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Zwei Theorien kursierenZehntausende Migranten stürmen EU-Exklave – „Totaler Notstand“ in Ceuta

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Migranten kommen nach dem Überqueren der Grenze in Ceuta an. Seit Donnerstag (30. Juli) haben Tausende die autonome Stadt erreicht, indem sie schwimmend oder zu Fuß die Mole umgingen, die Ceuta von Marokko trennt.

Migranten kommen nach dem Überqueren der Grenze in Ceuta an. Seit Donnerstag (30. Juli) haben Tausende die autonome Stadt erreicht, indem sie schwimmend oder zu Fuß die Mole umgingen, die Ceuta von Marokko trennt.

Die Lage in der spanischen Nordafrika-Exklave ist angespannt. Zu den Hintergründen des Ansturms auf Ceuta gibt es zwei Vermutungen. 

Zehntausende Migranten haben nach Angaben aus Polizeikreisen die Grenze zwischen Marokko und der spanischen Exklave Ceuta in Nordafrika gestürmt. Nach ersten Schätzungen aus Sicherheitskreisen sind in den vergangenen Tagen mehr als 40.000 Migranten auf irregulärem Weg nach Ceuta gelangt. Die Mehrheit von ihnen am vergangenen Donnerstag.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet unter Berufung auf das spanische Innenministerium von 49.000 Menschen binnen 24 Stunden. Insgesamt 18 Menschen seien beim Versuch, Ceuta zu erreichen, ums Leben gekommen. Die spanische Exklave liegt an der marokkanischen Küste und kann daher schwimmend erreicht werden. 

„Die ganze Nacht über gab es einen stetigen Zustrom von Menschen“

„Die ganze Nacht über gab es einen stetigen Zustrom von Menschen“, hieß es aus Polizeikreisen. Obwohl die Zahl der Ankommenden geringer gewesen sei als tagsüber, seien Migranten „auch über Nacht weiter angekommen“. Auch am Freitagmorgen kämen weiter Migranten in der spanischen Exklave an. In der zweiten spanischen Nordafrika-Exklave Melilla haben ebenfalls Hunderte Migranten die Grenze überwunden.

Bereits zuvor waren binnen weniger Tage mehr als 1500 Migranten in Ceuta eingetroffen, die Polizei und die Guardia Civil schienen kaum einzuschreiten. Spanien entsandte angesichts der Lage Truppen in die Exklave. „Wir befinden uns in einer Situation des totalen humanitären und sozialen Notstands“, sagte Ceutas Regionalpräsident Juan Jesús Vivas im Fernsehen.

Ceuta schlägt Alarm: „Totaler humanitärer und sozialer Notstand“

In den sozialen Netzwerken kursieren seit Donnerstag entsprechende Aufnahmen. Dort ist zu sehen, wie Menschen an den Strand der Exklave schwimmen und versuchen, Zäune zu überklettern. Die Szenen wirken mitunter chaotisch. 

Migranten klettern über den Zaun, der die Grenze zwischen Ceuta und Marokko markiert.

Migranten klettern über den Zaun, der die Grenze zwischen Ceuta und Marokko markiert.

Regierungschef Pedro Sánchez wollte am Freitag gemeinsam mit Innenminister Fernando Grande-Marlaska den Grenzübergang Tarajal besuchen, wie die Regierung mitteilte. Es handelt sich um die größte Zahl der nach Ceuta gekommenen Migranten seit 2021. Damals stürmten mehr als 10.000 Menschen die Grenze zu der Exklave.

EU bietet Spanien Unterstützung durch Frontex an

Die EU hat angesichts des Andrangs von Migranten ihre Unterstützung angeboten. Migrationskommissar Magnus Brunner habe „die Bereitschaft der EU zum Ausdruck gebracht, Spanien – unter anderem über Frontex – verstärkt zu unterstützen, um die Lage unter Kontrolle zu bringen“, teilte er auf der Plattform X mit.

Man stehe zudem in Kontakt mit den marokkanischen Behörden, „um sicherzustellen, dass alle notwendigen Anstrengungen unternommen werden, um diese gefährlichen Reisen zu verhindern“, schrieb Brunner weiter. Der Migrationskommissar machte deutlich, der Schutz der EU-Außengrenzen sei „ein wesentlicher Bestandteil unserer Bemühungen zur Bekämpfung der illegalen Migration“. Mit den zuständigen Behörden stehe die EU wegen der Lage in Ceuta in Kontakt.

