Der Kölner Psychologe Stephan Grünewald erklärt, warum Wale den Menschen so faszinieren.
Kölner Psychologe Grünewald„Der Wal ist das mütterliche Urtier“

Die von Greenpeace Deutschland zur Verfügung gestellte Aufnahme zeigt den gestrandeten Buckelwal vor der Insel Poel in der Ostsee.
Copyright: Florian Manz/Greenpeace Germany/dpa
Herr Grünewald, ganz Deutschland, so scheint es, leidet mit Buckelwal „Timmy“ in der Ostsee. Dass die großen Meeressäuger große Emotionen auslösen, ist ja bekannt. Woran liegt das?
Das hat verschiedene Gründe, die uns ganz tief in die Menschheitsgeschichte und die Entwicklungspsychologie führen. Das Meer gilt zurecht als der Ursprung allen Lebens. Ich war häufig auf Hawaii. Die Hawaiianer sehen das Meer auch als den Ort, aus dem alle Seelen kommen und wohin sie wieder zurückkehren. Im Meer als Ursprungsort allen Lebens ist der Wal das machtvollste Lebewesen. Schon in seiner schieren Größe liegt eine Faszination. Noch deutlicher wird sie an der biblischen Geschichte vom Propheten Jona.
Der wird bei lebendigem Leib vom Wal verschlungen und später bei Ninive an Land gespuckt.
In der christlichen Theologie wurde das von jeher als ein Sinnbild für den Tod und die Auferstehung Jesu verstanden. Das passt jetzt zu Karfreitag und Ostern natürlich bestens. Aber diese mythische Geschichte ist auch ein Sinnbild für das Werden und Vergehen, für Mutter Natur, die uns gebärt und nährt. Letztlich geht es um Schöpfung. Jeder Mensch war in seiner eigenen Schöpfungsgeschichte einmal im Bauch eines großen, liebevollen Wesens und wurde dann irgendwann in die Welt geworfen. In diesem Sinn steht der Wal für den liebenden Urgrund allen Daseins. Er ist das mütterliche Urtier, ein Freund des Lebens, ein Freund der Menschen.

Stephan Grünewald
Copyright: Henning Kaiser/dpa
Anders als zum Beispiel der Wolf, der parallel zum Wal in der Ostsee in den Schlagzeilen ist.
Beim Wolf ist die mythische Zuschreibung genau entgegengesetzt: Der Wolf, der seine Beute verschlingt, nimmt ihr das Leben. Er ist gefräßig, gierig – unser Feind. Der Wal, der übrigens – bis auf wenige Ausnahmen - auch kein Jäger ist und niemandem gefährlich wird, ist das Urtier, der Wolf das Untier – so ungerecht das im Falle des Wolfs auch ist.
Bleiben wir noch beim Mythos Wal.
Es gibt noch eine zweite Dimension, für die das Wortspiel vom Wal-Geheimnis passt. Normalerweise sehen wir Wale nicht. Wir wissen: Sie sind da, sie schwimmen irgendwo da unten im Meer, kommen aber selten an die Oberfläche. Das spricht das Unbewusste an, die verborgenen Tiefen. Und dann wird es wie ein Wunder erlebt, wie ein Zeichen aus der Tiefe, wenn der Wal auf einmal sichtbar wird. Gerade in einer übertechnisierten Welt ist es das Auftauchen des Verdrängten – und das Erscheinen dessen, was unsere Existenz bestimmt.
Das erklärt auch die Begeisterung für „Whale Watching“?
Man kann sich hier gezielt auf die Suche nach dem Verborgenen begeben und eine Glückserfahrung machen, wenn der Wal tatsächlich auftaucht. Das „Whale Watching“ hat ein buchstäblich spirituelles Moment: Es ist eine nautische Pilgerreise.
Es heißt jetzt, der Wal an der Ostsee werde es trotz aller Rettungsversuche nicht mehr schaffen.
