- Die Kenianerin Phyllis Omido hat ihr Dorf vor dem Giftmüll einer Fabrik gerettet.
- Mittlerweile ist sie eine der bekanntesten Umweltaktivistinnen der Welt.
- Das Problem, das Afrika zu schaffen macht, wird aus Europa importiert.
Berlin – Ihr kleiner Sohn merkt es sofort. „Mama, hier stinkt’s“, sagt King, als er zum ersten Mal auf dem Hof der Metallfabrik spielt, wo Phyllis Omido seit kurzer Zeit im Büro arbeitet. Regelmäßig rollen Lastwagen durch das Tor des Werks. Auf ihrer Ladefläche stapeln sich alte Autobatterien, deren Blei in der Fabrik recycelt wird. Phyllis Omido wundert sich nur kurz über den fauligen Geruch. Der neue Job bringt ihr nicht nur mehr Geld, sie darf sogar ihren dreijährigen Sohn ab und zu mit zur Arbeit bringen.
Der Sohn wird schwer krank
Für die alleinerziehende Mutter ein großes Glück. Doch es kommt alles anders. King wird schwer krank, hat Husten, Hautausschlag, Fieberschübe. Eine Blutprobe bringt die Ursache ans Licht: Die Bleiwerte in seinem Körper sind 37-mal höher als der Normwert. Er hat eine schwere Bleivergiftung. „Es gibt dafür keine Heilung“, sagt der Arzt im Krankenhaus. Ein Tag, der Phyllis Omidos Leben für immer verändert hat. Heute ist die Kenianerin eine bekannte Umweltaktivistin. Durch ihr Engagement hat sie ein ganzes Dorf vor der Recyclinganlage gerettet, die auch ihren Sohn vergiftet hat. „Ich war damals sehr wütend“, sagt sie. „Es kann nicht sein, dass jemand mit etwas Geld verdient, das Kinder krank macht.“

Auch Kinder suchen in afrikanischen Müllkippen nach verwertbaren Gegenständen. Und riskieren dabei ihre Gesundheit.
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Phyllis Omido, 41, sitzt in der Lobby eines Berliner Hotels. Ihren Sohn King, inzwischen 13, hat sie mitgebracht – auf den ersten Blick ein ganz normaler Teenager, der sich in Jeans und Sneaker in einem Sessel fläzt und auf seinem Handy spielt. Doch die Bleivergiftung hat seine kognitive Entwicklung gestört. Er brauche beim Lernen Förderung, erzählt Omido. Sie ist nach Deutschland gekommen, um ihr neues Buch „Mit der Wut einer Mutter“ vorzustellen. Eine Geschichte, die in Zeiten von Umweltzerstörung und Klimawandel Mut macht. Denn wie Greta Thunberg zeigt auch sie, dass ein einzelner Mensch sehr wohl etwas bewirken kann – auch unter widrigsten Umständen.Kurz nachdem ihr Sohn krank geworden ist, kündigt Phyllis Omido ihren Job, fährt aber noch einmal zurück nach Owino Uhuru, an den Ort in der Nähe von Mombasa, in dem die Metallfabrik steht. Rund um das Werk drängen sich kleine schiefe Häuser mit Wellblechdächern.
Viele Bewohner im Dorf sind betroffen
Die 3000 Bewohner sind sehr arm. Omido läuft von Hütte zu Hütte, um vor den Gesundheitsgefahren des Werks zu warnen. Sie erfährt, dass viele der Bewohner an ähnlichen Symptomen leiden wie ihr Sohn. Das Trinkwasser schmecke seltsam, berichten sie. Nachts müssten sie ständig husten; dann nämlich legt sich tiefschwarzer Rauch aus den Schloten der Recyclinganlage über das Dorf. Er kommt aus dem großen Ofen der Fabrik, wo die Arbeiter das Blei aus den Autobatterien schmelzen, es in flüssiger Form auffangen und abkühlen lassen. Später wird es in großen Containern verschifft und wieder verkauft. An einer undichten Stelle in der Werksmauer läuft dreckige Brühe mit ätzender Säure aus den Batterien in das Armenviertel, vermischt sich mit dem Regen zu übel riechenden Pfützen.

