Kölner Stadt-Anzeiger · Community

Kommentare · 0

Abo

Kommentar

Tag der Einheit
Riss in den Lebensverhältnissen geht quer durchs Land

Ein Kommentar von
3 min
Eine Deutschlandflagge weht am Balkon eines Hauses in Bonn.

Eine Deutschlandflagge weht am Balkon eines Hauses in Bonn.

Der Tag der deutschen Einheit kann auch ein Weckruf sein, sagt Rundschau-Chefredakteur Jens Meifert

Wer zum Tag der deutschen Einheit nach Superlativen sucht, findet sie am ehesten in den trüben Tönen. Nach 36 Jahren löst die Wiedervereinigung wohl so wenig Freudegefühle aus wie nie. Jeder, der an diesem Samstag die Sektgläser in die Höhe reckt, darf als bedingungsloser Optimist gelten angesichts der aktuellen Krisenlagen und nicht zuletzt den Wahlergebnissen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Wo also steht die Einheit heute?

In den Großstädten und Metropolen wie Dresden, Leipzig und Erfurt spazieren Reisende begeistert durch stolze Innenstädte und über frisch gepflasterte Marktplätze. Da ist etwas geschafft, da schwärmt auch der westdeutsche Besucher, genießt die Kulturangebote und kommt gerne wieder. Doch die Ungleichheit der Lebensverhältnisse bleibt auch mehr als dreieinhalb Jahrzehnte nach der Einheit fortgeschrieben. Ostdeutsche sind in den Führungsetagen von Spitzenunternehmen, Universitäten, Institutionen von Wirtschaft, Wissenschaft oder Kultur dramatisch unterrepräsentiert. Auch das dürfte dazu beigetragen haben, dass Bürger in Ostdeutschland sich nicht ausreichend gesehen fühlen im Land.

Krisen treffen Bürger im Osten härter

In ostdeutschen Familien wird nur ein Bruchteil dessen vererbt, was auf westdeutscher Seite weitergereicht wird. Die ökonomische Substanz ist deutlich geringer. Mit anderen Worten: Die gegenwärtige Krise und Angst vor Arbeitslosigkeit treffen Bürger in Ostdeutschland mit anderer Vehemenz. Mehr noch als im Westen  kann der Jobverlust direkt in die Armutsfalle führen.  Angesichts dramatischer Probleme in der Industrie und einer mächtiger werdenden Künstlichen Intelligenz gibt es kaum Angestellte, die gänzlich sorgenfrei in die Zukunft schauen können.

Diese Krise haben aber auch im Westen, in Nordrhein-Westfalen, Bremen oder Niedersachsen, viele Menschen sehr unmittelbar zu spüren bekommen. Auch im Südwesten, wo große Regionen mittelbar von der florierenden Automobilindustrie profitiert haben, sind die Sorgen groß. Die Menschen sehen zudem, dass die Infrastruktur in ihren Städten bröckelt. Dass die sogenannten alten Bundesländer vielfach genau dieses Bild abgeben: in die Jahre gekommen. Dass vieles nicht mehr funktioniert, und dass da eine riesengroße  Modernisierungskluft besteht. Da bleibt wenig Raum für gesamtdeutsche Solidarität. Die eigenen Probleme sind drängend genug.

Der Bruch der Lebensverhältnisse im ganzen Land ist es, der gekittet werden muss

Der Bruch verläuft 36 Jahre nach dem Einheitstag weniger zwischen Ost und West, als zwischen den Metropolen und den strukturschwachen Gebieten. Die Wahlergebnisse und aktuellen Umfragen zeigen, die Auswirkungen. Überall da, wo die Hoffnung schwindet, haben die leichtes Spiel, die einfache Lösungen präsentieren. Die blaue Welle der AfD ist längst kein Ostphänomen mehr. Auch in Nordrhein-Westfalen dominiert sie gut sieben Monate vor der Landtagswahl die Umfragen.

Der Bruch der Lebensverhältnisse im ganzen Land ist es, der gekittet werden muss. Städte wie Köln oder Bonn können mit einer breiter aufgestellten Wirtschaft Probleme eher auffangen als Kommunen in der Lausitz oder in ländlichen Gebieten Niedersachsens. Hier droht das Land seine Menschen zu verlieren. Insofern kann der Tag der deutschen Einheit in diesem Jahr auch ein Weckruf sein: damit die Bürger mit ihren Sorgen ernst genommen werden.

Ein Umschwung wird nur mit einer starken Wirtschaft gelingen, mit Wachstum, damit die Menschen wieder Perspektiven finden. Im Osten und im Westen. Erst dann wird wieder sichtbar sein, was derzeit unter den Krisenbergen verschüttet zu sein scheint: Dass seit 1990 viel aufgebaut worden ist. Dass in dem großen Ziel der Angleichung der Lebensverhältnisse Wegmarken erreicht wurden. Dass sich Menschen aus beiden Landesteilen gefunden haben und doch einiges zusammengewachsen ist. Einheitsgefühle stellen sich dann von allein ein.