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Berufstätige MütterDie perfekte Mutter kann auch Pilotin sein

7 min

Frau Röhr-Sendlmeier, sind berufstätige Mütter heute nicht schon längst selbstverständlich?

Una Röhr-Sendlmeier: Nein. Gut ein Drittel der Mütter mit Kindern unter 18 Jahren arbeiten nicht. Vollzeitbeschäftigt sind sogar nur 20 Prozent. Und 53 Prozent der Westdeutschen sind der Meinung, dass ein Kleinkind darunter leiden müsse, wenn die Mutter berufstätig ist. Gleichzeitig sind immer mehr Frauen gut ausgebildet und wollen arbeiten. Dadurch ergibt sich ein Spannungsfeld zwischen den Vorurteilen in der Gesellschaft und den Wünschen der Mütter. Das trägt auch dazu bei, dass viele gut ausgebildete Frauen in Deutschland erst gar keine Kinder bekommen.

Dr. Una Röhr-Sendlmeier ist Professorin für Pädagogische Psychologie an der Universität Bonn und selbst Mutter von drei Söhnen.

Ihrer Studie nach leiden viele berufstätige Mütter unter Schuldgefühlen. Warum?

Röhr-Sendlmeier: Manche Frauen haben von vorneherein Schuldgefühle, weil sie erwarten, dass es aufgrund ihrer Berufstätigkeit Einschränkungen geben muss. Wenn eine Frau berufstätig ist, aber – vielleicht unbewusst – ein traditionelles Rollenverständnis hat, dann delegiert sie Arbeiten im Haushalt nicht. Das heißt: Wenn die Mutter es nicht schafft, Dinge zu erledigen, werden sie nicht erledigt – es kommt zu Schuldgefühlen und somit zu Stress und Konflikten für die berufstätige Mutter. Die Zufriedenheit der Familie insgesamt wird enorm gemindert.

Schuldgefühle können ja auch berechtigt sein, wenn Mutter oder Vater zu wenig Zeit haben. . .

Röhr-Sendlmeier: Natürlich. Aber das Ideal der perfekten Mutter ist in Deutschland besonders präsent. Viele Mütter neigen dazu, alles, was in der Familie nicht richtig läuft, sich selbst anzuhängen. Unsere Studie zeigt, dass auch die nicht berufstätigen Mütter Schuldgefühle haben, weil sie zum Beispiel meinen, ihre Kinder nicht genug zu fördern. Bei einer berufstätigen Mutter beziehen sich die Schuldgefühle aber fast immer auf ihren Beruf.

Gilt das auch für Frauen, die nicht traditionell eingestellt sind?

Röhr-Sendlmeier: Weniger. Eine Frau, die ein traditionelles Rollenkonzept lebt, hat umso stärkere Schuldgefühle, je länger ihre Arbeitszeit ist. Frauen mit einem egalitäreren Verhältnis zu Partnerschaft und Kindererziehung haben deutlich weniger Schuldgefühle. Eine Frau, die sehr viel arbeitet, aber viel Unterstützung bekommt und diese vor allem auch annimmt, erlebt weniger Konflikte.

Wann haben denn Väter Schuldgefühle?

Röhr-Sendlmeier: In unseren Untersuchungen geben auch Väter ausgesprochene Schuldgefühle an. Der Aussage „Wenn ich sehr viel Arbeit habe, habe ich Gewissensbisse, weil ich nicht so viel Zeit mit meinen Kindern verbringen kann“ stimmen 70 Prozent der Mütter und 64 Prozent der Väter zu. 40 Prozent der Väter haben das Gefühl, ihrer Familie nicht genug Aufmerksamkeit zu schenken. Väter wünschen sich reduzierte Arbeitsstunden, Frauen wünschen sich mehr Arbeitszeit. Wenn man sich da annähert, ergibt das Spielräume, die man gut nutzen kann. Beide Elternteile können für die Familie da sein und beide können Erfüllung im Berufsleben finden – ohne schlechtes Gewissen.

