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Landtagswahl in Baden-WürttembergGrüne knapp vor CDU, SPD stürzt ab – Klingbeil: „Total bitterer Abend“

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Cem Özdemir (Grüne, Mitte) steht neben Andreas Schwarz (Fraktionsvorsitzender im Landtag) und Flavia Zaka, seiner Frau, bei der Wahlparty in Stuttgart.

Cem Özdemir (Grüne, Mitte) steht neben Andreas Schwarz (Fraktionsvorsitzender im Landtag) und seiner Frau Flavia Zaka bei der Wahlparty in Stuttgart.

Grüne und CDU kämpfen um Platz eins, die AfD verdoppelt ihr Ergebnis. Die SPD stürzt den Hochrechnungen zufolge ab. FDP und Linke dürften beide nicht im Landtag vertreten sein.

Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg liefern sich Grüne und CDU ein enges Rennen um Platz eins. Nach den Hochrechnungen von ARD und ZDF liegen die Grünen mit Spitzenkandidat Cem Özdemir knapp vor der CDU von Landeschef Manuel Hagel.

Die AfD verdoppelt ihr Ergebnis und landet auf Platz drei. Die SPD stürzt auf ein historisches Tief bei Landtagswahlen bundesweit – Spitzenkandidat Andreas Stoch zog die Konsequenzen und kündigte seinen Rückzug als Landes- und Fraktionschef an. FDP und Linke scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde.

Erstmals durften 16- und 17-Jährige abstimmen

Den Hochrechnungen zufolge kommen die Grünen auf 31,7 bis 31,8 Prozent (2021: 32,6 Prozent), die CDU liegt mit 29,3 bis 30,3 Prozent knapp dahinter (24,1). Die AfD erhält 17,6 bis 17,9 Prozent (9,7). Mit großem Abstand folgt die SPD mit 5,4 bis 5,5 Prozent (11,0). Die FDP kommt auf 4,5 Prozent (10,5), die Linke ebenfalls auf 4,5 Prozent (3,6).

Die Grünen erhalten laut Hochrechnungen 44 bis 58 Sitze im Landtag (2021: 58), die CDU 43 bis 54 (42). Die AfD kommt auf 25 bis 32 Mandate (17), die SPD auf 8 bis 10 (19).

Manuel Hagel (CDU), Spitzenkandidat Landtagswahl Baden-Württemberg, bedankt sich bei seinen Anhängern für den Wahlkampf.

Spitzenkandidat Manuel Hagel (CDU) bedankt sich bei seinen Anhängern für den Wahlkampf.

Die Wahlbeteiligung liegt den Hochrechnungen nach bei 70,2 bis 71,5 Prozent (2021: 63,8). Gut 7,7 Millionen Wahlberechtigte durften ihre Stimme abgeben – so viele wie nie zuvor.

Erstmals galt ein neues Wahlrecht, auch 16- und 17-Jährige durften abstimmen. Zudem hatten Bürger zum ersten Mal zwei Stimmen wie bei der Bundestagswahl. Die Zweitstimme entscheidet über die Kräfteverhältnisse im Landtag, die Erststimme über den Direktkandidaten im Wahlkreis.

Özdemir will mit CDU „Partnerschaft auf Augenhöhe“

Nach den ersten Hochrechnungen hat Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir die CDU zu einer „Partnerschaft auf Augenhöhe“ aufgerufen. Auf den Erfolgen der gemeinsamen Regierungsjahre in Baden-Württemberg solle man aufbauen, sagte er. „Der Maßstab sollten die letzten zehn Jahre sein und die Erfolge, die wir eingefahren haben.“

Beide Seiten müssten sich in der Koalitionsvereinbarung wiedererkennen, sagte er in der ARD. „Das ist dann nicht rein Grün, rein Schwarz, sondern es ist Baden-Württemberg.“ Özdemir war zuvor mit frenetischem Jubel und Applaus von seinen Parteianhängern empfangen worden

Grünen-Chef Felix Banaszak nannte das starke Grünen-Ergebnis auch eine Ansage an Kanzler Friedrich Merz (CDU) und dessen politische „Orientierungslosigkeit“. Co-Vorsitzende Franziska Brantner sprach von einem „sensationellen Ergebnis“.

Erfolgreiche Aufholjagd der Grünen

Über Monate lag die CDU in Umfragen deutlich vor den Grünen, die aber eine Aufholjagd hinlegten. Als Partei präferierten viele zwar die CDU, aber als Ministerpräsidenten wollten die Menschen lieber Özdemir – und weniger den bis zuletzt kaum bekannten CDU-Mann Hagel.

