Kind krank, Termin im Büro: Zwei Expertinnen geben vier Tipps, wie Eltern in Köln die Balance im Alltag finden.
Eltern am LimitVier Strategien für den Spagat zwischen Job und Familie

Viele Frauen machen das Unmögliche möglich - weil sie müssen: Arbeiten während sie Kinder betreuen.
Copyright: Julian Stratenschulte/dpa/dpa-tmn
Ein wichtiger Termin steht an, doch das Kind ist krank. Zwei Expertinnen erläutern, mit welchen Ansätzen Eltern die Balance zwischen Beruf und Familie finden.
Die Besprechung startet in wenigen Minuten, aber das Kind bekommt im Flur der Kindertagesstätte einen Tobsuchtsanfall. Solche Momente sind für Eltern eine Zerreißprobe. Sei es durch eine Erkrankung, die Ferienzeit oder Unterrichtsausfall – insbesondere Eltern in Vollzeit, auch in der Kölner Region, konfrontiert die ständige Herausforderung: Wie lassen sich Beruf und Familienleben vereinbaren? Auf die entscheidenden Punkte gehen die Forscherin Prof. Dr. Christina Boll vom Deutschen Jugendinstitut und die Beraterin Katrin Fuchs ein.
Die Ursachen liegen oft im System
Zunächst ist festzuhalten, dass Eltern viele Faktoren nicht beeinflussen können. Es existiert keine universelle Lösung für die reibungslose Koordination von Berufstätigkeit in Vollzeit und Familienleben. Die Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit sind häufig ein strukturelles Problem und nicht auf mangelnden Willen oder Einsatz zurückzuführen. Aus diesem Grund sollten Eltern dies nicht als persönliches Scheitern interpretieren.
Bei der Debatte um Arbeitsmodelle wird die Sorgearbeit häufig unzureichend berücksichtigt. Laut Prof. Dr. Christina Boll sind etwa zwölf bis 13 Prozent der berufstätigen Frauen gegen ihren Willen teilzeitbeschäftigt. Als Ursachen nennt sie betriebliche Hürden sowie einen Mangel an Betreuungsangeboten für Kinder und pflegebedürftige Familienmitglieder.
„Diese Herausforderung lässt sich nicht wegcoachen“, merkt Katrin Fuchs an. Die Rahmenbedingungen für Familien variieren erheblich je nach Wohnort und individuellem Lebensmodell. Entscheidend sind Fragen nach der Verfügbarkeit verlässlicher Betreuungsplätze, den damit verbundenen Ausgaben und der allgemeinen Infrastruktur. Trotzdem können Betroffene durch gezielte, kleinere Schritte eine gewisse Entlastung im Alltag erreichen.
Strategie 1: Ein verlässliches Notfall-Netzwerk schaffen
Eine Maßnahme, die Familien gezielt ergreifen können und die sich fast immer als hilfreich erweist, ist der Aufbau eines Unterstützernetzwerks. Der entscheidende Faktor für Familien ist Zuverlässigkeit. „Sonderfälle wie Schulferien oder Erkrankungen der Kinder kann ich nur abdecken, wenn ich auf verlässliche Personen in meinem Umfeld zurückgreifen kann“, erklärt Katrin Fuchs.
Hierbei sind nicht ausschließlich Familienangehörige gemeint, sondern ebenso Nachbarn, Bekannte oder andere Eltern. „Das ist in unserer Gesellschaft nicht mehr selbstverständlich“, stellt die Beraterin fest. „Aber wenn ich alles unter einen Hut bekommen will, brauche ich ein Netz, das mich auffängt, wenn es eng wird.“ Da heutzutage zahlreiche Familien nicht mehr in unmittelbarer Nähe zu ihren Verwandten wohnen, besteht bei vielen Eltern ein Interesse an wechselseitiger Hilfe, was für alle Beteiligten vorteilhaft ist.
Strategie 2: Arbeitsflexibilität mit Bedacht nutzen
Die Organisation der Kinderbetreuung wird erleichtert, wenn berufliche Flexibilität gegeben ist. „Grundsätzlich können Menschen, die die Möglichkeit haben, autonomer zu arbeiten, eher in Vollzeitarbeit bleiben“, äußert die Wissenschaftlerin Christina Boll. Personen, die ihre Arbeitsstunden eigenständig einteilen oder einen Teil ihrer Aufgaben von zu Hause aus erledigen, profitieren von klaren Vorzügen bei der Vereinbarkeit.
