Streit der WocheSollten wir wieder Samstagsunterricht einführen?

Unterricht am Samstag, um den Präsenzunterricht in Corona-Zeiten zu entzerren – ist das eine gute Idee?
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- Fast fünf Monate lang waren unsere Kinder kaum in der Schule. Zeit, verpassten Lernstoff aufzuholen? Gar am Samstag?
- Eine gute Idee, um Klassen teilen zu können? Oder eine Zumutung für Kinder und Lehrer?
- Unsere Redakteurinnen Alexandra Ringendahl und Isabell Wohlfarth haben unterschiedliche Meinungen dazu. Ein Pro und Contra.
Köln – Samstagunterricht – viele kennen die Sechstage-Woche noch aus ihrer eigenen Kindheit in den 80er Jahren. In Zeiten von Corona taucht er wieder auf – als Vorschlag, um den Schulbetrieb ein wenig zu entzerren. Doch ist das wirklich eine gute Idee? Ja, sagt Alexandra Ringendahl, 50, Redakteurin in der Kölner Lokalredaktion. Sie hat zwei schulpflichtige Kinder (11 und 14 Jahre alt) und findet, Unterricht am Samstag böte die Optionen auf mehr Bildungsgerechtigkeit. Nein, meint Isabell Wohlfarth, 40, Redakteurin im Ressort Familie. Sie hat drei Kinder und ist auch in Corona-Zeiten dankbar, ein Wochenende zu haben. Weil es allen gut tut, wenn mal der Druck raus ist.
Pro: Unterricht am Samstag böte die Optionen auf mehr Bildungsgerechtigkeit
Wie habe ich ihn als Schülerin gehasst, den Samstagsunterricht in den 80ern. Ich als Befürworter einer Sechstage-Woche für meine eigenen Kinder? Noch vor einem halben Jahr unvorstellbar.

Alexandra Ringendahl
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Aber außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen: Die Nationale Akademie für Wissenschaften Leopoldina hat vorgeschlagen, auch den Samstag für Unterricht zu nutzen und dafür von namhaften Virologen Zustimmung geerntet. Eine – freilich strikt auf die Pandemiezeit begrenzte – Ausweitung der Unterrichtswoche hat viele Vorteile: Sie würde erlauben, den Schulbetrieb in Corona-Zeiten zu entzerren. Möglich wären dann halbierte Klassen, die in Schichten in die Schule kommen: Drei Tage in der Woche kommt die eine Hälfte zum Präsenzunterricht , drei Tage die andere. Die Gruppe, die zuhause lernt, wird im Homeschooling mit Aufgaben versorgt. Drei Tage Distanzunterricht wären ein überschaubarer Zeitraum, der das Lernen leichter strukturierbar macht.
Präsenzunterricht mit vollen Klassen ist ein Zumutung für alle
Der doppelte Effekt: Mehr Infektionsschutz und effizienteres Lernen. Wenn nur noch 15 Kinder da sind, kommt mehr Abstand in die Klassen, in denen die Kinder derzeit mit 30 anderen manchmal acht Stunden hinter Masken sitzen. Bei guter Lüftung könnte dann die Maskenpflicht entfallen, womit bei weiter steigenden Fallzahlen sonst realistischerweise nicht zu rechnen wäre. Die erste Woche Schule hat in NRW gezeigt, was Präsenzunterricht mit vollen Klassen bedeutet: Zumutungen für schwitzende Schüler und ganze Gruppen, die kurzfristig in Quarantäne geschickt werden. Planbarer Distanzunterricht ist so unmöglich.
Den Präsenzunterricht so lange wie möglich aufrechterhalten – das ist die Lehre aus dreieinhalb Monaten Distanzunterricht in der Krise, in denen die Lernzeit der Schüler laut einer Studie des Ifo-Instituts um die Hälfte zurückgegangen ist von täglich 7,4 Stunden auf 3,6 Stunden. Mit Samstagsunterricht wäre das ein wenig aufzuholen.
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Außerdem haben viele Lehrer und Schüler vor den Ferien, als zum Teil mit halbierten Klassen unterrichtet wurde, die Erfahrung gemacht, wie entspannt und effizient das Unterrichten plötzlich war. Wie viel individueller auf den einzelnen eingegangen werden kann. Die Klassen sind noch heterogener aus dieser Zeit hervorgegangen. Viele Schüler haben während der Pandemie den Anschluss verloren. Gerade für sie böten Modelle mit zusätzlichem Samstag eine Chance, Lernrückstände gezielt aufzuholen. Samstagsunterricht böte damit Optionen auf mehr Bildungsgerechtigkeit.
Ausbaden müssten die Idee freilich die Lehrer, die durch die Einarbeitung in Technik und Methoden des digitalen Unterrichtens ohnehin eine hohe Zusatzbelastung schultern. Und das an Schulen, die schon jetzt über zu wenig Stellen klagen. Klar ist: Lehrer und Vertretungskräfte müssten für diese Mehrarbeit vom Staat angemessen entlohnt werden. Um derlei Ideen solide umsetzen zu können, bräuchte es: Mehr Wertschätzung für das, was Schulen in der Pandemie leisten, und endlich das auf dem Papier längst versprochene zusätzliche Personal. (Alexandra Ringendahl)
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Contra: Lehrpläne sind niemals wichtiger als das Wohlergehen der Kinder
Ich erinnere mich noch gut an den Samstagsunterricht in meiner Grundschulzeit. Ich habe ihn gehasst. Ich habe einfach nicht verstanden, warum wir nun auch noch am Wochenende in die Schule geschickt wurden. Ich fragte mich: „Waren wir nicht fleißig genug?“
Natürlich befinden wir uns gerade weder in den 80er Jahren noch in einer normalen Zeit. Die Corona-Fallzahlen steigen. Und wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass störungsfreie Normalität auch an Schulen lange nicht möglich sein wird. Es müssen Ideen gefunden werden, wie Lernen gelingen kann. Dennoch: Samstagsunterricht wäre die falsche.

