Köln – Es klingt wie eine Lesung aus den Biblischen Plagen der Apokalypse, als NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser den Landeswaldbericht 2019 vorstellt und die Ereignisse des Vorjahres zusammenfasst: „Sturmschäden im Frühjahr, Dürreschäden im Sommer und starker Schädlingsbefall in den Nadelwäldern ...“
Ja, das Waldjahr 2018 war in Teilen eine ziemliche Katastrophe und die Ministerin betont, „wie dringlich der Umbau unserer Wälder zu widerstandsfähigen, klimaplastischen Wäldern ist.“ Was sie nicht sagt: Weg mit den Fichten! Die Fichte ist der mit Abstand häufigste Baum in Deutschland und in Nordrhein-Westfalen. Und deutlich wird: Die Fichte ist auch das größte Problem.
Wald war 1750 in NRW fast verschwunden
„Wenn man über den Wald spricht“, sagt Michael Blaschke, „muss man zunächst wissen, dass Deutschland und das, was heute NRW ist, um 1750 herum so gut wie entwaldet war.“ Die Jagd nach Rohstoffen, Bergbau und der Bau der Stollen hatten den Boden ausgelaugt. Blaschke ist Sprecher des Landesbetriebs „Wald und Holz NRW“ und erzählt: „Die Bäume wurden zum Heizen, Kochen und Bauen abgeholzt. Der Bedarf durch Schiffsbau und Glashütten war enorm, das Bevölkerungswachstum tat ein Übriges.“
Der Wald – viel besungener Sehnsuchtsort der Deutschen – war weg. „Wenn heute jemand die gute, alte Zeit beschwört – dem Wald jedenfalls ging es damals richtig, richtig schlecht“, sagt Blaschke.

Der Borkenkäfer
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Als die Preußen ab 1815 in der Folge des Wiener Kongresses in den Westen kamen, taten sie das, was sie so gut konnten: Sie organisierten – zum Beispiel die sofortige Wiederaufforstung. Und weil es zügig gehen sollte, wurde die Ansiedlung der schnell wachsenden und robusten Fichte aus dem Osten des Landes anbefohlen – zum Unmut des Landvolks, das seine Ländereien für den ungeliebten „Preußenbaum“ hergeben musste. Die Wälder wurden angelegt wie auf Schachbrettern, Fichte wuchs an Fichte an Fichte an Fichte.
1713 – die Nachhaltigkeit
Parallel zur Waldkrise und zur generalstabsmäßigen Aufforstung kam aus dem Erzgebirge die Theorie dessen, was heute Nachhaltigkeit heißt. Hans von Carlowitz veröffentlichte im Jahr 1713 die „Sylvicultura oeconomica, oder haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur wilden Baum-Zucht“ – ein ökologisches Grundgesetz für die Forstwirtschaft mit der Fundamental-Erkenntnis: Wenn du dem Wald Holz entnimmst, musst du neue Bäume pflanzen. „Der Begriff der Nachhaltigkeit ist eng mit der Forstwirtschaft verwurzelt“, sagt deshalb Ministerin Ursula Heinen-Esser, „wir müssen sicherstellen, dass unsere Wälder und unsere Forst- und Holzwirtschaft zukunftsfähig und enkeltauglich sind.“