Dennoch rät Boll davon ab, permanent im Homeoffice tätig zu sein, um die eigene Präsenz im Unternehmen nicht zu schmälern. In Betrieben mit einer ausgeprägten Anwesenheitskultur könne dies negative Karrierefolgen haben, denn man „schießt sich mit Homeoffice karrieremäßig schnell ins Aus“.
Ein weiteres potenzielles Problem sollten Eltern berücksichtigen: „Arbeitet nur die Frau zu Hause, gerät man schnell in die traditionelle Aufgabenteilung“, so die Warnung von Boll. Dies folge oft dem Prinzip: „Du bist ja eh zu Hause, dann kannst du dich auch darum kümmern.“ Damit ein gegenseitiges Verständnis dafür entsteht, welche Aufgaben im Homeoffice leistbar sind und welche nicht, sei die Arbeit beider Partner von zu Hause aus von Bedeutung, betont die Forscherin.
Strategie 3: Gerechte Verteilung der Alltagsaufgaben
Die Beraterin für Familien, Katrin Fuchs, stellt oft fest, dass kinderlose Paare eine sehr partnerschaftliche Lebensweise pflegen. „Mit dem Moment der Geburt schlittern sie jedoch oft in eine Spur, die die Gesellschaft uns vorgebahnt hat.“
Oftmals verwenden werdende Eltern viel Energie und finanzielle Mittel auf die Auswahl des passenden Kinderwagens, während das Gespräch über ihre Vorstellungen von Familienleben und Beziehung zu kurz kommt. „Irgendwann stellen Eltern dann fest, dass von der einstigen Gleichberechtigung nicht mehr viel übriggeblieben ist“, erklärt Fuchs. Diese Situation wird für zahlreiche Paare zu einem unlösbaren Problem.
Abhilfe schaffen hier vor allem offene Gespräche und die Transparenz über die anfallenden Tätigkeiten. Ein nützliches Instrument kann eine sogenannte Mental-Load-Liste sein, wie sie beispielsweise der Bundesverband Equal Care auf seiner Webseite bereitstellt. Auf dieser Liste werden alle Tätigkeiten in den Bereichen Haushalt, Kinderversorgung und Angehörigenpflege erfasst, wobei zwischen der Planung und der tatsächlichen Durchführung differenziert wird. Viele dieser Pflichten bleiben häufig unsichtbar. „Das Paar muss darauf hinarbeiten, sie sich fair aufzuteilen“, empfiehlt Fuchs.
Strategie 4: Anzeichen von Überforderung wahrnehmen und handeln
Zahlreiche Familien agieren an der Grenze ihrer Belastbarkeit und empfinden häufig eine starke Überforderung. Die wirksamste Gegenmaßnahme ist die Etablierung von zuverlässigen Abläufen, beispielsweise durch eine eindeutige Verteilung der Arbeitstage. „Weiß ich, ich kann montags und dienstags auf jeden Fall arbeiten, weil mein Partner zuständig ist, wenn die Kita anruft, hilft das enorm“, erläutert Katrin Fuchs.
Fehlen solche Vereinbarungen, ist es in rund 80 Prozent der Fälle die Mutter, die bei einer plötzlichen Erkrankung des Kindes die Betreuung übernimmt. „Vereinbarkeit ist immer ein Geben und Nehmen“, betont Katrin Fuchs. Andernfalls kann die Koordination von Beruf und Sorgearbeit rasch zu einer gravierenden Belastung führen.
Die schwerwiegendste Konsequenz kann ein „Parental Burnout“, auch als „Eltern-Burnout“ bekannt, sein. Zu den Anzeichen gehören unter anderem Schlafprobleme, Migräne, Schmerzen im Rücken- und Schulterbereich sowie ein Zustand der Auszehrung.
„Viele Eltern berichten, dass sich ihr Wesen verändert hat, sie weniger lebensfroh sind und sich selbst nicht wiedererkennen“, so Fuchs. Spätestens bei diesen Signalen müssen Eltern aktiv werden. Eine Analyse der aktuellen Situation ist dann ratsam: Wie ist eine gegenseitige Entlastung möglich? Welche Hilfen gibt es? Bereits eine geringfügige Anpassung kann mitunter eine erhebliche Verbesserung erzielen. (dpa/red)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.