In Sachen LiebeIch möchte unsere Ehe für andere öffnen, mein Mann hat Angst – was tun?

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Symbolbild Affäre Polyamorie Foto: Getty Images/Francesco Carta fotografo

Symbolbild Affäre Polyamorie Foto: Getty Images/Francesco Carta fotografo

Polyamoröse Beziehungen sind gleichzeitige Liebesbeziehungen zu mehreren Menschen. Was tun, wenn sich nur einer in der Beziehung danach sehnt?

Ich bin seit 18 Jahren mit meinem Mann (47) zusammen, und wir haben immer noch eine lebendige Sexualität. Seit einiger Zeit fühle ich mich jedoch sehr zu Frauen hingezogen. Nach langen vertraulichen Gesprächen haben wir uns entschlossen, uns gemeinsam auf ein intimes Erlebnis mit einer Freundin einzulassen. Es war für uns beide aufregend und spannend. Jetzt will ich diese Erfahrung weiter vertiefen, ein befreundetes lesbisches Paar hat mich dazu eingeladen. Meinem Mann geht das aber zu weit. Er fürchtet sich vor dieser Art einer polyamorösen Beziehung. Ida, 45

Katharina Grünewald

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Polyamoröse Beziehungen sind gleichzeitige Liebesbeziehungen zu mehreren Menschen. Die Liebe fließt dabei offen – alle wissen Bescheid, sind darin verbindlich und ehrlich. Polyamorie ist eine andere Form des Liebeslebens und hinterfragt das klassische monogame Paarmodell unserer Gesellschaft. Dabei sind polyamoröse Beziehungen anders als zum Beispiel eine „offene Beziehung“ auf Langfristigkeit ausgelegt. In einer „offenen Beziehung“ gibt es zusätzlich zur Paarbeziehung Raum für „Nur-Sex-Beziehungen“ oder andere Formen der „freien Liebe“.

Das Erlebnis mit Ihrer Freundin sprengt dabei die üblichen Normen der klassischen Paarbeziehung.
Katharina Grünewald

Wie Sie beschreiben, haben Sie eine lebendige Sexualität und können sich darüber mit Ihrem Mann wertschätzend austauschen. Das ist ein starkes Fundament für eine gemeinsame Entwicklung insgesamt, aber besonders auch für Ihre Sexualität. Das Erlebnis mit Ihrer Freundin sprengt dabei die üblichen Normen der klassischen Paarbeziehung. Wenn Sie sich nun mit den befreundeten Frauen ohne Ihren Partner auf eine intime Beziehung einlassen, gehen Sie noch weiter über den monogamen Rahmen hinaus.

Solange ein Paar sich im „Selbstverständlichen“ bewegt, braucht es kaum Worte über Grenzen und was es heißt, verantwortungsvoll mit der Beziehung umzugehen. In der Norm selbst sind implizite Regeln und ein Verhaltenskodex enthalten. Das Paar bewegt sich somit in einem – zumindest scheinbar – sicheren Rahmen.

Dieser Rahmen entfällt, wenn Sie die Zweisamkeit aufgeben und zum Sex eine Freundin mit hinzunehmen oder Sie allein mit zwei Frauen intim sind. Statt sich Ihrer – wie zuvor – sicher sein zu können, kommen bei Ihrem Mann nun womöglich Verlustängste und Eifersucht auf. Wie bringen Sie dann wieder Sicherheit in Ihrer Liebesbeziehung?

Um Fantasien auszuleben, braucht es vertrauliche Gespräche und ein behutsames Miteinander

Ich finde, Ihnen ist ein wesentlicher Schritt schon sehr gut gelungen. Sie schildern ein achtsames Vorgehen durch „vertrauliche Gespräche“: Sie eröffnen dadurch einen intimen, geschützten Raum, in dem alle Empfindungen erlaubt sind und einen Platz haben: zum einen Ihre Sehnsucht nach Intimität mit Frauen, die damit verbundenen Vorstellungen und Fantasien. Zum anderen gehören auch die Ängste und Widerstände hierher. Sie lernen sich noch einmal neu oder anders kennen. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass Ihre Sexualität so lebendig ist. Und wichtig zu wissen ist, dass Faszination und Angst zwei Seiten einer Medaille sind. Sie bekommen das eine nicht ohne das andere.

Ob und was von den Fantasien in die Realität umgesetzt wird, ist das Ergebnis vieler „vertraulicher Gespräche“ und eines achtsamen, behutsamen Miteinanders. Polyamoröse Beziehungen sind immer auch eine Entscheidung für eine bewusste Auseinandersetzung mit sich, den eigenen Bedürfnissen, Ängsten und Mustern. Neben einer hohen Motivation, viel Zeit und Energie, die dafür nötig ist, bedarf es auch an einer ausgeprägten Neugierde auf den Raum der Begegnung.

Ob Sie nun Ihre Sehnsucht weiter ausleben können, wird also davon abhängen, inwieweit Sie es schaffen, die Ängste zu bearbeiten. Da diese oftmals unbewusst sind, ist das schon die Champions League der Beziehungsführung.

Unser Team von Expertinnen und Experten beantwortet Ihre Fragen in der Zeitung. Die Psychotherapeuten Désirée Beumers, Carolina Gerstenberg und Daniel Wagner sowie die Diplom-Psychologinnen Elisabeth Raffauf und Katharina Grünewald sind versiert in der Beratung rund um Liebe, Beziehung und Partnerschaft. Der Urologe Volker Wittkamp kennt sich mit allem aus, was Liebe mit unserem Körper macht – und umgekehrt. Schreiben Sie uns, was Sie in der Liebe bewegt! Ihre Zuschriften werden anonymisiert weitergegeben. Schicken Sie Ihre Frage an: in-sachen-liebe@dumont.de.

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