Die Fraßgänge von Borkenkäfern hinter der Rinde sind hier ebenso sichtbar wie die weißen Larven.
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Die Fichte ist ein stattliches Gewächs: Sie wird bis 50 Meter hoch; der Stamm misst bis zu 1,50 Meter im Durchmesser. Sie kann 500 Jahre und älter werden, wird aber in der Regel nach 80 bis 100 Jahren verwertet – nach forstwirtschaftlichen Maßstäben also quasi sofort. Das Holz ist vielseitig verwendbar – die berühmten Stradivari-Geigen sind ebenso aus Fichte gefertigt wie Werkzeuge aller Art oder Papier und Bauholz.
Der Preußenbaum ist zum Brotbaum der Deutschen geworden. Heute liefert die Fichte 90 Prozent aller verarbeiteten Hölzer. Und immer noch sind Architekten und Bauindustrie auf die technischen und statischen Eigenschaften von Fichtenholz eingestellt und angewiesen, weiß Blaschke.
Wald verschwand ein zweites Mal im Krieg
Und dann verschwand der Wald ein zweites Mal: Im Zweiten Weltkrieg wurden erneut weite Bereiche verbraucht und zerstört. „Nach dem Krieg wurden für Reparationszahlungen gewaltige Mengen nach England transportiert und es wurde Holz gebraucht für den Wiederaufbau“, so Blaschke. Und wieder musste fast bei null angefangen werden, und wieder war Fichte das erste Pflanzgut.
„Das kannte man, es war noch ausreichend vorhanden, ein bewährtes Holz“, sagt Blaschke. Es sollte und musste schnell neuer Wald her – die Gedanken, Ideen und Mahnungen eines von Carlowitz fanden kein Gehör. Wenn Not ist, wird Vernunft zum Luxus.
Der Wald in NRW
Zahlen, Daten und Fakten des Waldes aus den Jahren 2012 bis 2018 bündelt der jüngste Landeswaldbericht des NRW-Umweltministeriums.
27 Prozent der Landesfläche sind Wald, davon befinden sich knapp zwei Drittel in Privatbesitz.
75 Jahre beträgt das Durchschnittsalter der Wälder in NRW.
58 Prozent des Bestandes sind Laubbäume.
42 Prozent sind Nadelbäume.
51 Baumarten wurden in 2014 in NRW erfasst; 30 Prozent aller Bäume sind Fichten. Im einzelnen:
Fichte: 30 Prozent
Buche: 19 Prozent
Eiche: 17 Prozent
Kiefer: 8 Prozent
Lärche: 3 Prozent
Douglasie: 1 Prozent
Wetterextreme wie Stürme, Trockenheit und Schädlingsbefall haben dem Wald im Jahr 2018 stark zugesetzt. Zur Bewältigung der Folgen im Wald stehen 2019 rund 1,5 Millionen Euro an zusätzlichen Fördermitteln von Bund und Land für NRW zur Verfügung. Für die folgenden vier Jahre stehen jährlich weitere 550000 Euro bereit.
Die Überwachung der Käfer im Winter, das Entrinden von befallenem Holz sowie die Anlage von geeigneten Trocken- und Nasslagerplätzen können damit gefördert werden.
Das Problem: Die Fichte gehört klimatisch eigentlich nicht in den milden Westen. Sibirien, Skandinavien und die hohen Mittelgebirge bis 2000 Meter Höhe – das ist die kühle Klimazone, aus der Fichten stammen. Im heutigen NRW stand der Baum stets am Rande seines ursprünglichen Lebensraums, aber es ging so eben noch. „Das verschiebt sich gerade“, sagt Blaschke, der mit dem Begriff „Klimawandel“ kein Problem hat: „Die Temperaturen steigen, die Fichten verlieren somit ihren Lebensraum.“ Ihre Umgebung wird zunehmend fichtenfeindlich.
Gesunde Fichte schafft bis zu 200 Borkenkäfer
Unter passenden Umständen wehrt sich die Fichte gegen die Borkenkäfer, indem sie Harz ausscheidet und den Käfer aus der angegriffenen Rinde ausblutet – mit bis zu 200 Borkenkäfern wird eine gesunde Fichte gut fertig. „In einem heißen Sommer wie 2018 trocknen die Bäume aber aus“, erklärt Blaschke, „sie können kein Harz bilden und sind den Attacken der Käfer schutzlos ausgeliefert.“
Es ist ein Kreislauf: Die trockene Hitze begünstigt das Entstehen von Stürmen, die trockenen Bäume brechen schneller, im Bruchholz sammeln sich Borkenkäfer, die dann die wehrlosen Bäume attackieren. „Es gibt Forstwirte im Münsterland“, so Blaschke, „die nach den Schäden von 2018 erklärt haben: Das war es mit der Fichte, dieser Baum hat keine Zukunft mehr.“ Und der bislang milde Winter lässt für 2019 Arges befürchten – für die Käfer waren die milden Temperaturen optimal.

Ein Fichtenwald
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Der deutsche Wald hat ein Fichten-Problem. Die hohe wirtschaftliche Attraktivität hat die Entstehung und den Bestand von Monokulturen begünstigt – was die ökologische und ökonomische Anfälligkeit der Wälder drastisch erhöht. „Wir raten Forstwirten dringend von Fichten-Monokulturen ab und empfehlen stattdessen Laub- und Nadelmischwald. Blaschke führt aus, in den staatlichen Wäldern sei die Kehrtwende schon eingeleitet – „da haben wir mehr Laub- als Nadelwälder.“
Aber in Privatwäldern könne jeder Waldbesitzer pflanzen, was er für richtig und profitabel hält. Wegen des Überangebots an sturm- und käfergeschädigtem Fichtenholz rechnen die Waldbauern in NRW dieses Jahr mit erheblichen Einnahmeverlusten. „Die Kosten werden die Einnahmen aufzehren“, warnt Eberhard von Wrede aus dem Vorstand des Waldbauernverbandes.
