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Alzheimer-MedikamentWas der Rückschlag von Lecanemab für die Arbeit an der Uniklinik Köln bedeutet

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ARCHIV - 17.11.2020, Bayern, Krailling: Eine Bewohnerin eines Altenheims spielt auf einer Pflegestation das Spiel «Memory» und legt Kartenpaare zusammen. (zu dpa: «Antikörper Lecanemab: Wie er wirkt und wem er helfen kann») Foto: Sven Hoppe/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Lecanemab ist der erste Wirkstoff, der direkt gegen die Eiweißablagerungen im Gehirn vorgeht, die das Erinnern schleichend angreifen.

Der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken sieht keinen relevanten Zusatznutzen. Was nun?

Professor Özgür Onur, Leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie an der Uniklinik Köln, trägt die Nachricht mit Fassung: „Ganz überraschend ist das nicht.“ Während bundesweit viele Familien mit Alzheimer-Patienten erschrocken auf den Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G‑BA) reagieren, der dem neuen Hoffnungsträger Lecanemab keinen Zusatznutzen gegenüber anderen Medikamenten bescheinigt, spricht der Neurologe von einer Entwicklung, die sich abgezeichnet habe.

„Auch in anderen europäischen Ländern wie den Niederlanden, Frankreich oder Großbritannien gibt es kritische Stimmen“, sagt Onur. Überall ringe man mit derselben Frage: Können die Gesundheitssysteme ein Medikament bezahlen, das pro Jahr um ein Hundertfaches teurer ist als die herkömmlichen Mittel? Dass der G‑BA in Deutschland besonders kritisch bewerten würde, sei ohnehin klar gewesen. Die Grundlage für die Entscheidung war eine Analyse des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG). Dessen Methodik sei „sehr streng“, so Onur. Das Gremium habe die Patientengruppen feiner aufgeteilt als das in den Studien zuvor der Fall gewesen sei: Wer etwa leichte kognitive Störungen hatte, wurde aus dem Vergleich gestrichen, sobald er – entgegen der Leitlinie – mit Acetylcholinesterase-Hemmern behandelt worden war.

Am Ende seien kleine Subgruppen übriggeblieben. Der Effekt des Wirkstoffs, der in größeren Studien sichtbar gewesen sei, „war zwar noch zu sehen“, wie Onur sagt „er war aber statistisch nicht mehr signifikant messbar. Letztlich wurde nicht bewiesen, dass Lecanemab keinen Zusatznutzen hat – es konnte nur kein Zusatznutzen bewiesen werden.“ Lecanemab eignet sich nur für Patientinnen und Patienten in der allerersten Krankheitsphase, die eine Vielzahl an Tests bestehen – und nicht zwei Kopien des ApoE4-Gens tragen dürfen.

Özgür Onur

Professor Özgür Onur ist Leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie an der Uniklinik Köln

Für die einigen hundert Menschen in Deutschland, die Lecanemab derzeit tatsächlich erhalten – Onur spricht von einer mittleren dreistelligen Zahl – bedeute der Beschluss vor allem eines: „Verwirrung und Verunsicherung“. Viele Betroffene hätten die Nachricht wie einen Rückschlag empfunden, manche als Warnsignal, dass ihre mühsam organisierte Therapie womöglich schon bald entfällt. Onur hat seitdem die der Nachricht sich verbreitet hat deshalb schon viel Aufklärungsarbeit leisten müssen. Und Entwarnung gegeben: „Direkte Auswirkungen auf ihre Behandlung hat die Entscheidung erst einmal nicht.“

In Köln jedenfalls bleibt erst mal alles beim Alten. Die Uniklinik Köln wird weiter behandeln, weiter neue Patientinnen und Patienten aufnehmen und weiter Infusionen verabreichen. Ein Rückzug des Medikaments vom Markt sei aktuell nur ein Szenario – wenn auch kein komplett unrealistisches. Denn der G‑BA-Beschluss ist ein Preisdämpfer, für den Hersteller möglicherweise ein schmerzhafter.

Ein Medikament, das Zeit schenkt

Lecanemab war ein Versprechen. Seit dem 1. September 2025 ist der Wirkstoff unter dem Handelsnamen Leqembi in Deutschland auf dem Markt – der erste, der direkt gegen die Eiweißablagerungen im Gehirn vorgeht, die das Denken schleichend ersticken. Das Mittel kann den Verlauf der Krankheit in der Frühphase etwas verlangsamen. Es heilt nicht, aber es schenkt Zeit. Und gerade Zeit ist etwas, auf das Alzheimer-Patienten dringend hoffen.