Giorgia Meloni will „nicht tatenlos zusehen“

Italien werde „nicht tatenlos zusehen“, schrieb derweil Italiens rechte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni auf X. Man wolle die zuständigen Gremien einberufen und möglicherweise auch mit außergewöhnlichen Maßnahmen eingreifen, „um die Grenzen und die Sicherheit der Bürger zu verteidigen, etwa durch die Aussetzung des Schengen-Raums mit Spanien“, erklärte Meloni. Damit dürften Grenzkontrollen gemeint sein. 

Obwohl Marokko 1956 die Unabhängigkeit von Frankreich und Spanien erlangte, hat Spanien dort weiterhin zwei Exklaven: Ceuta und Melilla. Beide werden jedoch von dem nordafrikanischen Land beansprucht. In der Nähe beider Gebiete warten oft Tausende Menschen – vorwiegend aus Ländern südlich der Sahara – auf eine Gelegenheit, in das zur EU gehörende Gebiet zu kommen.

Zwei Theorien: Was steckt hinter dem Sturm auf Ceuta?

Zu den Hintergründen des aktuellen Massenandrangs auf die beiden spanischen Exklaven gibt es derzeit im Wesentlichen zwei Theorien. Zum einen besteht der Verdacht, dass Marokko Spanien gezielt unter Druck setzen könnte. „2021, als das letzte Mal tausende marokkanische Teenager irregulär die Grenze überquerten, schauten die Grenzschützer einfach weg – um ein Signal übers Mittelmeer zu senden“, erinnerte das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ an vorherige ähnliche Vorfälle. 

Damals galt ein Streit zwischen Madrid und Rabat über die Polisario als Auslöser. Die Widerstandsgruppe kämpft für die Unabhängigkeit der Westsahara, einer ehemaligen spanischen Kolonie, die Marokko für sich beansprucht. Spaniens damalige Außenministerin Arancha Gonzales Laya trat schließlich zurück und Regierungschef Sanchez zählte die Westsahara fortan zu Marokko – kurz darauf war die Grenze zu Ceuta wieder dicht. 

Ärger über Annäherung zwischen Spanien und Algerien?

Auch jetzt kursieren in den sozialen Netzwerken Aufnahmen, auf denen zahlreiche Migranten unter den Augen von Sicherheitskräften die Ladefläche eines Lkws verlassen und sich auf den Weg nach Ceuta machen. Unabhängig überprüfen lassen sich die Aufnahmen derzeit jedoch nicht.

Soldaten der spanischen Armee fahren in Militärfahrzeugen, nachdem sie in die spanische Exklave Ceuta entsandt wurden.

Soldaten der spanischen Armee fahren in Militärfahrzeugen, nachdem sie in die spanische Exklave Ceuta entsandt wurden.

Als möglichen Auslöser für neuen Ärger in Marokko gilt derweil die jüngste diplomatische Annäherung zwischen Spanien und Algerien – ein Erzfeind Marokkos. In der vergangenen Woche war Sánchez nach Algier gereist und sprach dort von einer „strategischen Partnerschaft“ und „guten Freunden“.

„Kaum marokkanische Beamte am Strand zu sehen“

Es sei daher denkbar, dass Marokko die Migranten nun instrumentalisiere, um Madrid zu warnen, analysierte der „Spiegel“. Tagsüber seien am Donnerstag „kaum marokkanische Beamte am Strand zu sehen“, berichtete das Nachrichtenmagazin. „Erst am Abend griffen sie beherzt ein, schossen mit Tränengas.“

Rabat bestreitet derweil, den Grenzschutz vernachlässigt zu haben. Auch aus Madrid heißt es, die Grenzschützer in dem nordafrikanischen Land würden kooperieren. In Spanien kursiert deshalb eine zweite Theorie – sie steht im Kontext eines Urteils des Obersten Gerichtshofs Spaniens von Anfang Juli.

Journalist: Spanisches Gerichtsurteil könnte „Sogeffekt“ bewirkt haben

Jahrelang wiesen Grenzschützer Migranten in Ceuta und anderswo direkt an der Grenze oder kurz danach zurück – ohne ein längeres Verfahren. Diese Praxis erklärten die Richter inzwischen für illegal.

Die direkte Zurückweisung sei zwar legal, wenn Migranten oder Schutzsuchende Grenzanlagen überwunden hätten, nicht jedoch, wenn sie schwimmend nach Ceuta gelangen. Auch dann sei eine Abschiebung nicht ausgeschlossen – sie erfolgt nach dem Urteil aber nicht mehr sofort.

Spanische Beobachter wie der Journalist Ignacio Cembrero vermuten daher einen „Sogeffekt“ durch das Gerichtsurteil, das sich in Marokko herumgesprochen habe, als Auslöser für den Ansturm auf Ceuta. Auf der Plattform X beklagte Cembrero „Passivität“ in Marokko und „mangelnde Weitsicht“ aufseiten Spaniens. (mit afp/dpa)