Brigadegeneral Hans-Dieter Müller, Kommandeur des Landeskommandos NRW, erklärt, was die Militärstrategie der Bundeswehr für NRW bedeutet.
„Cyberangriffe finden täglich statt“Brigadegeneral über die Militärstrategie in NRW

Brigadegeneral Hans-Dieter Müller, Kommandeur Landeskommando NRW, rät den Bürgern, Vorräte für den Notfall anzulegen.
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Herr General, bis in die 1990er Jahre gab es in fast jeder größeren Stadt in NRW eine Kaserne. Wird das künftig wieder so sein?
Fest steht: Derzeit werden aufgrund der sicherheitspolitischen Lage und des damit verbundenen beschlossenen personellen Aufwuchses der Bundeswehr Liegenschaftskapazitäten für den größer werdenden Personalkörper der Bundeswehr benötigt. Die neuen Soldatinnen und Soldaten und ihre Ausbildungskräfte benötigen Unterkünfte und Platz für ihre Ausbildung. Dies ist wichtig, denn alle, die sich für die Bundeswehr entscheiden, müssen bestmöglich untergebracht werden, um einen sinnstiftenden Dienst machen zu können. In NRW leisten bereits rund 28.000 Soldatinnen und Soldaten sowie 12.000 zivile Angestellte und Beamte ihren Dienst für die Bundeswehr. Damit sind in NRW rund 40.000 Angehörige an 25 Standorten in knapp 300 Dienststellen der Bundeswehr beschäftigt.
Werden auch ehemalige Kasernen wieder in Betrieb genommen?
Das wird derzeit geprüft. Das Bundesverteidigungsministerium hat zunächst beschlossen, mit einem sogenannten Moratorium die Übergabe von 200 militärischen Liegenschaften an die zivile Seite auszusetzen. 40 dieser Liegenschaften und Kasernen befinden sich in NRW, wie etwa die Bergische Kaserne in Düsseldorf, das Munitionsdepot in Siegen oder die Dempsey-Kaserne in Paderborn.
Früher waren Bundeswehrstandorte auch ein bedeutsamer Wirtschaftsmotor für die Kreise und Kommunen in NRW. Könnte sich dieser Effekt erneut einstellen?
Überall, wo die Bundeswehr stationiert ist, war und ist sie ein wichtiger und gern gesehener Wirtschaftsfaktor. Viele dieser Städte und Gemeinden haben seit langer Zeit auch Patenschaften zu einzelnen Kompanien. Mit über 8000 Angehörigen war und ist die Bundeswehr zum Beispiel für den Standortbereich Köln ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die Soldatinnen und Soldaten leben mit ihren Familien meist in der Nähe, sie zahlen Steuern, gehen dort einkaufen, nehmen Ehrenämter beispielsweise in Sportvereinen wahr und sind ein wichtiger Teil der Kommune.
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Im ostwestfälischen Augustdorf ist ein nennenswerter Heeres-Kampfverband mit bis zu 5500 Soldaten stationiert – eines dieser Bataillone soll nun aber die Nato-Ostflanke sichern. Was bedeutet das für unsere Landesverteidigung?
Die Bundeswehr leistet mit der dauerhaften Stationierung der Panzerbrigade 45 in Litauen einen bedeutenden Beitrag zur Sicherheit der Nato und ihrer Verbündeten. Die Brigade wurde im April 2025 in Dienst gestellt und umfasst bis zu 5000 Soldatinnen und Soldaten, um die Nato-Ostflanke angesichts der Bedrohung durch Russland zu stärken. Augustdorf wird aber nach dem Abzug des zur Panzerbrigade 45 gehörenden Panzerbataillons 203 ein großer Standort der Bundeswehr bleiben. Dort ist zum Beispiel im letzten Jahr das Panzerartilleriebataillon 215 neu aufgestellt worden.
Truppenbewegungen können heute durch Satelliten exakt ausgespäht werden, weshalb militärische Kolonnen schnell ins Visier geraten. Was bedeutet das?
