte Kindheit übrigens im Hambacher Forst verbracht.
Eine Juso-Frau will wissen, wie Lauterbach das Risiko einen Ausstiegs aus der großen Koalition einschätzt. „Wie willst Du verhindern, dass wir bei Neuwahlen nicht weiter verlieren?“, fragt sie. Lauterbach gibt sich gelassen. „Es ist falsch, nur aus Angst im Bündnis mit der CDU zu bleiben. Wir kommen einfach nicht schnell genug voran und die Schnittmengen sind zu gering. Ich empfehle daher, dass wir rausgehen.“Zum Abschluss freundlicher Beifall. Lauterbach bekommt einen guten Tropfen geschenkt. Es ist ein Bio-Wein. Das passt.
