Edinburgh – Das Vereinigte Königreich ist nicht auseinandergebrochen. Aber es ist über Nacht ein anderes Land geworden. Das lag an der 71 Jahre alten Dame aus der Nähe von Aberdeen, die das erste Mal in ihrem Leben zur Wahl ging; an dem Ex-Soldaten in Glasgow, der zwanzig Jahre nach seinem Armeeaustritt wieder ein Kreuz auf dem Stimmzettel machte; an 16- und 17-jährigen Erstwählern; und an den vielen Bürgern in East Renfrewshire, die vor den Urnen Schlange standen.
Eine Rekordzahl von 97 Prozent der schottischen Bürger hatte sich für das Referendum über Schottlands Unabhängigkeit in die Wahlregister eintragen lassen. Fast die komplette Nation, 85 Prozent, stimmte schließlich am Donnerstag über die Zukunft des Nordens Britanniens ab. Diese Wahlbeteiligung sei ein „Triumph der Demokratie und der politischen Willensbildung“, sagte Schottlands Ministerpräsident Alex Salmond, als er am Freitag im Morgengrauen seine Niederlage einräumte. Denn auch, wenn sich der Norden mit 55:45 Prozent für eine Beibehaltung der Union mit England, Wales und Nordirland entschied, so hatten sich doch 1,6 Millionen Schotten unmissverständlich für den endgültigen Bruch mit London ausgesprochen. Das ist ein machtvoller Hinweis auf die Verdrossenheit der Bürger über den Zustand einer dreihundert Jahre alten Union und auf den Wunsch nach Wandel, den kein freiheitlich gesinnter Regierungschef ignorieren kann.
Premierminister David Cameron wandte sich deshalb schon früh um sieben Uhr an die Briten. In seinem Gesicht spiegelte sich Erleichterung darüber, dass er nicht nach Balmoral zu Queen Elizabeth II. fliegen musste, um ihr sein persönliches Scheitern beim Zusammenhalten ihres Königreichs zu gestehen. Danach hatte es tatsächlich in den letzten Tagen ausgesehen. Stattdessen trat Cameron vor die schwarze Tür von Nummer 10, Downing Street und kündigte radikale konstitutionelle Veränderungen für das Zusammenleben der Briten an.
„Ich bin froh, dass das Vereinigte Königreich zusammenbleibt“, erklärte Cameron. Er will die Debatte über Föderalismus und Selbstbestimmung, die der Norden so leidenschaftlich geführt hat, nun auch in anderen Landesteilen fortführen: „Wir haben die Stimme Schottlands gehört, jetzt müssen auch die Millionen Stimmen Englands gehört werden“, sagte er. Denn in England gibt es, im Gegensatz zu Schottland, Wales und Nordirland, keine Regionalverwaltung. England, der mit 85 Prozent größte Landesteil, hat kein Parlament. Cameron erklärte: „Wie Schottland separat über seine Steuer- und Sozialpolitik bestimmen wird, so sollen auch England genauso wie Wales und Nordirland künftig in der Lage sein, über diese Dinge abzustimmen.“
Rechte auch ohne Abspaltung
Den Schotten hatten die drei großen Westminster-Parteien mehr autonome Rechte schon im Endspurt des Referendum-Wahlkampfs versprochen. Dies wird als einer der Gründe angesehen, warum viele Wähler doch nicht den Schritt in die Ungewissheit der Unabhängigkeit wagten. Einige fürchteten durch die überhasteten Panikaktion schon eine Bevorzugung Schottlands.
Cameron wirkt dem nun entgegen. Aber die Reform, die er sich vorgenommen hat, ist tückisch. Das knifflige Problem besteht darin, dass schottische Abgeordnete im Unterhaus stets über England betreffenden Gesetze mit abstimmen dürfen – aber Engländer umgekehrt nicht über das, was im Regionalparlament in Edinburgh verhandelt wird.
Aber Cameron steht bei den Schotten im Wort. Eine gute Lösung für alle Landesteile ist er den Schotten schuldig: Der 71-jährigen Erstwählerin, den Jugendlichen und allen anderen, “die die Politik sonst nie erreicht“, wie Alex Salmond richtig sagte. Der Wandel des Vereinigten Königreichs mit Schottland im Herzen, da waren sich alle Kommentatoren einig, hat schon begonnen.
