Meine RegionMeine Artikel
AboAbonnieren

Weitere Opfer?Neue Vorwürfe gegen mutmaßlichen Todespfleger von Würselen

4 min
ARCHIV - 24.03.2025, Nordrhein-Westfalen, Aachen: Der angeklagte Krankenpfleger hält sich einen Aktenordner vor sein Gesicht, während er von Justizangestellten zu seinem Platz gebracht wird.  Im Mordprozess gegen einen Krankenpfleger vor dem Landgericht Aachen haben ehemalige Kolleginnen von abfälligen Bemerkungen des Angeklagten über Patienten berichtet.  (zu dpa: «Pfleger wegen Mordes in neun Fällen vor Gericht») Foto: Oliver Berg/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Der angeklagte Krankenpfleger vor dem hält sich im Landgericht Aachen einen Aktenordner vor sein Gesicht.

Im Prozess gegen den mutmaßlichen Todespfleger Ulrich S. kommen immer neue Vorwürfe ans Licht. Neben neun Morden und 34 Mordversuchen prüfen die Ermittler inzwischen weitere Verdachtsfälle.

Neun Morde und 34 Mordversuche werden einem ehemaligen Pfleger des Rhein-Maas-Klinikums vorgeworfen. Dafür muss er sich derzeit vor dem Landgericht Aachen verantworten. Die Angelegenheit aber wird immer monströser. Die Ermittler gehen mittlerweile davon aus, dass Ulrich S. noch mehr Menschen auf dem Gewissen hat. Zudem wird jetzt auch gegen mehrere Kolleginnen und Kollegen des Mannes ermittelt, ob sie sich strafbar gemacht haben. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt: Hätte der mutmaßliche Todespfleger von Würselen früher gestoppt werden müssen?

Dies bestätigte die Aachener Oberstaatsanwältin Katja Schlenkermann-Pitts auf Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“. „Gegen den Pfleger wird es eine weitere Anklage wegen Mordes oder Mordversuchen geben“, so die Sprecherin der Behörde. Die Erklärung für den „Nachschub“: Alle im laufenden Gerichtsverfahren angeklagten Fälle sollen sich zwischen Dezember 2023 und Mai 2024 ereignet haben. Die Sonderkommission „Fluss“ der Aachener Kripo indes hat ihre Ermittlungen fortgesetzt, da S. schon seit Herbst 2020 in Würselen arbeitet.

Man gehe zwar von weiteren Straftaten des heute 44-Jährigen in dieser Zeit aus, die dann zwingend zu einem weiteren Gerichtsprozess führen würden, sagte Schlenkermann-Pitts. Wie viele Opfer genau es gebe, könne aber noch nicht gesagt werden.

Ermittlungen gegen Beschäftigte des Krankenhauses

Zudem seien auch Ermittlungen gegen mehrere Beschäftigte des Krankenhauses eingeleitet worden, bestätigte die Oberstaatsanwältin. Um wie viele Beschuldigte es sich dabei handelt, wollte sie nicht sagen. Nach Informationen der „Aachener Zeitung“ jedenfalls sind nach einer klinikinternen Untersuchung der Vorgänge sechs Mitarbeitende abgemahnt worden.

Auch im Laufe des seit März dieses Jahres laufenden Verfahrens vor der Aachener Schwurgerichtskammer ist das Verhalten der Kollegen des Angeklagten schon häufiger in den Mittelpunkt getreten. Hatten einige der Pflegerinnen und Pfleger bei der Vernehmung durch die Polizei deutliche Verdachtsmomente geäußert, konnten sie sich als Zeugen vor Gericht plötzlich an vieles nicht mehr erinnern.

Zeuginnen erinnern sich nicht mehr

So hatte eine Pflegerin bei der Polizei zu Protokoll gegeben, dass Ulrich S. unter anderem folgendes gesagt haben soll: „Denen spritze ich sowieso etwas mehr, dann habe ich meine Ruhe.“ Oder auch: „Das sind alles Zombies, die sind doch sowieso zum Sterben hier.“ Auf Nachfragen des Richters jedoch erinnerte sie sich, ähnlich wie auch andere Kolleginnen, an nahezu nichts mehr. Selbst als der Vorsitzende ihr immer wieder vorhielt, was sie seinerzeit bei der Polizei ausgesagt hat, kam nichts mehr von der Zeugin.

Die Chefärztin der Station, auf der S. gearbeitet hat, beteuerte vor Gericht, nichts von alldem gewusst zu haben. Und sie sei überzeugt, dass auch ihre Fachärzte nichts gewusst haben. Ansonsten hätten diese ihr das doch mitgeteilt, „wenn sie von einem solchen Verdacht gehört hätten“. Erst im Nachgang habe sie Details erfahren, wie etwa, dass Patienten nach den Schichten von Ulrich S. oft kaum erweckbar gewesen seien.

Der Angeklagte soll seinen Opfern so große Mengen des Narkosemittels Midazolam und teils auch des Schmerzmittels Morphin gespritzt haben, dass die daran starben. Obwohl Midazolam vor der Beschäftigung von S. nur selten auf der Station eingesetzt wurde, fiel niemandem auf, dass von einer kleinen Station mit neun Patienten plötzlich riesige Mengen des Medikamentes bestellt wurden. Selbst der Klinik-Apotheker, der die Mittel zur Verfügung stellen musste, sagte vor Gericht, er habe nichts von gehäuften Bestellungen mitbekommen.

Verdächtige Bestellungen

Matthias Thöns, der palliativmedizinische Gutachter in diesem Prozess, hat die Bestellungen aufgelistet: Im Jahr 2022 wurden von den großen Midazolam-Ampullen 50 bestellt, 2023 waren es 180, 2024 bis Pfingsten alleine 230. Es sei „wirklichkeitsfern“, dass die Häufung niemandem aufgefallen ist, sagte Thöns. Zumal man dazu auch noch wissen müsse, dass diese großen Ampullen auf der Palliativstation so gut wie gar nicht gebraucht würden. Dort würden eher kleine Einheiten eingesetzt.

Auch in Köln laufen Ermittlungen, weil Ulrich S. vor seiner Zeit in Würselen bei den städtischen Kliniken in Köln-Merheim gearbeitet hat. Dort jedoch unterschrieb er einen Auflösungsvertrag, nachdem eine damalige Pflegeschülerin verdächtige Beobachtungen gemeldet hatte. Anstatt vor ihm zu warnen, stellte die Klinik dem ehemaligen Mitarbeiter auch noch ein gutes Zeugnis aus. Auf Anfrage teilte die Staatsanwaltschaft Köln mit, dass die Ermittlungen noch laufen. Es gebe noch keine Entscheidung, ob es zu einer Anklage gegen den Ex-Pfleger komme. Gegen weitere Mitarbeitende der Klinik werde nicht ermittelt.