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Durst als AlarmsignalWarum unser Körper uns warnt – und wir ihn oft überhören

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Der Ruf des Körpers: Durst als eine der grundlegendsten Botschaften sollte man unbedingt ernst nehmen und ihr nachkommen. . RND

Der Ruf des Körpers: Durst als eine der grundlegendsten Botschaften sollte man unbedingt ernst nehmen und ihr nachkommen. . RND

Voller Terminkalender, Sommerhitze, immer in Bewegung – und plötzlich: Kopfdruck, Schwindel, nachlassende Konzentration. Was unser Körper uns damit sagen will? Wir verraten es.

So unspektakulär beginnt oft das, was unser Körper eigentlich sehr klar kommuniziert. Denn Wasser ist kein Detail unseres Alltags, es ist unsere Grundlage. Mehr als die Hälfte unseres Körpers besteht daraus. Jede Zelle, jedes Organ, jeder Stoffwechselprozess ist auf ausreichend Flüssigkeit angewiesen. Fehlt sie, gerät dieses fein abgestimmte System aus dem Gleichgewicht. Und das spüren wir schneller, als uns oft bewusst ist.

Bereits ein moderates Flüssigkeitsdefizit wirkt sich auf unsere Leistungsfähigkeit aus: Der Stoffwechsel arbeitet langsamer, das Blut wird „dicker“, der Kreislauf muss mehr leisten. Muskeln ermüden schneller, das Gehirn reagiert träger. Was sich zunächst wie ein ganz normaler Durchhänger anfühlt, ist physiologisch betrachtet häufig nichts anderes als Flüssigkeitsmangel.

Körper kann Wasser nicht auf Vorrat speichern

Dabei ist der tägliche Verlust an Flüssigkeit erstaunlich konstant. Selbst ohne körperliche Anstrengung und bei gemäßigten Temperaturen scheiden wir rund zwei Liter über die Haut, über die Atmung, über den Urin aus. Und genau hier liegt das Problem: Unser Körper kann Wasser nicht auf Vorrat speichern. Er ist darauf angewiesen, dass wir kontinuierlich nachliefern.

Eigentlich verfügt er dafür über ein ausgeklügeltes Warnsystem. Im Gehirn, genauer im Hypothalamus, sitzen spezialisierte Sensoren, sogenannte Osmo- und Barorezeptoren. Sie registrieren feinste Veränderungen im Wasserhaushalt: Steigt die Konzentration von Salzen im Blut oder sinkt das Blutvolumen, wird ein Signal ausgelöst. Dieses Signal kennen wir als Durst. Durst ist also kein Zufall, sondern das Ergebnis eines hochsensiblen Regulationssystems, das darauf ausgerichtet ist, die innere Balance, die sogenannte Homöostase, zu sichern.

50 Prozent erreichen empfohlene Trinkmenge nicht

Und doch zeigt sich im Alltag ein anderes Bild: Viele Menschen trinken zu wenig. Studien belegen, dass etwa die Hälfte der Bevölkerung die empfohlene Trinkmenge nicht erreicht. Besonders in Phasen, in denen wir gedanklich stark eingebunden sind, wird das Trinken schlicht vergessen.

Hinzu kommt, dass sich dieses Warnsystem im Laufe des Lebens verändert. Das Durstgefühl wird weniger zuverlässig, manchmal bleibt es ganz aus. Die Gründe dafür sind vielfältig und greifen ineinander: Die Sensibilität des Durstzentrums im Gehirn nimmt ab, hormonelle Steuerungsmechanismen verändern sich, die Nieren arbeiten weniger effizient, und der Anteil an Körperwasser sinkt, weil Muskelmasse abgebaut und durch Fettgewebe ersetzt wird. Das Ergebnis ist tückisch: Der Bedarf an Flüssigkeit besteht weiterhin, doch das Signal, das uns daran erinnert, wird schwächer.

Gerade deshalb lohnt es sich, die Mechanismen dahinter zu verstehen. Wasser erfüllt im Körper weit mehr als nur eine Transportfunktion. Es reguliert die Körpertemperatur, sorgt für den Abtransport von Stoffwechselprodukten, hält das Blutvolumen stabil und beeinflusst damit direkt den Blutdruck. Sinkt der Wassergehalt im Blut, erhöht sich seine Viskosität – es wird zähflüssiger. Das erschwert den Fluss durch die Gefäße und zwingt das Herz, stärker zu arbeiten. Gleichzeitig kann ein zu geringes Blutvolumen dazu führen, dass der Blutdruck abfällt und die Versorgung von Organen beeinträchtigt wird.

Trinken in den Alltag einbauen

Eine hilfreiche Orientierung bietet eine einfache Faustformel: Rund 30 Milliliter Wasser pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag gelten als solide Grundlage. Doch diese Zahl ist kein starres Gesetz, sondern ein Rahmen, der durch äußere Faktoren wie Temperatur, Bewegung oder gesundheitliche Situationen angepasst werden muss.

Entscheidend ist weniger die exakte Menge als das Verhalten im Alltag. Denn Trinken braucht einen Rhythmus. Fünf Impulse für einen stabilen Wasserhaushalt:

  1. Verlassen Sie sich nicht auf Ihren Durst: Er ist ein spätes Signal. Wenn er sich meldet, besteht bereits ein Defizit. Wer regelmäßig trinkt, bevor dieses Gefühl entsteht, hält seinen Körper im Gleichgewicht.
  2. Geben Sie dem Tag einen flüssigen Start: Nach der Nacht ist der Körper leicht dehydriert. Ein großes Glas Wasser am Morgen bringt Kreislauf und Stoffwechsel sanft in Bewegung und setzt einen ersten, wichtigen Impuls.
  3. Denken Sie in Intervallen, nicht in Mengen: Große Trinkmengen auf einmal kann der Körper nur begrenzt verwerten. Sinnvoller ist es, die Flüssigkeitszufuhr über den Tag zu verteilen.
  4. Nutzen Sie Ihre Umgebung als Erinnerung: Ein Glas Wasser in Sichtweite, eine Flasche auf dem Tisch – solche einfachen Maßnahmen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass wir trinken.
  5. Nehmen Sie subtile Signale ernst: Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Kopfschmerzen oder ein trockener Mund sind häufig erste Hinweise. Wer sie früh wahrnimmt, kann gegensteuern.

Am Ende bleibt eine einfache Erkenntnis: Unser Körper spricht mit uns – leise, aber präzise. Durst ist eine seiner grundlegendsten Botschaften. Ihn ernst zu nehmen bedeutet bewusster mit dem umzugehen, was uns jeden Tag trägt.

Ingo Froböse ist emeritierter Professor für Prävention und Rehabilitation im Sport an der Deutschen Sporthochschule Köln. In seiner Kolumne „Je oller, je doller“ gibt er jeden ersten Montag im Monat Tipps, wie man fit, agil und aktiv auch im (hohen) Alter bleibt.