Der 60-jährige Grünen-Kandidat Özdemir ist seit Jahrzehnten in der Politik – er saß im Bundestag und im Europaparlament, war Grünen-Chef und auch Bundesminister. Im Wahlkampf ging Özdemir, der sich einen „anatolischen Schwaben“ nennt, auf Abstand zu den Bundes-Grünen und gab sich ein eher konservatives Profil.

Hagel schwärmte von „rehbraunen Augen“ einer Schülerin

Der 37-jährige gelernte Bankkaufmann Hagel ist seit 2021 CDU-Fraktionschef im Landtag und wäre, sollte seine Partei vorn liegen, der jüngste Ministerpräsident in der Geschichte. Im Wahlkampf stand der gläubige Katholik und Jäger in der Kritik wegen eines Videos: In dem acht Jahre alten Clip schwärmt er von den „rehbraunen Augen“ einer minderjährigen Schülerin.

Auch SPD-Spitzenkandidat Stoch trat in einen „Fettnapf“, wie er selbst sagte: In einem SWR-Porträt ist zu sehen, dass er ausgerechnet nach einem Besuch in einem Laden der Tafel seinem Fahrer offenbar aufträgt, im benachbarten Frankreich Pastete einzukaufen. Auch wenn es zu dem Einkauf nie kam, drückte Stoch sein Bedauern aus.

Klingbeil spricht von „total bitterem Abend“, Stoch kündigt persönliche Konsequenzen an

Das historisch schlechte SPD-Ergebnis im Südwesten schockt auch die Bundes-SPD, wo Parteichef Lars Klingbeil mit den Koalitionspartnern CDU und CSU wichtige Reformen im Renten- und Gesundheitssystem vor der Brust hat. Klingbeil hat sich tief enttäuscht über das schlechte Abschneiden seiner Partei gezeigt. „Das ist ein total bitterer Abend“, sagte er im ZDF. Die SPD habe für ein anderes Ergebnis gekämpft.

Andreas Stoch (SPD) hat bereits persönliche Konsequenzen angekündigt.

Andreas Stoch (SPD) hat bereits persönliche Konsequenzen angekündigt.

SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf bezeichnete den Ausgang als ein „sehr bitteres Wahlergebnis für uns“. Die SPD sei „total unter die Räder gekommen im Zweikampf zwischen Hagel und Özdemir“, sagte er in der ARD.

Spitzenkandidat Andreas Stoch hat noch am Abend persönliche Konsequenzen angekündigt. Er werde daran mitwirken, dass die SPD „an der Spitze unserer Landespartei, aber auch in der Fraktionsspitze eine Neuausrichtung vornimmt“, sagte Stoch, der derzeit Landes- und Fraktionschef ist, am Sonntagabend in der ARD. In den Gremien der Partei solle am Montag darüber gesprochen werden, „wie wir den Übergang gestalten“. Er werde dabei „eine sehr konstruktive Rolle spielen“, sagte Stoch.

AfD: Auch in Baden-Württemberg eine Volkspartei

Die AfD mit ihrem Spitzenkandidaten Markus Frohnmaier wird vom Landesverfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall beobachtet; keine der übrigen Parteien will mit der AfD koalieren. AfD-Bundeschef Tino Chrupalla sagte im ZDF, seine Partei sei der Gewinner des Abends. „Wir sind jetzt auch in Baden-Württemberg eine Volkspartei.“

Die im Südwesten tief verwurzelte FDP zog mit Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke ins Rennen. Er sprach im Wahlkampf von der „Mutter aller Wahlen“ für seine Partei. Dass sie nun in Baden-Württemberg nicht mehr im Landtag sitzen, dürften auch ein Comeback im Bund erschweren.

Die Linke trat mit drei jungen Frauen als Spitzen-Trio an und setzte damit einen Kontrapunkt zu den übrigen Parteien. Ins Zentrum rückten sie die hohen Mieten und die Kluft zwischen Arm und Reich.

Auftakt für das „Superwahljahr 2026“

Die Wahl ist die erste von fünf Landtagswahlen im „Superwahljahr 2026“ und die erste unter der schwarz-roten Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz (CDU). CDU und SPD debattieren über wichtige Reformen. Die Wahlergebnisse sind daher wichtig für die Stimmung.

Die nächste Wahl steht am 22. März in Rheinland-Pfalz an. Dort droht der seit 34 Jahren regierenden SPD der Verlust des Ministerpräsidentenpostens. Im September wählen Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern – hier kommt die AfD in Umfragen an die 40 Prozent. (dpa/mg)