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Psychotheraphie„Fragen, die ich mir selbst nicht stelle“

7 min
Depression

Jeder zehnte Mensch auf der Welt leidet unter Depressionen laut Schätzungen der WHO. (Symbolbild)

Psychotherapie kann unsere Weltsicht ändern, sagt Dipl.-Psychologe Michael Broda. Er ist Psychotherapeut und Autor (zuletzt: „Wegweiser Psychotherapie“). Ein Gespräch über nützliche Symptome und andere Zumutungen.

Herr Broda, wie soll Psychotherapie überhaupt helfen – man redet ja nur?Das stimmt. Aber indem ich versuche, jemandem mein Problem begreiflich zu machen, kann sich einiges verändern. Der Gesprächspartner muss ja erstmal verstehen, was da in meinem Kopf oder in meinem Verhalten abläuft, und indem er dazu Fragen stellt, die ich mir selbst nicht gestellt habe, kommt bei mir etwas in Bewegung.

Was denn?Ich schaue plötzlich neu auf mein Problem und denke anders darüber. Auch meine eingefahrenen Handlungsmuster werden verunsichert, und ich muss neue entwickeln. Das ist der Effekt von Psychotherapie.

Kann darüber reden Problem nicht größer machen?Das stimmt. Deshalb ist es manchmal auch falsch, eine lange Psychotherapie zu machen. Ich versuche bei manchen Patienten daher, bestimmte Themen einfach ruhen zu lassen, mit denen sie einigermaßen klarkommen. Ich habe nicht den Anspruch, alles aufzuarbeiten. Da muss ich als Therapeut genau den Grad erwischen: Wie wenig ist verantwortbar und wie viel ist zumutbar für den Patienten?

Michael Broda

Weil Problemgespräche auch eine Zumutung sein können?Weil ich möchte, dass der Patient möglichst schnellen Erfolg spürt und nicht erstmal in ein großes Bearbeitungs-Loch fällt.

Wie lange soll eine Therapie Ihrer Meinung nach höchstens dauern?Faustregel ist: So lange wie nötig und so kurz wie möglich. Meine Frau und ich haben in unserer Praxis zum Beispiel viele Patienten, die mit 15 Sitzungen gut behandelt sind. Es gibt aber auch welche, die fast lebenslang Bedarf an Unterstützung haben. Das ist wie bei anderen Krankheiten auch es gibt Akutpatienten und Chroniker.

Wer sich zu einer Therapie entschließt, steht oft vor einem Problem: Von „Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie“ über „Systemische Therapie“ bis „Psychoanalytische Gesprächspsychotherapie“ gibt es zahlreiche Richtungen, die sich nicht nur im sperrigen Namen unterscheiden. Wie finde ich für mich und mein Problem die passende?

Da kann ein Blick in die Leitlinien helfen, die man auch online findet. Die Kommissionen, die sie erarbeitet haben, haben die jeweils aktuellste Studienlage analysiert und geschaut, welche Erfolge welche Arten von Psychotherapie bei bestimmten Störungsbildern haben. Was aber mindestens genauso entscheidend ist, ist die Beziehung zwischen Therapeut und Patient. Wenn die gut ist, ist die Richtung wahrscheinlich nicht das Entscheidende – zumal die meisten Therapeuten in mehreren Verfahren ausgebildet sind.

Woran erkennt man denn, ob man einen guten Therapeuten hat?Man muss sich ernstgenommen fühlen und den Eindruck haben, dass der Therapeut zuhört und die richtigen Fragen stellt. Also Fragen, die einem im Alltag nicht gestellt werden.

Sie schreiben in Ihrem Buch, Psychotherapie suche – anders als die Medizin – nicht nach Ursachen für eine Störung, sondern nach Zusammenhängen. Was ist der Unterschied?

Nehmen wir einen Kopfschmerz-Patienten. Wenn ich ihn nach Ursachen untersuche, kann ich ihn zum Beispiel in den Computertomografen legen oder seinen Speiseplan auf bestimmte Nahrungsmittel analysieren, die die Schmerzen womöglich auslösen. Schaue ich nach Zusammenhängen, frage ich: In welchen Situationen taucht der Schmerz auf? Ich lasse ihn protokollieren, was er in bestimmten Situationen gedacht oder gefühlt hat. Und ich versuche, ein Muster zu finden. Wenn es eines gibt, heißt das aber nicht, dass die Familie oder sein Chef oder sonst jemand Schuld ist an seinen Kopfschmerzen. Sondern einfach, dass es Zusammenhänge gibt. Ganz wertfrei.

Und wie geht es dann weiter?Als nächstes versuchen wir herauszufinden: Was passiert eigentlich, wenn man diese Zusammenhänge verändert? Wenn ich den Patienten zum Beispiel aus seinem sozialen Umfeld herausnehme und ihm eine Reha-Maßnahme empfehle. An diesem Punkt ist Psychotherapie ein forschendes Herantasten. Da geht es zum Beispiel auch um die Frage: Welche Funktion hat ein Symptom für den Patienten? Was bringt es ihm?

Was könnte das sein? Früher sagte man dazu Krankheitsgewinn, aber das Wort ist furchtbar, denn der Betroffene leidet ja trotzdem. Eine Funktion könnte sein, dass jemand etwas nicht mehr leisten muss. Zum Beispiel ein Schüler, der wegen starker Kopfschmerzen am Morgen den elterlichen Segen erhält, der Schule fernzubleiben.

