Ukrainische Angriffe sorgen für Frust in Russland. Dennoch gibt es Hinweise, dass Kremlchef Putin eine Ausweitung des Krieges plant.
Warnungen vor Putins PlänenMoskau bleibt auf Kurs – und will „Kranke und Krüppel“ für die Front

Kremlchef Wladimir Putin. (Archivbild)
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Während die Ukraine nahezu täglich neue erfolgreiche Schläge gegen Ziele in Russland verkündet, bleibt Moskau auf Kriegskurs – und will von Misserfolgen offenbar nichts wissen. Da die Ukraine weiterhin von Europa unterstützt werde, setze auch Russland seine „militärische Spezialoperation“ fort, bei der eine „für uns positive Entwicklung“ verzeichnet werde, erklärte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Donnerstag (23. Juli) gegenüber Reportern – und bekräftigte damit die unnachgiebige Haltung des Kremls, den jüngsten ukrainischen Angriffen zum Trotz.
Auch von der immer häufiger geäußerten Kritik in Russland lässt sich Kremlchef Wladimir Putin offenbar nicht beeindrucken. Zuletzt hatten sich in Russland kritische Wortmeldungen gehäuft – sowohl unter den russischen Kriegsbloggern als auch in der Bevölkerung wurde viel Wut und Unverständnis über den Kurs des Kremls deutlich. Einen Grund, die eigenen Pläne zu ändern, sieht Moskau darin jedoch offenbar nicht.
Kreml bekräftigt Kriegskurs – und attackiert Europa
Im Gegenteil: Auch die jüngsten Wortmeldungen nutzt der Kreml nicht für Zeichen der Entspannung, sondern für Attacken auf Europa. „Die Europäer sitzen einem gewaltigen Missverständnis auf – sie gehen davon aus, dass Verhandlungen mit Russland aus einer Position der Stärke heraus geführt werden sollten“, sagte etwa Kremlsprecher Peskow. „Das ist ihr größter Fehler, ganz gleich, ob er auf ihre Inkompetenz, ihre Fehlinformationen oder ihre Dummheit zurückzuführen ist.“