Da kommen wir einer weiteren Ebene, warum uns sein Stranden so berührt hat. Es ist eine Analogie zum Zustand unserer Gesellschaft, wie viele ihn empfinden: Wir wachen morgens auf und fühlen uns angesichts all der Krisenmeldungen wie in einer verkehrten Welt oder im falschen Fahrwasser. Wir haben uns festgefahren und fühlen uns oft manövrierunfähig. Der Wal im Flachwasser der Ostsee führt uns den Reformstau, die ganze eigene Ohnmacht vor Augen. Die Rettungsmaßnahmen, alle Versuche, den Wal frei zu bekommen und ihn zum Schwimmen zu bringen, sind dann Ausdruck der Hoffnung, dass wir auch selbst wieder flott werden.
Die „Selbstwirksamkeit“, von der Sie gern sprechen?
Wenn wir das machtvollste Tier, das es gibt, retten und wieder auf den richtigen Weg bringen, dann fühlen wir uns auch selbst wieder mächtig: Wenn wir das hinbekommen, dann kriegen wir auch anderes wieder hin. Das erklärt dann auch die große Ergriffenheit, als der Wal ans Schwimmen kam, und die große Enttäuschung, als er wieder und wieder festsaß und nun zu sterben droht.
Schwingt womöglich auch ein Schuldgefühl mit? Es heißt ja, Wale würden durch die Schifffahrt in ihrer Navigationsfähigkeit beeinträchtigt und regelrecht krankgemacht.
Das Verschulden liegt auf zwei Ebenen. Ausbeutung der Natur, Raubbau an den Ressourcen, Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen. Das ist das eine. Das andere ist die individuelle Schuld gegenüber unserer Mutter, die uns geboren, genährt und umsorgt hat, die wir aber im Zuge des Erwachsenwerdens irgendwann verlassen haben. Das ist natürlich ein unausweichlicher Prozess der Emanzipation, aber er erzeugt ein Restunbehagen.
Wale sind ja Säugetiere. Rührt auch daher eine größere emotionale Nähe des Menschen als zum Beispiel zu Fischen?
Ich glaube, das funktioniert anders. Nehmen Sie den Delfin. Da haben wir fast ein geschwisterliches Verhältnis. Delfine sind wie Spielgefährten, wenn sie springen und auf ihre ganz eigentümliche Weise schnattern. Auch physiognomisch hat man ja immer den Eindruck, der Delfin lächelt. Das ist etwas anderes als ein zähnefletschender Hai. Das mit dem Säugetier ist eher etwas, was über den Intellekt funktioniert.
Es gibt zum Entwurf der Mütterlichkeit, den Sie schildern, auch den Gegenentwurf: In Hermann Melvilles „Moby Dick“ sind Kapitän Ahab und der weiße Wal erbitterte Gegner, Todfeinde geradezu. Ahab jagt ihn unerbittlich, der weiße Wal attackiert ihn, sein Schiff und seine gesamte Mannschaft. Hat der Mythos Wal auch die andere, dunkle Seite?
Ich glaube, da muss man beim Menschen ansetzen, konkret bei Kapitän Ahab. Es wäre interessant, ob er als Kind die tiefe Mutterbindung, die Geborgenheit erlebt hat, von der ich sprach. Das verbindet er jedenfalls nicht mit dem Wal – im Gegenteil. Moby Dick hat ihn ein Bein gekostet, ihn zum Krüppel gemacht. Damit wird er zum Inbegriff gestörten Urvertrauens. Diese Erfahrung samt der Kränkung durch die Verletzung seiner körperlichen Integrität wird zur Besessenheit. Das ist Ahabs Sache, nicht die von Moby Dick. Die Anteilnahme hingegen, die derzeit dem gestrandeten Buckelwal zuteil wird, ist ein Ausdruck unserer Sehnsucht nach einer intakteren Welt.
Stephan Grünewald ist Geschäftsführer des Kölner „Rheingold“-Instituts für tiefenpsychologische Marktforschung. 2025 erschien sein jüngstes Buch „Wir Krisenakrobaten“.