.. und die Schmerzen deshalb simuliert?Nein, er hat die Schmerzen tatsächlich, er fühlt sie. Sie werden immer auftreten, wenn er ein bestimmtes Problem nicht lösen kann. Indem er sich aber auf die Schmerzbekämpfung fokussiert, wird er nicht dazu befähigt, sein Problem zu lösen, sondern er bleibt in der passiven Symptomhaltung. So haben viele Symptome eine Funktion, die Menschen kurzfristig Erleichterung bringen, aber auf lange Sicht Nachteile haben.

Viele können sich wohl nur schwer vorstellen, dass psychische Ursachen tatsächlich reale Schmerzen verursachen können.Ist aber so. Gerade Schmerz ist ein unglaublich komplexes System. Er wird beeinflusst durch Motivation, Stimmung und Interessenlage. Wir können zum Beispiel unsere Aufmerksamkeit so lenken, dass wir Schmerz nicht oder weitaus weniger wahrnehmen. Auch das ist eine Möglichkeit der Therapie.

Haben psychische Erkrankungen eigentlich zugenommen oder ist nur das Wissen darüber in der Gesellschaft gewachsen?Es gibt die These: Wenn Menschen keine materiellen Sorgen mehr haben, entwickeln sie eher psychische Probleme. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich denke eher, dass sich in der Forschung viel getan hat und Psychotherapie heute eine der wirkungsvollsten nachgewiesenen Therapiemaßnahmen im gesamten medizinischen Bereich ist. Das wissen auch Ärzte, die heute immer öfter an Psychotherapeuten überweisen. Aber auch die Einstellung in der Bevölkerung hat sich verändert. Heute sind viel mehr Menschen bereit, über psychische Probleme zu reden.

Was dazu geführt hat, dass Therapieplätze rar sind.Das ist furchtbar, aber politisch gewollt. Als man 1998 das Psychotherapeutengesetz eingeführt hat, hat man gesagt: Die Therapeuten, die jetzt im System sind, decken den Bedarf zu 100 Prozent. Das hat schon damals nicht gereicht und reicht heute allemal nicht.

Wenn man sich nicht sicher ist, den richtigen Therapeuten zu haben: Kann man bei mehreren eine Probestunde machen?Kann man. Mein Rat wäre aber: Wenn man sich bei einem aufgehoben fühlt, nicht noch fünf weitere zu testen. Das ist zwar rechtlich möglich, aber bei der Knappheit der Plätze nicht wirklich angesagt.

Wann, wer, wo? Tipps für Therapie-Interessierte

Wann ist eine Psychotherapie ratsam?

Wer von seelischen Problemen geplagt wird und sie allein nicht bewältigen kann, sollte sich nicht scheuen – ebenso wie bei körperlichen Erkrankungen – nach professioneller Hilfe zu suchen. Eine Voraussetzung für die Diagnose einer psychischen Krankheit ist der Leidensdruck. Je größer die Motivation, sich mit seinen Problemen auseinanderzusetzen, desto eher schlägt eine Therapie an.

Welche Verfahren gibt es?

Es gibt sehr unterschiedliche psychotherapeutische Schulen – einige davon stellen wir in den nächsten Wochen in unserer Serie vor. Interessierte sollten wissen, dass sich die Verfahren sowohl hinsichtlich ihres Verständnisses der Entstehung von psychischen Krankheiten als auch im Therapiekonzept unterscheiden. Von den gesetzlichen Kassen werden zur Zeit nur drei Richtungen erstattet: die Verhaltenstherapie, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die analytische Psychotherapie.

Wer ist wer?

Psychotherapeut, Psychiater, Psychologe – wer Therapie sucht, muss sich durch einen Berufsbezeichnungs-Dschungel kämpfen. Wir sorgen für Durchblick:

Ein Psychotherapeut übt Psychotherapie aus. Das kann entweder ein Psychologe („Psychologischer Psychotherapeut“) oder ein psychotherapeutisch tätiger Mediziner sein: Beide dürfen Kinder, Jugendliche und Erwachsene behandeln. Den Titel darf aber auch ein Pädagoge führen, der für die Therapie von Kindern und Jugendlichen ausgebildet ist. Alle drei haben zusätzlich zu ihrem „Grundberuf“ eine psychotherapeutische Zusatzausbildung abgeschlossen.

Ein Psychiater ist ein Facharzt für seelische Erkrankungen. Psychiater haben Medizin studiert und gehen von der körperlichen Seite an psychische Probleme heran, sie verordnen also zumeist Medikamente. Erst eine psychotherapeutische Zusatzausbildung berechtigt einen Psychiater, auch Psychotherapie auszuüben und neben seinem Facharzttitel die Zusatzbezeichnung „Psychotherapie“ zu führen.

Wer an der Hochschule das Fach Psychologie abgeschlossen hat, darf sich Psychologe nennen. Nach Abschluss des Studiums kann ein studierter Psychologe eine drei- bis fünfjährige psychotherapeutische Ausbildung anschließen. Erst danach darf er sich Psychologischer Psychotherapeut nennen, erhält eine Approbation und darf Menschen in eigener Praxis behandeln. Anders als Psychiater dürfen Psychologische Psychotherapeuten keine Medikamente verordnen, weshalb sie oft mit Ärzten zusammenarbeiten.

Wo finde ich einen Therapeuten?

Einen Fahrplan zur Therapeutensuche samt Adressen findet man auf einer Webseite des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen:www.psychotherapiesuche.de

Adressen von Psychotherapeuten in Köln und der Region findet man auch auf den Seiten der Psychotherapeutenkammer NRW: goo.gl/j0yPlb