Stoßen Väter damit beim Arbeitgeber nicht auf Unverständnis?

Röhr-Sendlmeier: Ich glaube, dass sich wirklich eine Entwicklung anbahnt. Es gibt zunehmend Väter, die von vornherein mit ihrem Arbeitgeber verhandeln, dass sie mehr Zeit mit der Familie verbringen möchten. Diese egalitär eingestellten Väter hatten übrigens in unserer Studie deutlich weniger Schuldgefühle als die, die traditionell eingestellt sind. Das war für uns ein überraschendes Ergebnis.

Warum haben traditionell eingestellte Väter mehr Schuldgefühle?

Röhr-Sendlmeier: Die Väter, die sich primär in der Versorgerrolle sahen, empfanden Schuldgefühle, weil sie sich noch nicht so aktiv in die Familie einbrachten, wie es neuerdings von Vätern erwartet wird. Die egalitär eingestellten Väter hatten dagegen weniger Schuldgefühle, weil sie sich vermutlich bereits mehr in die Familie einbringen.

Wie wirken sich elterliche Schuldgefühle denn auf die Kinder aus?

Röhr-Sendlmeier: Nicht die Schuldgefühle und der Umfang der Berufstätigkeit per se beeinträchtigen das Wohlbefinden des Kindes. Sondern die erlebten Konflikte in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Zufriedenheit der Eltern. Eine Mutter, die ausgeglichen ist, erzieht ihre Kinder in der Regel gelassener und demokratischer. Eine zentrale Frage ist: Wie erleben Kinder die Berufstätigkeit der Eltern?

Und wie erleben sie sie?

Röhr-Sendlmeier: Das kommt darauf an. Ein Beispiel: Die Mutter holt ihr Kind vom Kindergarten ab und sieht, dass es alte, ungeputzte Schuhe trägt. Sie sagt: „Oh Gott, kein Wunder, ich war ja nicht da, um dich schön anzuziehen.“ Alles, was in ihren Augen nicht richtig läuft, bezieht die Mutter auf sich und präsentiert das auch so. Daraus lernt das Kind natürlich: Weil die Mutter arbeitet, funktioniert vieles nicht richtig. Das kann die Sicht des Kindes beeinflussen. Und dann ist es auch nicht zufrieden.

Wie sollte man dem Kind die eigene Berufstätigkeit präsentieren?

Röhr-Sendlmeier: Nehmen wir folgende Situation: Der Vater muss arbeiten, obwohl er Freizeit mit dem Kind verbringen wollte. Er kann dem Kind erklären, dass es Notwendigkeiten für den Berufsalltag gibt und es deshalb nicht anders geht. Dafür sollte er aber anbieten, sich an einem anderen Tag viel Zeit für das Kind zu nehmen, und das auch einhalten. Schlecht ist natürlich, wenn die Mutter dann sagt: „Na toll, muss der Papa wieder arbeiten. Der wollte eigentlich mit dir basteln und jetzt sitzt du alleine da.“ Das sollten Eltern vermeiden. Sonst lernen die Kinder natürlich: Das Arbeiten ist ja wirklich etwas ganz Furchtbares.

Sie haben auch die Kinder gefragt, ob sie finden, dass Mutter und Vater arbeiten sollten. Mit welchem Ergebnis?

Röhr-Sendlmeier: Auf die Frage „Ist es richtig, dass nur die Männer arbeiten und die Frauen für die Kinder da sein sollen?“ antworteten 65 Prozent der Kinder entweder, „Das stimmt überhaupt nicht“ oder „Das stimmt eigentlich nicht“. 79 Prozent der Kinder finden es schön, dass ihre Mutter arbeiten geht, 80 Prozent sagen das über den Vater. Weil sie sehen, dass die Familie das Geld braucht und weil die Eltern aufgrund ihrer Berufstätigkeit interessante Dinge erzählen können. Mehr als 90 Prozent der Kinder finden, dass Frauen wie Männer Chef sein und Kinder versorgen können.