Kremlsprecher Dmitri Peskow. (Archivbild)
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Gleichzeitig mehren sich in Moskau die Anzeichen dafür, dass Kremlchef Putin den Krieg nicht nur nicht beenden, sondern sogar ausdehnen will. So sieht etwa das amerikanische Institut für Kriegsstudien (ISW) Hinweise dafür, dass der Kreml eine neue Mobilmachung planen könnte.
US-Analysten sehen Hinweise auf Mobilmachungspläne in Russland
Die Staatsduma habe am 22. Juli etwa ein Gesetz verabschiedet, das vorbestraften Kriminellen erlaubt, während einer Mobilmachung Verträge mit dem russischen Verteidigungsministerium abzuschließen, berichten die US-Analysten in ihrem aktuellen Lagebericht. Dadurch stehen der russischen Armee in Zukunft noch mehr Möglichkeiten bei der Rekrutierung von Soldaten zur Verfügung.
Auch dass die russische Nationalgarde (Rosgvardia) nun Änderungen vorgeschlagen habe, um ihre Befugnisse im Bereich des Zivilschutzes auszuweiten, sei ein Indikator für mögliche Mobilmachungspläne des Kremls, berichten die US-Experten. So könne die Nationalgarde mögliche innenpolitische Unruhen niederschlagen, sollte es bei einer Mobilmachung zu Widerstand aus der russischen Bevölkerung kommen.
Kremlkritiker prophezeit „leise“ Mobilmachung
Der Kremlkritiker Michail Chodorkowski rechnet unterdessen nicht damit, dass Putin auf eine offizielle Mobilmachung setzen wird. „Die Menschen spekulieren über eine Mobilmachung in Russland in diesem Herbst, aber es wird keine offiziell erklärte Mobilmachung wie 2022 geben – Putin hat diese Lektion gelernt“, schrieb Chodorkowski angesichts der Spekulationen auf der Plattform X.
Das heiße aber nicht, dass Putin keine Ausdehnung des Krieges plane, warnte der Kremlkritiker allerdings: Die „Mobilmachung“ werde „leise ablaufen“, prophezeit Chodorkowski. „Durch Razzien, Zwang und ‚Freiwillige‘, die keine Wahl haben.“
Russische Hardliner rufen nach „Kranken und Krüppeln“ für die Front
Darauf, dass Moskau keinen Frieden im Sinn hat, deuten unterdessen auch die Äußerungen in den russischen Staatsmedien hin. Dort herrscht weiterhin ein martialischer und aggressiver Ton. So ermutigten etwa der populäre TV-Moderator Wladimir Solowjow und Alexei Kondratjew, Mitglied des russischen Föderationsrates, in einer Talkshow alle Frauen, sowie jene Russen, die „verwundet, krank oder verkrüppelt“ sind, sich für einen Einsatz bei der Armee zu melden.
In der Ukraine scheint man mit diesen Entwicklungen derweil gerechnet zu haben. „Russland bereitet für den Herbst eine Mobilmachung von 500.000 Menschen vor“, hatte etwa Andrii Kovalenko, Leiter des Zentrums für die Bekämpfung von Desinformation, bereits in der Vorwoche gewarnt.
„Uns stehen ein sehr ereignisreicher Herbst und Winter bevor“
Kremlchef Putin sei von seinen Untergebenen versprochen worden, dass eine Mobilmachung Russland den Sieg bescheren werde, schrieb Kovalenko in seinem Telegram-Kanal. „Ich weiß ganz genau, dass sie sich irren“, fügte er hinzu. Moskau wolle die Mobilmachung einerseits nutzen, um „Lücken“ an der Front zu schließen. Andererseits sei auch die „Eröffnung einer neuen Front“ möglich, warnte Kovalenko.
„Uns stehen ein sehr ereignisreicher Herbst und Winter bevor, und wir werden sehr schwierige Infanteriekämpfe durchstehen müssen, in denen Menschen, Drohnen und andere Tötungsinstrumente aufeinander treffen werden“, warnte der Ukrainer seine Landsleute vor Putins Plänen.
Ukraine setzt Angriffe auf Ziele in Russland fort
Ungeachtet der Spekulationen um eine mögliche Mobilmachung in Russland haben die ukrainischen Streitkräfte ihre Angriffe auf Ziele im Nachbarland erneut fortgesetzt. Mehrere russische Regionen seien in der Nacht mit Drohnen angegriffen worden, berichteten sowohl ukrainische als auch russische Medien am Donnerstag.

Ein Screenshot aus einem vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Seleskyj veröffentlichten Video soll einen Großbrand in Russland zeigen.
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Das russische Verteidigungsministerium berichtete von insgesamt 223 Drohnen, die abgefangen oder zerstört worden seien. Nahe der Stadt Woronesch meldeten russische Behörden Schäden an einem Gebäude eines Versandhändlers. Die Ukraine hatte bereits in den vergangenen Tagen mehrfach Zentren des größten russischen Online-Händlers Wildberries angegriffen – und damit für viel Frust in Russland gesorgt.
Angriffe treffen mehrere russische Regionen
Auf der bereits 2014 von Russland annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim wurden nach russischen Angaben unterdessen zwei Menschen bei ukrainischen Angriffen getötet. Fünf weitere seien verletzt worden. Aus dem Gebiet Uljanowski wurde derweil ein Angriff auf einen Brennstoff- und Energiekomplex gemeldet. Details nannten die Behörden nicht.
Russland überzieht die Ukraine seit mehr als vier Jahren mit einem zerstörerischen und völkerrechtswidrigen Angriffskrieg. Als Teil ihres Abwehrkampfes hat die ukrainische Armee ihre Gegenangriffe im russischen Hinterland mit Drohnen in den vergangenen Monaten stark ausgeweitet.
