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Britische MonarchieRoyals nach Skandal um Ex-Prinz und Epstein vor dem Neustart

4 min
Das Archivfoto aus dem Jahr 2019 zeigt die damalige Königin Elizabeth II. bei der Parade „Trooping the Colour“ zwischen ihren Söhnen Charles (l.) und Edward.

Das Archivfoto aus dem Jahr 2019 zeigt die damalige Königin Elizabeth II. bei der Parade „Trooping the Colour“ zwischen ihren Söhnen Charles (l.) und Edward.

Die Königshaus-Expertin Julia Melchior bewertet die Bedrohung, die vom Skandal um den Sexualstraftäter Jeffrey Epstein und die Verwicklung des ehemaligen Prinzen Andrew für die britische Monarchie ausgeht.

Bringt der Skandal um Andrew Mountbatten-Windsor und den Sexualstraftäter Jeffrey Epstein die Monarchie zu Fall? Mit dieser Frage werde ich häufig konfrontiert, insbesondere seit der Festnahme des Ex-Prinzen. Der Vorwurf des Missbrauchs Minderjähriger und die Ermittlungen wegen Amtsmissbrauchs geben ein erschütterndes Bild der britischen Monarchie. Das schlägt sich auch in den Umfragen nieder.

Der Schaden ist vor allem deshalb so groß, weil Andrew noch aktives Mitglied der Königsfamilie war, als er sich strafbar gemacht haben soll. Er repräsentierte das Königshaus, bekam dafür Geld und genoss Privilegien. Als kleiner Bruder des Thronfolgers, Prinz Charles, war seine Aussicht auf den Thron gering. Andrew hatte den Hang zum Lebemann. Er wurde mit dem Posten als Handelsbotschafter betraut, für den er gar nicht das passende Profil hatte.

Als Prinz ist Andrew nie auf eigene Füße gestellt worden

Hätte man Andrew auf eigene Füße gestellt, zu einer Ausbildung ermutigt und einen Beruf ausüben lassen, wie von Zweitgeborenen in anderen Königshäusern vorgelebt, wäre die Lage jetzt eine andere. Andrew wäre zwar der Bruder des Königs geblieben, aber für sich selbst verantwortlich. In den Geschichtsbüchern würde er dann eher für eine Randnotiz sorgen. Wenn Prinz Harry heute eine Straftat beginge, würde man ja auch nicht die Monarchie in Frage stellen.

Julia Melchior

Julia Melchior

Das ist der Vorwurf, den man dem Königshaus und der verstorbenen Queen machen kann, in deren Herrschaft sich Andrews Taten ereigneten. Elizabeth II. hielt fest am Bild der Großfamilie. Und sie zog nicht die Reißleine, als ihr Sohn auffällig wurde. Bereits während seiner Zeit als Handelsbeauftragter (2001 bis 2011) war bekannt, dass er sich mit zwielichtigen Geschäftsleuten umgab, die ihm Geld und Annehmlichkeiten verschafften. Andrew war schon lange kein Leistungs- und Sympathieträger mehr. Er schadete der Krone mehr, als er ihr nutzte. Allein deshalb hätte die Queen handeln müssen.

Eine einfache Kosten-Nutzen-Formel

Von den schwerwiegenden Vorwürfen, die heute im Raum stehen, wird die Queen nichts gewusst haben. Aber Andrews schlechtes Image hätte reichen müssen, um ihn von seinen königlichen Pflichten und Privilegien zu entbinden. Mit anderen Worten: ihn zu entlassen. Es ist eine einfache Kosten-Nutzen-Formel: Wer kein positives Ergebnis bringt, ist nicht tragbar. Die Monarchie von heute ist eine Monarchie von Volkes Gnaden, die sich täglich bewähren muss. Sie hat keinen Platz für Taugenichtse und Eigennutzenmaximierer, geschweige denn für Straftäter.

König Charles III. ist auf Distanz gegangen. Er überlässt seinen Bruder der Justiz. In der Königsfamilie ist Andrew jetzt persona non grata. Das hat Charles klargemacht. Einen letzten Hieb kann ihm jetzt noch die Regierung verpassen, indem sie Andrew aus der Thronfolge streicht. Dazu bedarf es eines Gesetzes. König Charles wird sich dem gewiss nicht in den Weg stellen. Vielmehr wird das ein Befreiungsschlag sein.

Charles Haltung in der Causa Andrew ist eine glaubwürdige Distanzierung von einem Bruder, der ihm zutiefst zuwider sein muss. Während Andrew in Polizeigewahrsam sitzt, sieht man den König unbeirrt seine Pflichten wahrnehmen. Auch deshalb wird der Skandal um Andrew nicht das Ende der Monarchie sein.

Camilla hat sich als Säule der Monarchie erwiesen

Denn in der Verantwortung steht ein respektierter König, flankiert von aktiven Familienmitgliedern, die geliebt und geachtet werden, an vorderster Front das Thronfolgerpaar William und Kate, nicht zu vergessen Prinzessin Anne und selbst die jahrelang abgelehnte Camilla. Charles Frau hat sich als Säule der Monarchie erwiesen und sich den Respekt verdient als Galionsfigur im Kampf gegen häusliche Gewalt und sexuellen Missbrauch.

Überhaupt gerät in diesen Zeiten der Einsatz aus dem Blick, den gerade auch Royals leisten, um dem Missbrauch ein Ende zu setzen. Königin Silvia von Schweden, Königin Mathilde von Belgien, Königin Letizia von Spanien und eben Königin Camilla leisten Großes, wenn es um den Schutz von Minderjährigen geht. Es muss sich zweifellos einiges ändern im britischen Königshaus. Das hat der Fall Andrew gezeigt. Dem Untergang ist das Königshaus aber nicht geweiht. Vielmehr steht ein Neustart für die Monarchie bevor.


Die Autorin

Julia Melchior ist Dokumentarfilmerin und seit vielen Jahren Expertin für die europäischen Königshäuser. Für das ZDF führt Melchior bei der Übertragung royaler Großereignisse durch die Livesendungen.

Zum 100. Geburtstag von Königin Elizabeth II. am 21. April zeigen ZDF und Arte Julia Melchiors neue Royal-Doku „Die Queen und ich“.
Arte: Donnerstag, 9. April, 20.15 Uhr. ZDF: Dienstag, 14. April, 20.15 Uhr (ab 10. April als ZDF-Stream).