Die Landesgartenschau Neuss macht sichtbar, wie nachhaltige Gestaltung Gärten verändert. Ein Ortsbesuch mit dem Kölner Gartenexperten Torsten Brämer.
Landesgartenschau NeussWarum „ein bisschen Schau“ in jedem Garten Platz hat

Kölner Torsten Brämer im Gespräch über naturnahes Gärtnern auf der Landesgartenschau in Neuss.
Copyright: Charlotte Groß-Hohnacker
Herr Brämer, Sie sind auf vielen Gartenschauen für „Wir sind Garten“ unterwegs. Wenn Sie auf die Landesgartenschau in Neuss schauen: Was hebt sie aus Ihrer Sicht von anderen Schauen ab?
Torsten Brämer: Das Besondere ist für mich zuerst der Veranstaltungsort. Eine Landesgartenschau mitten in einer Stadt, das ist baulich sonst kaum möglich. Hier mit der alten Rennbahn gibt es ein tolles Gelände, das ich großartig finde. Und mir ist bei Gartenschauen immer wichtig: Was passiert danach? Idealerweise bleibt etwas dauerhaft erhalten und wird ökologisch sinnvoll weitergenutzt. Genau das soll hier passieren. Das Gelände soll später ein Park für die Menschen werden, die hier leben.
Gartenschauen gelten auch als Trendbarometer. Welche Entwicklungen sehen Sie 2026 besonders deutlich?
Naturnahes Gärtnern steht klar im Vordergrund, und das sieht man hier auf der Landesgartenschau sehr deutlich. Nachhaltigkeit spielt eine große Rolle. Sowohl in der Gestaltung als auch in der Pflege: Wie kann man ressourcenschonend arbeiten? Dazu kommen weitere Trends, etwa die Nutzung alternativer Energieformen. In einem der Schaugärten wird zum Beispiel gezeigt, wie Photovoltaik oder Balkonkraftwerke im Garten oder auf dem Balkon eingesetzt werden können.
Sehr wichtig ist auch das Kreislaufgärtnern. Auch dazu gibt es einen Schaugarten, der zeigt, wie es funktioniert. Die Idee ist, möglichst kein Material aus dem Garten herauszubringen, nicht so wie früher, als alles abgeschnitten und zur Deponie gefahren wurde. Stattdessen bleibt das Material vor Ort. Ich habe eine schöne Totholzhecke gesehen, ein gutes Beispiel dafür. Das Holz verrottet, wird zu wertvollem Humus und kann wieder für Pflanzen genutzt werden. So entsteht eine echte Kreislaufwirtschaft im Garten, etwas, das wir alle anstreben sollten.
Dafür braucht es allerdings ein neues Verständnis vom Gärtnern. Die kurz gemähte Wiese ist ökologisch nicht besonders sinnvoll und tritt etwas in den Hintergrund. Stattdessen geht es mehr um Blumenwiesen und um heimische Pflanzen.
Viele Menschen hängen an ihrem klassischen Rasen und möchten keine Kleeblätter oder Wildkräuter dazwischen. Was sagen Sie denen, die sich mit mehr Natur im Garten schwertun?
Die Mischung macht es am Ende aus. Die Frage ist immer: Wofür nutze ich meinen Garten? Wenn ich Kinder oder Haustiere habe, brauche ich natürlich eine Fläche Rasen zum Spielen. Ein Stück Rasen ist also völlig in Ordnung, aber daneben sollte es eine wilde Ecke geben, in der auch mal Brennnesseln wachsen dürfen oder das Gras etwas höher stehen bleibt.