Doch das neue Medikament kostet rund 25.000 Euro pro Jahr. Die älteren Präparate, die lediglich Symptome lindern, liegen bei etwa 250 Euro jährlich. Eine Differenz, die selbst in einem stabilen Gesundheitssystem Sprengkraft hat. „Der Hersteller wird diesen Preis niemals auf das Niveau der anderen Mittel senken können“, sagt Peter Berlit, der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

Gelingt die Einigung nicht, kann die Firma das Mittel vom Markt nehmen

Der G‑BA-Beschluss könnte Lecanemab deshalb in Deutschland den Boden unter den Füßen wegziehen. Denn fehlt der belegte Zusatznutzen, darf das neue Medikament kaum teurer sein als die alten. Die gesetzliche Krankenversicherung ist an dieses Prinzip gebunden. Sechs Monate haben die Kassen und der Hersteller nun Zeit, sich zu einigen. Gelingt es nicht, kann die Firma das Mittel vom deutschen Markt nehmen.

Ein Markt-Aus würde an den Patientinnen und Patienten nicht spurlos vorübergehen. Wer Lecanemab bereits erhält, könnte früher als geplant auf andere Präparate umgestellt werden. Einige Kliniken – schon jetzt skeptisch wegen des immensen personellen und technischen Aufwands – könnten das Angebot weiter reduzieren. Die Infusionen dauern halbe Tage, alle zwei Wochen, dazu kommen MRTs, Tests, Laboruntersuchungen. „Man muss das wollen – als Patient und als Behandler“, sagt Jörg Schulz Direktor der Klinik für Neurologie und Sprecher der Kommission Demenzen der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

Doch ganz verschwinden würde Lecanemab nicht. Studienzentren könnten weiterhin über Drittmittelprogramme behandeln. Private Krankenversicherungen könnten unter Umständen zahlen. Selbstzahler bekämen das Mittel weiterhin über internationale Apotheken. G-BA-Chef Josef Hecken versucht zu beruhigen. „Kein Zusatznutzen bedeutet nicht, dass der Wirkstoff nutzlos ist“, sagt er. Häufig seien Medikamente später erneut bewertet worden – mit besseren Daten und dann einem anerkannten Vorteil. Die Türen bleiben also offen.

Lecanemab ist ein wichtiger Schritt. Die Forschung hat dadurch deutlich Fahrt aufgenommen
Özgür Onur, Leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie an der Uniklinik Köln

Für Onur ist Lecanemab ohnehin mehr als die Summe seiner Studienergebnisse. „Es ist ein wichtiger Schritt“, sagt er. „Die Forschung hat dadurch deutlich an Fahrt aufgenommen.“ Dass die Wirkung schwer messbar sei, liege in der Natur der Krankheit. In einem frühen Stadium der Alzheimer-Erkrankung kann Lecanemab das Fortschreiten der Krankheit um etwa 30 Prozent verlangsamen, aber Nervenzellen, die bereits verloren sind, lassen sich nicht mehr zurückgewinnen. Seit September sei zu wenig Zeit vergangen, und wer eine Verlangsamung des Verfalls behandle, habe per Definition keinen klaren Vergleich. „Man weiß nie, wie es ohne die Therapie gewesen wäre“, sagt Onur. Aber das sei kein Argument gegen das Medikament – eher eines für mehr Forschung.

Bereits Mitte April fällt die nächste Entscheidung: Dann wird der G‑BA das zweite Alzheimer-Mittel auf dem deutschen Markt bewerten, Donanemab. Auch hier sieht das IQWiG bislang keinen Zusatznutzen. Onur sagt, das Medikament wirke nach dem selben Prinzip und die Forschungsergebnisse ähnelten denen von Lecanemab.

Onur hofft auf einen Kompromiss. Die Preisverhandlungen könnten hart werden, aber am Ende, sagt er, „ist ein Rückzug äußerst selten“. Die Hersteller hätten ein Interesse, auf dem Markt zu bleiben. Und vielleicht sei ein niedrigerer Preis am Ende sogar ein Vorteil: „Das Gesundheitssystem könnte profitieren.“ (mit dpa)