Der Sammelertrag eines Tages auf einer afrikanischen Müllkippe.
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„Ich dachte anfangs wirklich, die Regierung würde etwas tun, um diese Menschen zu beschützen, wenn ich sie nur informiere“, sagt Omido, die in einem Dorf in Kenia aufgewachsen ist und in Nairobi Betriebswirtschaft studiert hat. Dass daraus ein Kampf werden würde, ahnt sie damals nicht. Bis heute sind nach ihren Angaben in Owino Uhuru 38 Erwachsene und 300 Kinder an einer Bleivergiftung gestorben. Die Frauen haben ständig Fehlgeburten. In fast jeder Familie sei jemand krank, sagt sie.
Owino Uhuru ist kein Einzelfall
Und die Geschichte von Owino Uhuru ist kein Einzelfall. Sie steht für Millionen Menschen, die unter den Folgen von Umweltzerstörung leiden, weil machtvolle Unternehmen Wasser, Boden und Luft verseuchen, indem sie ihren Giftmüll in die Landschaft entsorgen. Besonders verheerend ist die Bleivergiftung, an der nach Angaben der WHO jedes Jahr weltweit mehr als 400 000 Menschen sterben. Hauptursache sei das unsachgemäße Recycling von Blei-Säure-Batterien. Laut Öko-Institut werden 1,2 Millionen Tonnen davon jedes Jahr allein in Afrika ausgeschlachtet. Ein großer Teil davon wird aus Europa importiert, obwohl es verboten ist, Elektroschrott auszuführen. Es trotzdem zu machen lohnt sich, weil die Umweltauflagen in Afrika weniger streng sind. „Man lässt dort die Drecksarbeit erledigen und führt das saubere Blei wieder ein“, sagt Omido. So werden in Afrika jedes Jahr um die 800 000 Tonnen Blei recycelt. Auf Umwegen über Zwischenhändler, die häufig chinesische oder indische Firmen sind, landet der begehrte Rohstoff auch wieder in Europa. Auch das Blei in Batterien deutscher Autos vergiftet also Menschen.

Mensch und Tier auf einer Müllkippe in Kenia.
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Die indischen Bosse der Bleischmelze in Owino Uhuru scheren sich nicht um die menschlichen Opfer ihres Unternehmens. Omido organisiert Protestaktionen. Mehrmals blockiert sie mit den Bewohnern des Dorfes den Verkehr auf einer großen Autobahn, um die Medien auf sich aufmerksam zu machen. Mehrere Tage besetzen sie die Umweltbehörde. Sie lässt Bluttests machen, die sie als Beweise dafür vorlegt, dass vor allem die Kinder viel zu viel Blei in ihrem Körper haben. Doch kein Verantwortlicher reagiert. „Ein reicher Politiker hat an den Geschäften der Bleischmelze mitverdient“, erzählt Omido. Die korrupten Regierungsbehörden in Mombasa hätten ihn geschützt. Und auch die Polizei.
Massive Drohungen im Dorf
Motorradfahrer kommen nach Owino Uhuru, drohen damit, die Häuser in Brand zu setzten oder den Ort mit Bulldozern plattzuwalzen. Omido erhält anonyme Anrufe. „Du solltest dich nicht mit den Großen anlegen“, sagen die Männerstimmen. An vielen Orten der Welt erleben Aktivisten solche psychische und körperliche Gewalt oder kommen unschuldig ins Gefängnis. Die internationale Menschenrechtsorganisation Global Witness hat recherchiert, dass 164 Aktivisten, die sich für die Menschenrechte einsetzten, 2018 weltweit ermordet wurden – im Durchschnitt drei Menschen pro Woche.