Isabell Wohlfarth
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Denn auch in der Pandemie brauchen Kinder, Eltern und Lehrer ein Wochenende. Eine Zeit, in der Schule im besten Falle komplett ausgeblendet werden kann. Das Wochenende ist unbeschwerter Familienraum. Viele Mütter und Väter müssen nicht arbeiten und haben Zeit zum kuscheln, reden, spielen, Ausflüge machen. Geschwister können sich austauschen, ohne dass sie schon einen anstrengenden Schultag im Nacken haben.
Würde der Samstagsunterricht eingeführt, damit Klassen aufgeteilt und getrennt jeweils drei Tage die Woche unterrichtet werden können, würde das den Familienalltag noch zusätzlich belasten: Berufstätige Eltern hätten wieder ein ernstes Betreuungsproblem. Und das erst recht, wenn es mehrere Kinder in einer Familie gibt, der Sohn etwa montags bis mittwochs und die Tochter donnerstags bis samstags Unterricht hat.
Zusätzlichen Samstagunterricht würden viele Schüler sicher als Bestrafung empfinden
Genauso dringlich ist auch die Frage, wer diese zusätzlichen Unterrichtsstunden denn halten soll. Schon vor Corona beklagte jeder zweite Rektor in NRW in einer Forsa-Umfrage, dass Stellen nicht besetzt werden könnten. Jetzt in der Pandemie fallen etwa 15 Prozent der Lehrkräfte für den Präsenzunterricht aus. Es gibt also noch größere Schwierigkeiten, die Dienstpläne zu füllen. Geht man davon aus, dass es neue Corona-Fälle auch unter Lehrern geben wird, könnte sich die Personalsituation noch weiter verschlimmern.
Bei der Diskussion um Samstagsunterricht sollte man aber vor allem die Situation der Schüler im Blick behalten. Sie nehmen seit Monaten bereits so viele Einschränkungen hin – der Wechsel zwischen wenig angeleitetem Homeschooling und unregelmäßigem Präsenzunterricht, die abgesperrten Schulhöfe, die ausgeweitete Maskenpflicht. Zusätzlichen Samstagsunterricht würden viele Schüler sicher als Bestrafung empfinden. Dabei können die Kinder ja auch nichts dafür.
Die Begründung, dass der zuletzt versäumte Stoff nun aufgeholt und Leistungsanforderungen dringend eingehalten werden müssen, sendet in dieser sowieso unsicheren Zeit eine falsche Botschaft an die Schüler. Natürlich ist es wichtig, dass das Recht auf Bildung garantiert wird und Kinder so viel wie möglich lernen. Aber das ist eben nicht alles, was zählt. Lehrpläne sollten niemals wichtiger sein als das Wohlergehen der Kinder. Es kommt auch darauf an, dass die ohnehin belasteten Familien gut durch diese Zeit kommen. Und dazu gehört eine gemeinsame Pause am Wochenende. (Isabell Wohlfarth)




