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KriminalstatistikZahl der Einbrüche in NRW um rund 18 Prozent gestiegen

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Berlin/Düsseldorf – Wer derzeit mit Familienangehörigen, Freunden oder Nachbarn spricht, der trifft immer häufiger mal Menschen unter ihnen, denen in letzter Zeit das Haus oder die Wohnung aufgebrochen worden ist. Und wenn diese Menschen nicht selbst Opfer geworden sind, dann kennen sie doch solche, die es wurden. Neueste Zahlen belegen den Trend. Wieder einmal, muss man sagen.

Wie die Tageszeitung „Die Welt“ jetzt unter Berufung auf die Polizeiliche Kriminalstatistik für 2015 berichtet, ist die Zahl der Wohnungseinbrüche in Deutschland nämlich auf den höchsten Stand seit mehr als 20 Jahren gestiegen. So weise die Statistik für das vergangene Jahr 167 136 erfasste Fälle aus und damit 9,9 Prozent mehr als im Jahr davor, schreibt das Blatt. Derart hoch habe die Zahl der Wohnungseinbrüche zuletzt 1993 gelegen. Nach Angaben von Polizeigewerkschaftern geschieht gegenwärtig alle drei Minuten ein Einbruch. Das ist in dieser Form ein noch eher neues Phänomen.

Besonders betroffen sind die drei Stadtstaaten und Nordrhein-Westfalen: Mehr als 62 000 Einbrüche sind im vergangenen Jahr in NRW angezeigt worden, das sind sogar rund 18 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Aufklärungsquote der Polizei in diesen Fällen lag bei niedrigen 13,8 Prozent. So die ernüchternden Zahlen, die das Düsseldorfer Innenministerium vor wenigen Tagen vorgelegt hat. Verantwortlich für den Anstieg seien vor allem international operierende mobile Einbrecherbanden aus Südosteuropa. „Das sind Profis: straff organisiert und bestens vernetzt. Nicht selten bestehen Familienbande“, sagte Innenminister Ralf Jäger (SPD) Mitte März zu der Landesstatistik. Dementsprechend aufwendig seien die Ermittlungen, so der Minister weiter. Das Landeskriminalamt in Düsseldorf verfolgt die Arbeitsweise und Wege der Banden inzwischen mit speziellen Ermittlungseinheiten, – und hat dabei offenbar nur mäßigen Erfolg. „Für einen gefassten Täter kommen drei neue“, heißt es aus Polizeikreisen.

Eher aus Verlegenheit hat das Innenministerium nun angekündigt, auf den Internetseiten der Polizei ein wöchentliches „Einbruchsradar“ vorzulegen: Auf der Karte ist nachzuvollziehen, in welchen Stadtteilen zuletzt Einbrecher unterwegs waren. „Davon erhoffe ich mir noch mehr Sensibilität und dass die Menschen ihre vier Wände besser schützen“, sagt Jäger. Der Minister offenbare damit seien „ganze Hilfslosigkeit“, meint die Opposition.

Wie schwer vergleichbar Statistiken sind, zeigten da schon Zahlen aus der Region. So lag im Rhein-Erft-Kreis die Zahl der Wohnungseinbrüche im Jahr 2015 mit 2149 Fällen so hoch wie in den vergangenen zehn Jahren nicht mehr. Der Anstieg beläuft sich auf 67,9 Prozent. Die Polizei begründete das Plus mit besonderen Umständen. Die entscheidende Rolle habe dabei eine Einbruchsserie gespielt, die im Dezember 2014 aufgeklärt wurde, aber sich erst in der Statistik für 2015 negativ niederschlug. Ein Sonderfall also, der zu einer Verzerrung der Zahlen geführt habe.

Hunderte Einbrüche in NRW aufgeklärt

Die Polizei hat eine Serie von mindestens 250 Einbrüchen in NRW und angrenzenden Bundesländern aufgeklärt. Elf Bandenmitglieder sind in Untersuchungshaft. Die Schäden liegen nach Angaben der federführenden Dortmunder Ermittler im sechsstelligen Bereich. Die Polizei geht von rund 25 Bandenmitgliedern aus. Die Beteiligten stammen aus Bosnien, wohin ein Großteil Beute gegangen sei. Derzeit müssten 2000 sichergestellte Beutestücke den Opfern zugeordnet werden. (dpa)

Im Vergleich zu früheren Zeiten hat sich das waren Wohnungseinbrüche Einzelfälle – in Großstädten nicht selten begangen von Drogenabhängigen auf der Suche nach Geld oder Dingen, die sich zu Geld machen ließen. Im echten Sinne organisiert waren die Taten kaum. Das hat sich geändert. Sowohl im letzten als auch im vorletzten Jahr wies Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), der die neue Statistik voraussichtlich im Mai offiziell vorstellt, daraufhin hin, dass Wohnungseinbrüche zunähmen und die Grenzen zwischen Alltagskriminalität und Organisierter Kriminalität dabei verschwömmen.

