Die Kirche tut sich schwer damit, junge Menschen an sich zu binden. Jetzt sollen im Rheinland vier Evangelische Wohnheime für Studierende geschlossen werden. Ein schwerer Fehler, kritisiert Tim Achtermeyer; grünen-Chef in NRW und Mitglied der Synode Bonn.
Werden die letzten jungen Anhänger vergrault?Evangelische Kirche will Studentenwohnheime dicht machen

Thorsten Latzel, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland.
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Die Pläne der evangelischen Kirche im Rheinland, Studentenwohnheime in Düsseldorf, Köln, Aachen und Bonn zu schließen, sind bei Tim Achtermeyer, Chef der Grünen in NRW, auf massive Kritik gestoßen. Der Politiker, der auch Mitglied der evangelischen Synode in Bonn ist, sagte dem „Kölner Stadt-Anzeiger“: „Wir sägen damit den Ast ab, auf dem wir selbst sitzen.“
Die Landessynode der evangelischen Kirche will auf ihrer Zusammenkunft in Bonn vom 16. bis zum 20. Januar umfangreiche Sparmaßnahmen beschließen. Dabei stehen auch die Schließungen der Wohnheime auf der Agenda. Die Umsetzung der Pläne sei ein fataler Fehler, sagt Achtermeyer. Schließlich falle der Kirche „bekanntlich immer schwerer“, junge Menschen anzusprechen. „Die Evangelischen Studierendengemeinden sind einer der letzten Kontaktflächen zu jungen Erwachsenen“, erklärte der Grüne. „Für mich sind diese echte Schätze.“
Die Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) hatte bereits im Februar 2025 beschlossen, im landeskirchlichen Haushalt bis 2030 rund 33 Millionen Euro einzusparen. Ziel sei es, „vorausschauend zu handeln, bevor finanzielle Engpässe entstehen“, sagte eine Sprecherin auf Anfrage. Die Kirche müsse ihren Auftrag „auch künftig verlässlich erfüllen“ können.
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Tim Achtermeyer (Bündnis90/Die Grüne) spricht bei einer Plenarsitzung im Landtag.
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Derzeit gibt es in der rheinischen Kirche sechs Wohnheime für Studierende mit insgesamt 381 Plätzen - davon mehr als 100 in Köln. Der Kirchenleitung sei bewusst, dass jede Einsparung, die sie im Rahmen der erforderlichen Haushaltskonsolidierung vorschlägt, einen gravierenden Einschnitt in Bereiche bedeute, in denen „Kirche heute eine wichtige gesellschaftliche Rolle“ wahrnehme, hieß es. Kirchliche Arbeit solle „zukunftsorientiert“ ausgerichtet werden, um auch als „kleinere Kirche weiter für andere da“ sein zu können.
Die Aufgabe der Wohnheime weise nicht nur kirchenpolitisch, sondern auch sozialpolitisch in die falsche Richtung, erklärte Achtermeyer. „Die Wohnheime der Studierendengemeinden befinden sich ausnahmslos in Städten, in denen Wohnraum kaum noch bezahlbar ist“, schreibt der Grünen-Chef in einem Brief an Oberkirchenrätin Henrike Tetz, der unserer Zeitung vorliegt. Der Kampf für bezahlbares Wohnen sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, für man alle Akteure brauche, damit „nicht allein ökonomische Interessen“ den Wohnungsmarkt beherrschten. Kirche dürfe nicht den Fehler des Staats wiederholen, sich aus Kostengründen aus der Daseinsvorsorge zurückzuziehen.
Über die Frage des Wohnraums hinaus gehe es auch um mehr als Quadratmeter und Mieten. Die Kombination aus Wohnen und spirituellem Anker entfalte eine besondere Kraft für Gemeinschaft. „Hier gehen Leben, Studieren und Spiritualität ineinander über, und Kirche wird alltagsnah, hilfreich und positiv erfahrbar“, so Achtermeyer.
Diese Kraft von Kirche werde „heute dringender denn je gebraucht“. Wer neu in eine Stadt ziehe und Vorlesungen überwiegend online verfolge, könne auch in einer belebten Stadt einsam sein. Die evangelischen Wohnheime seien ein „so wertvoller Ankerpunkt“ im studentischen Leben, dass es geboten ist, „einen anderen Weg erneut zu prüfen“, betont Achtermeyer. Die Kirchen litten unter sinkenden Mitgliederzahlen und einem schlechten Image: „In diesen Zeiten braucht es eine starke, alltagsnahe und sichtbare Kirche.“
Die Evangelische Kirche im Rheinland zählte Ende 2024 noch rund 2,12 Millionen Mitglieder - in dem Jahr gab es 42 200 Kirchenaustritte. Im Jahr 2010 gehörten der EKiR noch mehr als 2,8 Millionen Menschen an.
Laut dem letzten Zensus im Jahr 2022 waren in NRW 33,8 Prozent der Menschen katholisch und 21,5 Prozent evangelisch. Der Anteil der Menschen, die keiner oder einer anderen Religionsgemeinschaft angehören, stieg auf 44,6 Prozent an.