In den Augen der Kinder sind die Rollen also gleichmäßig verteilt?

Röhr-Sendlmeier: Fast. Wir haben Kinder und Jugendliche gefragt, wer verschiedene Tätigkeiten besser ausüben kann: Männer oder Frauen? Die Kinder antworteten, dass Frauen besser eine Nähmaschine benutzen und das Haus putzen können. Bei den Männern waren dominante Antworten: Autos reparieren und ein Haus bauen.

Das hört sich eher an, als hätten sie altertümliche Rollenvorstellungen. . .

Röhr-Sendlmeier: Nicht wirklich. Ansonsten haben wir nämlich ganz viele Übereinstimmungen: Wer kann ein Flugzeug fliegen? Wer kann in einem Sekretariat arbeiten? Wer kann eine Mahlzeit kochen? Das alles trauen die Kinder sowohl den Frauen als auch den Männern zu. Wenn Kinder zu Hause Gleichberechtigung erleben – also der Vater auch mit ihnen zum Arzt geht und im Haushalt mitarbeitet – , dann trauen sie den Männern auch mehr Fähigkeiten zu, die traditionell als weiblich gelten. Diese kindlichen Einstellungen sind sehr wichtig für das Leistungsverhalten der Kinder.

Inwiefern?

Röhr-Sendlmeier: Kinder, die erleben, dass es nicht per se Geschlechtszuschreibungen für bestimmte Tätigkeiten gibt, die kommen auch nicht so schnell auf die Idee, nur einen bestimmten Ausschnitt von Leistungsverhalten für sich selbst vorzusehen. Ein Mädchen wird dann zum Beispiel nicht so schnell sagen: „Mathe ist nur was für Jungs“, also kann ich das eh nicht. Bei 900 untersuchten Familien mit Kindern im Alter zwischen acht und 14 Jahren konnten wir zeigen, dass die Kinder bessere Noten haben, wenn egalitäre Vorstellungen im Elternhaus praktiziert werden.

Wenn die Mutter berufstätig ist und der Vater putzt, ist die Tochter also besser in Mathe?

Röhr-Sendlmeier: Wenn der Vater egalitär eingestellt ist und die Mutter ihm auch Raum lässt, mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen, dann sind Mädchen wie Jungen im Bereich Mathematik besser. Männer gehen anders mit ihnen um, toben zum Beispiel mehr mit ihnen. Dabei erklären sie nebenbei physikalische Sachverhalte. Ein Vater, der viel Zeit mit den Kindern verbringt und dies auch gerne tut, macht deshalb mathematisch-naturwissenschaftliche Denkweisen zugänglicher für die Kinder. Und Eltern, die eine egalitäre Einstellung haben, ermutigen auch die Söhne, sich mit Sprache zu beschäftigen.

Haben die Eltern eigentlich auch Schuldgefühle dem Arbeitgeber gegenüber geäußert, weil sie ihre Arbeit nicht schaffen?

Röhr-Sendlmeier: Ja. Mütter lösen das meistens so, dass sie weniger arbeiten. Das können Väter nicht unbedingt. Hier müssen flexible Lösungen her. Das ist mein Appell an Arbeitgeber: Frauen und Männern in computerorientierten Berufen die Möglichkeit zu geben, Home-Office-Tage einzulegen, damit die Arbeit gut erledigt werden kann. Das kann ausgezeichnet funktionieren. Arbeitnehmer mit Kindern wollen sich nämlich in der Regel nicht nachsagen lassen, dass sie solche Freiheiten missbrauchen. Zufriedene Eltern, die eine Balance zwischen Familie und Beruf erleben, sind sehr viel bessere Mitarbeiter. Gibt es diese Balance nicht, fehlt irgendwann die Kraft, Aufgaben gut zu meistern. Das gilt auch für Väter. Und wir konnten zeigen: Familien wünschen sich mehr vom Vater.