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Siegesparade ohne Militärtechnik„Seine Festung bröckelt“ – Putin erntet Spott und ruft Trump an

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Kremlchef Wladimir Putin. (Archivbild)

Kremlchef Wladimir Putin. (Archivbild)

Die traditionelle Militärparade in Moskau am 9. Mai fällt aus Furcht vor Angriffen kleiner aus. Kremlchef Putin erntet Spott und Kritik. 

Aus Furcht vor ukrainischen Drohnenangriffen findet die traditionelle Militärparade zum Tag des Sieges in Moskau in diesem Jahr ohne Panzer und Raketen statt. Die Vorführung von Militärtechnik am 9. Mai entfalle wegen der „operativen Lage“, teilte das Verteidigungsministerium in der russischen Hauptstadt mit. „Vor dem Hintergrund der terroristischen Bedrohung werden natürlich Maßnahmen zur Minimierung der Gefahr getroffen“, erklärte Kremlsprecher Dmitri Peskow den Verzicht auf Panzertechnik.

Stattdessen solle während der Fernsehübertragung der Parade der Einsatz russischer Soldaten aller Waffengattungen gezeigt werden – auch im Krieg gegen die Ukraine und in den Kommandoposten der Nuklearstreitkräfte. Es bleibe beim Vorbeimarsch Tausender Offiziersanwärter auf dem Roten Platz.

Öl-Anlagen in Flammen und Kritik an Putin in Russland

Russland feiert am 9. Mai traditionell den Sieg über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg 1945. Die Militärparade vor Kremlchef Wladimir Putin auf dem Roten Platz diente auch dazu, mit Interkontinentalraketen und modernen Panzern die Macht Russlands zu demonstrieren. Allerdings schwankte der Umfang der gezeigten Militärtechnik auch in früheren Jahren. Zuletzt war 2007 keine Technik vorgeführt worden.

29.04.2026, Russland, Moskau: Russische Soldaten marschieren vor der Probe der Militärparade zum Tag des Sieges auf den Roten Platz. Foto: Alexander Zemlianichenko/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Russische Soldaten marschieren vor der Probe der Militärparade zum Tag des Sieges auf den Roten Platz.

Bei der Abwehr der Moskauer Invasion hat die ukrainische Armee in den vergangenen Monaten ihre Gegenangriffe mit Kampfdrohnen auf das russische Hinterland ausgeweitet. Zuletzt gingen mehrere wichtige Öl-Infrastrukturanlagen nach ukrainischen Angriffen in Flammen auf. Auch offene Kritik an Kremlchef Putin war in Russland jüngst laut geworden.

Wladimir Putin telefoniert mit Donald Trump

Nun bemüht sich der russische Machthaber offenbar sogar um eine Waffenruhe am 9. Mai. Diese habe Putin in einem Telefonat mit US-Präsident Donald Trump vorgeschlagen, berichtete die russische staatliche Nachrichtenagentur Tass unter Bezug auf Angaben von Putin-Berater Juri Uschakow.

Putin habe der Ukraine in dem mehr als eineinhalbstündigen Gespräch zudem vorgeworfen, auf „terroristische Methoden“ zurückzugreifen. Auf welcher Grundlage der Kremlchef, der 2022 einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen das Nachbarland begonnen hat, diese Anschuldigung erhoben hat, wurde nicht bekannt.

Ukraine droht mit noch größerer Reichweite bei Langstreckenwaffen

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte unterdessen am Mittwoch angekündigt, die Reichweite ukrainischer Langstreckenwaffen weiter ausbauen zu wollen, und Russland aufgefordert, den Krieg zu beenden. 

Die Entscheidung, auf Militärtechnik bei der Parade zu verzichten, sorgt unterdessen international für Aufsehen: „Dies ist das erste Mal in der jüngeren Geschichte, dass die mechanisierte Kolonne vollständig abgesagt wurde – was ist da passiert?“, fragte etwa der amerikanische Politikwissenschaftler Bransilav Slantchev spöttisch auf der Plattform X. 

Russland-Experte: „Ergebnis von Putins ‚Spezialoperation‘“

„Vor dem Februar 2022 wäre eine solche Situation übrigens undenkbar gewesen. Dass Kraftwerke und selbst die große Militärparade in Russland nicht mehr sicher sind, ist das Ergebnis von Putins ‚Spezialoperation‘“, schrieb unterdessen der deutsche Historiker und Russland-Experte Matthäus Wehowski. 

„Putins große Militärshow am 9. Mai“ sei ein zentraler Bestandteil des „Kults um den Großen Vaterländischen Krieg“, führte Wehowski aus. Der Zweite Weltkrieg wird in Russland so bezeichnet. Im Verlauf des Kriegs gegen die Ukraine sei die Siegesparade jedoch immer weiter zusammengeschrumpft.

„Wird nur noch der mumifizierte Putin über den Roten Platz gerollt“

„Erst wurde die Flugshow gestrichen (zunächst wegen ‚schlechtem Wetter‘, dann ohne Begründung). Jetzt sollen auch keine Militärfahrzeuge mehr rollen“, erklärte Wehowski und ließ ebenfalls spöttische Worte folgen: „Vermutlich wird in ein paar Jahren nur noch der mumifizierte Putin mit dem Rollstuhl über den Roten Platz gerollt“, schrieb der Russland-Experte. 

Auch russische Kremlkritiker wie Michail Chodorkowski thematisierten am Mittwoch das Verhalten Moskaus und des russischen Machthabers. „Putin hat Angst“, schrieb Chodorkowski bei X. „Seine Festung bröckelt“, hieß es weiter vom Kremlkritiker, der darauf verwies, dass immer mehr Dekrete der russischen Regierung geheimgehalten würden.

„Damit die Russen nicht sehen, wie katastrophal das Regime scheitert“

„Die Hälfte seiner Dekrete ist jetzt geheim – damit die Russen nicht sehen können, wie katastrophal das Regime scheitert.“ Der Kreml wolle damit den „wirtschaftlichen Verfall“ des Landes verschleiern. „Mehr als 30 Prozent des Staatshaushalts entfallen mittlerweile auf ‚geheime‘ Ausgaben. Wir wissen nicht mehr, wohin das Geld fließt oder wie viele Menschen tatsächlich an der Front sterben“, kritisierte Chodorkowski. 

„Wenn ein Diktator das Bedürfnis verspürt, die Hälfte seiner Entscheidungen zu verbergen, ist es offensichtlich, dass selbst er weiß, dass nichts von dem, was er tut, das Leben der Menschen verbessern wird“, schrieb der Kremlkritiker weiter und fügte hinzu: „Dieser Vorhang des Geheimnisses ist darauf ausgelegt, die Zerbrechlichkeit der Position des Regimes zu verbergen.“ (mit dpa)