So könnte eine Baustelle der Zukunft aussehen. Der Ausstellungsbeitrag zeigt, die Potenziale neuer digitaler Planungs- und Fertigungstechnologie.
Copyright: Charlotte Groß-Hohnacker
Ein wichtiger Tipp: den Rasen nicht immer komplett auf einmal mähen. Besser ist es, Teilflächen stehen zu lassen und an anderer Stelle zu schneiden. So entsteht sofort mehr Biodiversität, weil Insekten bleiben können, die sonst keinen Lebensraum hätten. Gerade heimische Pflanzen können den Garten zudem sehr bunt machen und klare Strukturen schaffen. Das ist ökologisch sinnvoll und sieht zudem auch noch gut aus.
Wenn wir über heimische Pflanzen sprechen – was verstehen Sie darunter konkret?
Heimische Pflanzen sind Arten, die hier schon sehr lange vorkommen und nicht von uns Menschen eingeschleppt wurden. Eingeschleppte Arten nennt man Neophyten, einige von ihnen können invasiv werden. Ein bekanntes Beispiel ist der Sommerflieder, der inzwischen stark kritisiert wird, oder der Kirschlorbeer, den viele früher gerne im Garten hatten. Solche Pflanzen können, wenn man nicht aufpasst, heimische Arten in der freien Natur verdrängen.
Heimische Pflanzen dagegen sind erwünscht. Unsere Insekten sind an sie angepasst, und sie kommen gut mit unserem Klima, der Hitze und der Trockenheit zurecht. Dadurch muss ich mich weniger um sie kümmern: kaum düngen, wenig gießen, und ich spare Ressourcen. So wird das Gärtnern wieder grüner, und das funktioniert sogar auf dem Balkon im Kübel.
Haben Sie ein Beispiel für Pflanzen, die sich gut auf dem Balkon oder im Kübel halten und gleichzeitig ökologisch sinnvoll sind?
Eine meiner liebsten Pflanzen ist der Natternkopf. Er wurde in diesem Jahr sogar zur Wildpflanze des Jahres gewählt. Er blüht an langen Stielen, ist sehr insektenfreundlich, hat schöne Blüten und kommt zuverlässig wieder.
Eine weitere Pflanze, die fast jeder kennt, deren Wert aber vielen nicht bewusst ist: der Löwenzahn. Er ist eine der nützlichsten Pflanzen im Garten. Seine tiefe Wurzel lockert den Boden und holt Nährstoffe aus tieferen Schichten nach oben. Blätter und Blüten kann man sogar essen, zum Beispiel im Salat. Auch Tiere wie Kaninchen mögen ihn, und Wildbienen finden dort Nahrung.
Es gibt die Mär, dass ein Garten nur noch aus Löwenzahn besteht, wenn man ihn stehen lässt. Das stimmt nicht. Löwenzahn blüht nur in bestimmten Phasen und schafft danach Platz für andere Pflanzen. Deshalb sollte man ihn nicht entfernen, sondern wachsen lassen. Eine bunte Wiese ist das Ziel.
Wenn Sie als Experte über das Gelände gehen: Auf welche Bereiche oder Schaugärten haben Sie sich besonders gefreut?
Ich habe mich besonders auf die Beiträge der Garten- und Landschaftsbauer gefreut, weil sie hier sehr innovative Ideen zeigen. Die Qualität ist hoch, vieles könnte ich mir privat gar nicht leisten, aber das ist auch nicht der Anspruch. Für mich ist wichtig zu sehen, wie etwas umgesetzt wurde und welche Ideen man für den eigenen Garten mitnehmen kann.

„Der ohne Beton“: Eine alte Baumwurzel stellt einen Springbrunnen dar, mit ‚Fontänen‘, ebenfalls aus Holz und Pflanzen.
Copyright: Charlotte Groß-Hohnacker
Was ich allerdings kritisch sehe, sind die vielen Stabmattenzäune mit Plastikeinschüben. Hier gibt es einen Garten, den Garten ohne Beton, der zeigt, dass man mit einfachen Holzstielen genauso guten Sichtschutz schaffen kann – nur eben natürlich. Solche Beispiele finde ich großartig.
Sehr gelungen finde ich auch den landwirtschaftlichen Bereich, auch für Kinder. Die Schau bietet viele spannende Themen für ganz unterschiedliche Zielgruppen.
Nordrhein-Westfalen hat in den kommenden Jahren viele Gartenschauen geplant. Welche Rolle spielen diese Veranstaltungen aus Ihrer Sicht für die Region und für die Gartenkultur insgesamt?
In Nordrhein-Westfalen stehen in den nächsten Jahren viele Gartenschauen an. Jetzt die Schau in Neuss, im kommenden Jahr die Internationale Gartenschau im Ruhrgebiet, danach die Landesgartenschau in Kleve und anschließend die Bundesgartenschau in Wuppertal. NRW hat also ein dichtes Programm. Und ich denke, in jedem Garten findet sich ein kleiner Platz für ein bisschen „Schau“. Am Ende ist es genau diese Vielfalt der Gärten, die auch die Artenvielfalt stärkt.
Torsten Brämer ist Gründer von „Wir sind Garten“, der größten deutschsprachigen Online-Garten-Community mit mehr als einer Million Followern in den Sozialen Medien.
