Kommentar zur Welt nach CoronaWir müssen neu lernen, was normal ist

Unbeschwer in Gesellschaft? An diese Normalität werden wir uns irgendwann erst wieder gewöhnen müssen.
Copyright: Thomas Banneyer
- Frank Nägele ist Redakteur im Sport-Ressort des „Kölner Stadt-Anzeiger“. In seiner Kolumne schreibt er über alles, was (ihm) im Leben wichtig ist
Nachdem klar ist, dass die Pandemie durch das Wunder der Impfung irgendwann nicht mehr unser ganzes Leben bestimmen wird, können wir damit beginnen, wieder zu erlernen, was für Menschen normal ist und was nicht. Die Unfähigkeit der Politik, die Werkzeuge zur besseren Beherrschung der Covid-Lage zügig und konsequent anzuwenden, gibt uns sogar mehr Zeit dazu als nötig wäre. Nachfolgend Beispiele.
1. Normal ist, dass Menschen die Nähe zu anderen Menschen suchen. Unnormal ist, dass sie das nicht dürfen.
Die dauerhafte Vermeidung physischer Nähe anderer Menschen außerhalb des allerengsten Familienkreises ist ein schwerer, für die Seele ungesunder Eingriff in unsere innerste Programmierung. Die Leistung der zeitweilig massiven Kontaktbeschränkung über ein Jahr hinweg wird mir zu wenig gewürdigt. Sie geschah viel mehr durch Einsicht der Masse als durch Zwang, der eine so große Gruppe wie eine 80-Millionen-Nation nicht zu dieser unnatürlichen Verhaltensänderung hätte bringen können. Es wäre richtig, einmal hochzurechnen, wie viele Leben durch diese große gemeinschaftliche Leistung gerettet wurden. Allein in Deutschland käme man schnell auf eine Million oder mehr.
Die allermeisten Menschen aus allen Schichten haben verstanden, dass dieses Opfer nötig war, um eine noch schlimmere Katastrophe als bis heute rund 72 000 Tote und viele Gezeichnete in Deutschland zu vermeiden. Sie haben sich vereinzelt bis hin zur Isolation, die das Ideal der Pandemie war. Das ist jedoch grundsätzlich gegen unsere Natur. Normal ist, dass wir anderen Menschen mit Freude uneingeschränkt nah sein können. Und bald wieder dürfen.
2. Normal ist, dass Menschen sich frei bewegen können. Unnormal ist, wenn sie das nicht dürfen.
Die Ausdehnung des Bewegungsradius bis hin zur Umrundung des Planeten aus Abenteuerlust war zu einem Markenzeichen des modernen Lebens geworden, das trotz seiner ökologischen Bedenklichkeit bis vor kurzem ausschließlich positiv besetzt war. Inzwischen ist das Gegenteil der Fall. Jedes Verlassen des Hauses ist seit einem Jahr ein prinzipieller Verhaltensverstoß, der bei den Instanzen, die unseren Bewegungsradius überwachen, Stirnrunzeln auslöst.
Die Frage, ob wir etwas Verbotenes tun, war und ist noch unser politisch korrekter Begleiter auf Schritt und Tritt. Mit der Impfung der Mehrheit muss er verschwinden. Spätestens. Und es muss alles dafür getan werden, damit nie wieder eine Situation entsteht, in der sich das wieder umkehrt. Menschen haben ein angeborenes Recht auf Bewegungsfreiheit ohne schlechtes Gewissen.
3. Normal sind in unserem Land, wie sie es überall sein sollten, die demokratischen Grundrechte. Unnormal ist, mehr als ein Jahr lang auf viele von ihnen verzichten zu müssen.
Ich gebe zu, dass der Verlust der Selbstbestimmung, wie ich sie mein Leben lang kannte, vom ersten Tag an unglaublich schmerzhaft war. Obwohl sich mein Alltag im Lockdown viel weniger geändert hat als der anderer, deren Kinder noch in die Schule gehen, die beruflich vor dem Nichts stehen und materiell vor der Pleite, hat mich persönlich die Unfreiheit mehr belastet als jede gesellschaftliche Erfahrung zuvor in meinem Leben. Irritierend war dabei die Beobachtung, wie wenige Menschen aus meinem Bekanntenkreis das so stark gespürt haben wie ich und wie groß die Ausschläge der Empörung waren, wenn man darüber sprach.
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Von Beginn an wurde dieser Schmerz begleitet vom Verdacht, dass es möglicherweise schwer wird, die Persönlichkeitsrechte nach dem Ende der Pandemie wieder so zurückzubekommen, wie wir sie abgegeben haben. Ich fürchte, ohne politischen Widerstand wird das auch nicht gehen, denn es ist ja sehr bequem für den Staat, digital und analog alles von uns zu wissen, immer unseren Aufenthaltsort und Bewegungsradius bestimmen, jeden Fußabdruck, den wir hinterlassen, verfolgen zu können. Es ist aber falsch.
4. Unnormal ist, dass jedem Einzelnen die Verantwortung für den Verlust von Menschenleben aufgebürdet wird, wenn er nicht immer alles richtig macht. Normal ist, dass Menschen ein Recht auf Fehlerhaftigkeit haben.
Die Schreckensnachricht der Krise war für mich die Meldung von einem Nikolausdarsteller in Belgien, der im Dezember das Virus in ein Pflegeheim trug und s den Tod von 26 Menschen auslöste. Er war, wie alle um ihn herum, leichtsinnig, hat es aber vermutlich gut gemeint. Wer glaubt, auf die Frage nach der „Schuld“ in diesem Fall eine einfache Antwort zu kennen, bekommt meinen vollen Widerspruch. Zu den vielen bösartigen Eigenschaften dieses Virus gehört die Fähigkeit, die Gemeinschaft zu spalten, indem es den Eindruck erweckt, es sei mit Vernunft und der richtigen Moral durch einfache Verhaltensregeln zu besiegen. Alle Menschen, die ich näher kenne, haben wie ich versucht, diese Regeln konsequent einzuhalten. In der Summe bestimmt mehr als drei Viertel der Bevölkerung. Auf einem Kontinent mit offenen Grenzen wie in Europa wird daraus allerdings noch kein „Sieg“ über das Virus, dessen Überlebensprinzip Milliarden Jahre alt ist.
Das Wunder der Impfung wird der Diskussion im Sommer den schlimmsten Schrecken nehmen. Aufhören wird sie jedoch nicht, denn ihre ideologische Aufladung ist für viele zu reizvoll. Dennoch wird der Tag kommen, an dem wir wieder unbedachte, leichtsinnige und sorglose Momente haben dürfen. Alles andere wäre nicht nur unnormal, es wäre unmenschlich.