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Auch Omido wird bei einer Demo verhaftet und landet im Gefängnis. Man wirft ihr vor, öffentlich zu Gewalt aufzurufen. Ein Anwalt von „Rechtsanwälte ohne Grenzen“ erreicht, dass die Klage fallengelassen wird. Als sie eines Abends nach Hause kommt, lauert ihr ein Mann auf. Er schlägt sie zusammen. Ihr Sohn muss alles mit ansehen. Trotzdem gibt sie nicht auf, kauft sich stattdessen mehrere scharf abgerichtete Hunde, die sie bewachen.All diese Erlebnisse scheinen die Kenianerin nicht verbittert zu haben. Ab und an lacht sie unbeschwert, dann ist sie wieder ernst und bestimmt: „Jeder kann etwas bewegen, wenn er nur will. Habt keine Angst, fangt einfach an.“
Als sich die kenianische Regierung damals weiterhin weigert, die Fabrik zu schließen, wendet sich Omido an die East African Community, ein Verbund mehrerer Staaten, der einen eigenen Gerichtshof hat. Dieser erlässt ein neues Gesetz, das den Export von Blei aus Ostafrika verbietet. Ein großer Erfolg für Omido, ein schwerer Schlag für die Bleischmelzen. „Aber ein neues Gesetz heißt noch lange nicht, dass man sich in Kenia daran hält“, sagt Omido.
Phyllis übernimmt die Initiative
Kontrollen gibt es nur vereinzelt. Sie notiert sich deshalb die Nummernschilder der Lastwagen, die mit dem verpackten Blei von Owino Uhuru in Richtung Hafen fahren und gibt sie an die Hafenpolizei weiter. Dadurch wird das Exportgeschäft den Bossen der Anlage auf Dauer zu mühsam. 2014 wird die Bleischmelze in Owino Uhuru geschlossen. Doch noch immer ist die Umwelt verseucht. Die Menschen trinken das giftige Wasser, werden weiterhin krank. „Die Werksleitung und alle, die weggeschaut haben – die Beamten, die Politiker – sie gehören bestraft dafür, dass sie das Leben der Menschen wissentlich zerstört haben“, sagt Omido.
2015 kann sie einen entscheidenden Schritt in diese Richtung machen. Sie gewinnt den Goldman Environmental Prize, so etwas wie der Nobelpreis für Umweltaktivisten. Sie wird international bekannt. Von den 150 000 Dollar Preisgeld finanziert sie einen Gerichtsprozess. Im Namen der 3000 Bewohner von Owino Uhuru reicht sie eine Sammelklage gegen die Bleischmelze und die Regierung Kenias ein. Sie fordert, dass sie das verseuchte Land und Wasser reinigen lassen. Außerdem sollen die Bewohner finanziell entschädigt werden. Sie sollen Medikamente bekommen, die in anderen Ländern bei Bleivergiftungen eingesetzt werden, in Kenia aber nicht erhältlich sind.
Voraussichtlich im März 2020 wird das Urteil gesprochen. „Ich weiß, dass wir den Prozess gewinnen werden“, sagt Omido. Die Beweise seien eindeutig.„Ihr in Deutschland habt einen großen Einfluss“, sagt sie dieser Tage in Berlin. „Fangt einfach an nachzufragen, wenn ihr in ein Geschäft geht“, sagt sie. Wo kommt das Blei aus diesen Autobatterien her? Sterben dafür Menschen? „Wenn viele Kunden Informationen verlangen, werden die Konzerne reagieren.“ Deutsche Unternehmen sollten verantwortungsvolle Recyclingprozesse einfordern.
Stolz über die eigene Standfestigkeit
Omido ist froh, allen Einschüchterungsversuchen standgehalten zu haben. „Das war es wert“, sagt sie. Denn dadurch habe sich in Kenia schon einiges verändert. Neulich erst seien in einem Fluss erhöhte Bleiwerte gemessen worden. Alle Industrieanlagen am Ufer mussten daraufhin erst mal schließen. Ihre eigene Bekanntheit sei heute eine große Hilfe: „Die Leute wissen, wenn Phyllis kommt, dann muss sich etwas ändern, sonst gibt es Konsequenzen.“

Buch-Cover von Phyllis Omido
Copyright: Europa-Verlag

