Nacht für Nacht trägt die Ukraine mit großen Drohnenschwärmen den Krieg zurück nach Russland. Die Folgen machen sich bemerkbar.
Lange Schlangen vor TankstellenRaffinerien brennen – Treibstoffkrise in Russland verschärft sich

Der Ausschnitt aus einem Video soll eine brennende Raffinerie im russischen Nischnekamsk zeigen, im Vordergrund die Warteschlange vor einer Tankstelle.
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Die ukrainische Armee hat Russland erneut mit Drohnenangriffen bis tief ins Hinterland überzogen und auf die Ölindustrie des Gegners gezielt. In den Raffinerien von Saratow an der Wolga und Nischnekamsk in Tatarstan brachen Brände aus, wie ukrainische und russische Telegramkanäle berichteten.
In Saratow, knapp 800 Kilometer von der Ukraine entfernt, wurde nach Angaben von Gouverneur Roman Bussargin ein Mann getötet. Er bestätigte ansonsten nur Schäden an der zivilen Infrastruktur. Nischnekamsk liegt etwa 1200 Kilometer von ukrainischem Gebiet entfernt. Die PJSC Saratow Ölraffinerie, eine Tochtergesellschaft von Rosneft, ist eine der ältesten Ölraffinerien Russlands und eine strategisch wichtige Anlage in der russischen Ölraffinerieindustrie.
Auch eine Raffinerie in Ufa am Ural in der Teilrepublik Baschkortostan wurde getroffen. Betreiber der Anlage ist Baschneft, ein Tochterunternehmen des russischen Ölkonzerns Rosneft. Die Stadt liegt 1300 Kilometer von der Ukraine entfernt. Die Anlage war bereits Ende Juni angegriffen worden. Auf dem Telegram-Kanal Exilenova+ veröffentlichte Videos und Fotos zeigen Flammen und dichten Rauch, der von der Unglücksstelle aufsteigt.
Zwei Anlagen in Nischnekamsk getroffen
Ebenso wurden im 350 Kilometer von Ufa entfernten Nischnekamsk in Tatarstan Explosionen gemeldet. Nischnekamsk ist ein wichtiges Zentrum der russischen Ölverarbeitung. „Mehrere Drohnen haben erfolgreich den Raffineriekomplex Taneco angegriffen, eine der größten und technologisch fortschrittlichsten Anlagen Russlands“, heißt es bei der „Kyiv Post“ unter Berufung auf ukrainische Sicherheitskreise.
Die Taneco-Raffinerie wird von Tatneft betrieben und hat eine Verarbeitungskapazität von 16,2 Millionen Tonnen Öl pro Jahr. Sie ist damit eine der größten Ölraffinerien Russlands.
Auch das Petrochemieunternehmen Nizhnekamskneftekhim, ebenfalls in Nischnekamsk gelegen, soll getroffen worden sein. Es handelt sich dabei um Russlands größten petrochemischen Produzenten, der auf die Herstellung von Synthesekautschuken, Kunststoffen sowie Grundchemikalien spezialisiert ist.
Zwei Tage zuvor war die Gazprom-Ölraffinerie in Omsk, etwa 2500 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt und die größte Anlage dieser Art im Land, von ukrainischen Drohnen angegriffen worden.
Treibstoffkrise in Russland – ein Liter für 3,30 Euro auf der Krim
Das Verteidigungsministerium in Moskau teilte am Mittwoch mit, bis zum Mittwochmorgen seien über russischem Gebiet 415 feindliche Drohnen abgefangen worden. Solche Zahlen sind nicht unabhängig überprüfbar, sie deuten aber auf einen großen Angriff hin. Ein Brand wurde auch von einem Militärflugplatz im Gebiet Woronesch südlich von Moskau gemeldet.
Die Ukraine wehrt sich seit mehr als vier Jahren gegen eine großangelegte russische Invasion. Ihre Gegenangriffe auf die russische Ölindustrie haben bereits eine Treibstoffkrise in vielen Regionen verursacht.
Besonders auf der Krim, die 2014 von Russland annektiert wurde, ist die Lage angespannt. Ein Liter Benzin soll hier inzwischen bis zu 3,30 Euro kosten, schreibt der österreichische „Kurier“. Bilder von Schlangen vor Tankstellen verbreiten sich in den sozialen Medien. Der Tourismus ist auf der Krim zum Erliegen gekommen, es gibt auch immer wieder Stromausfälle. Kremlchef Wladimir Putin kündigte an, die Krim auf dem Land- und Seeweg mit Treibstoff versorgen zu wollen.
Lange Schlangen und schwache Nerven an Russlands Tankstellen
Auch in russischen Städten kommt es zu Wartezeiten vor Tankstellen. So berichtet der „Guardian“ von der sibirischen Stadt Ust-Ordynski, wo es am Wochenende zu Konfrontationen zwischen aufgebrachten Autofahrern und der Polizei kam. Die Auswirkungen der ukrainischen Schläge gegen die Ölindustrie sind also auch in weit entfernten Regionen Russlands zu beobachten.
Selbst in der Metropole Moskau sind überall Schlangen zu sehen, wie die BBC berichtet. Es sei seltsam, in einem Land, das so viel Öl fördert, Schlange stehen zu müssen, wird ein Autofahrer zitiert.
Die Benzinproduktion soll im Jahresvergleich um etwa 25 Prozent zurückgegangen sein. Es werden Treibstoffimporte aus Belarus, Kasachstan und Indien geprüft. Auch eine Senkung der Qualitätsstandards bei Kraftstoff wird erwogen. Für Putin könnte der Unmut der Bevölkerung wegen der Treibstoffkrise zum innenpolitischen Problem werden – selbst wenn die Menschen sich mit offener Kritik ab der Regierung eher zurückhalten, wie es im BBC-Bericht heißt. (mit dpa)