Bereits im Oktober 2014 sagte der Minister, dahinter steckten nun überwiegend hierarchisch organisierte Banden, die konspirativ agierten und deren Chefs im Ausland säßen. Darum ist guter Rat teuer.

Polizeigewerkschaft kritisiert Personalabbau

Experten unterstreichen, dass technische Sicherungen wichtig seien. Meist halten sie Täter davon ab, den Einbruch überhaupt zu wagen. Denn die wollen es risikolos und schnell. Sonst lassen sie lieber die Finger davon. Die Gewerkschaft der Polizei führt den Anstieg bei Wohnungseinbrüchen überdies auf Personalabbau zurück. „Die Polizei ist gezwungen, sich aus der Fläche zurückzuziehen. Deshalb hat die Polizei schon Reviere schließen müssen“, sagte der stellvertretende GdP-Bundesvorsitzende Jörg Radek. Die konkurrierende Deutsche Polizeigewerkschaft will mehr länderübergreifende Kooperation und Informationsaustausch, um besser gegen kriminelle Banden vorgehen zu können, die in mehreren Bundesländern aktiv sind.

Der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Burkhard Lischka, fordert unterdessen, das Personal beim Bundeskriminalamt (BKA) aufzustocken. „Die Organisierte Kriminalität hat das Feld der Einbrüche für sich entdeckt“, sagte er dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. „Gleichzeitig geht die Aufklärungsquote zurück. Man würde dieser Entwicklung besser Herr, wenn man Daten zentral sammelt und analysiert. Dann würde man besser wissen, wo die nächsten Einbrüche zu erwarten sind und wo das Diebesgut hingebracht wird.“ Lischka fügte hinzu: „Seit dem 1. April 2015 gibt es beim BKA die Koordinierungsstelle Organisierte Kriminalität. Da sitzen aber nur acht Leute. Die Stelle muss erheblich aufgestockt werden – um mindestens 50 Mitarbeiter. Wenn wir das nicht machen, werden die Einbrüche weiter steigen, und die Aufklärungsquote wird weiter sinken.“

Zuschüsse für Sicherheitstechnik

Die steigende Zahl der Wohnungseinbrüche schlägt sich auch in den Bilanzen der Versicherungsunternehmen nieder. Nach Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) stieg die durch Einbrüche verursachte Schadenssumme im Zeitraum von 2010 bis 2014 um 35 Prozent auf 490 Millionen Euro.

Spitzenreiter bei den Einbruchszahlen ist Bremen, wo 2014 auf 100 000 Einwohner 541 Wohnungseinbrüche registriert wurden. Hamburg folgt mit 429, Berlin mit 355 und NRW mit 300 Einbruchsdelikten pro 100 000 Einwohner. Die stärkste Zunahme gegenüber dem Vorjahr verzeichnete Bayern mit einem Plus von 28 Prozent, allerdings auf ein noch immer sehr niedriges Niveau von 65 Einbrüchen. Auch im Saarland und in Baden-Württemberg stieg die Zahl der Einbrüche kräftig, nämlich um fast ein Fünftel auf 251 und 127 Einbrüche an.

Die geringsten Einbruchzahlen wiesen Thüringen (45), Bayern (65), Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern (je 96) auf. Thüringen war das einzige Bundesland, in dem die Einbruchsdelikte deutlich zurückgingen.

Immobilieneigentümer und Mieter können mit dem Einbau moderner Sicherheitstechnik einiges dafür tun, den Einbrechern ihr Handwerk zu erschweren. Zudem übernimmt die KfW bei Investitionen in Alarmanlagen und einbruchsichere Fester mit einem Volumen zwischen 2000 und 15 000 Euro zehn Prozent der Ausgaben. Viele Wohnungen sind nicht ausreichend gegen Einbrüche gesichert. Professionelle Täter benötigen laut GDV in der Regel weniger als 15 Sekunden, um ein Fenster aufzuhebeln. (sts)

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