Große Aufmarschbewegungen, Kolonnen und auch Eisenbahnverladungen von Truppenteilen sind grundsätzlich schnell öffentlich sichtbar. Hinzu kommt die Beobachtung und Spionage ausländischer Mächte. Dem müssen sich die Streitkräfte in der Planung von Marschbewegungen inklusive vorausschauender Alternativplanungen stellen.
Die Waffentechnik hat sich extrem verändert. Wie stellt sich die Bundeswehr im Hinblick auf die Gefahr durch Drohnen ein?
Für die Bundeswehr sind Drohnenabwehrfähigkeiten von großer Bedeutung. Fremde Nachrichtendienste nutzen grundsätzlich alle verfügbaren technischen Mittel, um Informationen zu erlangen. Die im BMVg eingerichtete „Task Force Drohne“ hat eine ganze Reihe von konkreten Maßnahmen angestoßen, die sowohl finanziell als auch planerisch berücksichtigt sind. So erhöht die Bundeswehr die Stückzahlen von bereits in die Truppe eingeführten Drohnen und beschafft zusätzliche Systeme zur Drohnenabwehr. Um die Verbände mit neuester Drohnentechnik auszustatten, führt zum Beispiel das Innovationszentrum der Bundeswehr Produktsichtungen für marktverfügbare Produkte der Drohnenabwehr durch. Eine vollumfängliche Beschaffung macht aber unter Berücksichtigung der schnellen Innovationszyklen keinen Sinn.
Wie wäre NRW betroffen, wenn Putin die Ostflanke der Nato angreift?
Aufgrund seiner zentralen geographischen Lage mitten in Europa besitzt Deutschland bei Truppenbewegungen durch Europa eine herausragende Rolle. Ein großer Teil der alliierten Kräfte verlegt in einer Krise auf Nato-Befehl zum Beispiel von den Küsten der Nord- und Ostsee an die Nato-Ostflanke. Und das wird im Wesentlichen durch Deutschland stattfinden. Wenn große Konvois alliierter Streitkräfte beispielsweise nach Polen verlegen, führt ihr Weg nicht nur durch Deutschland, sondern auch durch Nordrhein-Westfalen, das aufgrund seiner Lage innerhalb der sogenannten „Drehscheibe Deutschland“ von der Verkehrsinfrastruktur her zentral gelegen ist.
Was bedeutet das?
Sämtliche Truppenbewegungen müssen organisiert und geführt werden. Dazu gehören zum Beispiel auch sogenannte Convoy Support Center (CSC), auf denen Fahrzeuge betankt sowie Soldatinnen und Soldaten verpflegt oder zum Beispiel auch sanitätsdienstlich betreut werden können. Dieses Vorgehen ist Teil des Operationsplans Deutschland. Dieses Dokument ist zum größten Teil als geheim eingestuft. Das Landeskommando steht mit der Landesregierung zur Ausgestaltung der Aufgaben in engem Kontakt. So wurde mit dem Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr ein Verwaltungsübereinkommen unterzeichnet, das die Anmeldung von Militärkolonnen vereinfacht und die Vorbereitung und Durchführung von Militärtransporten sehr beschleunigt.
Viele Menschen haben bei Beginn des Ukraine-Kriegs Lebensmittel für den Notfall in den Kellern eingelagert. Haben Sie sich persönlich auch für einen möglichen Ernstfall präpariert?
Mein Anliegen in und für Nordrhein-Westfalen ist es, zu sensibilisieren – ohne Angst zu schüren. Drohnen-Ausspähung, Sabotage, Cyberangriffe und Störungen kritischer Infrastruktur finden täglich statt – auch in Nordrhein-Westfalen. Krisenresilienz fängt bei jeder Bürgerin und jedem Bürger selbst an. Ich persönlich möchte appellieren, den Vorsorgeempfehlungen des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe zu folgen. Darin wird vorgeschlagen, dass die Haushalte sich für zehn Tage bevorraten sollen.