Professor Maio, Sie beklagen, der Medizin sei der Respekt gegenüber natürlichen Grenzen abhanden gekommen. Aber ist es nicht gut, dass die Medizin Grenzen verschiebt? Sonst würden wir womöglich nicht miteinander reden, weil wir bereits an einem Virus gestorben wären ...
GIOVANNI Maio Natürlich ist das gut. Der Mensch ist ja kein reines Naturwesen, das sich einfügen muss in die Welt, wie sie ist. Er hat Vernunft, um sie zu gestalten, und das macht die Medizin. Mein Buch ist aber auch keine platte Medizinkritik, sondern ein Appell zu mehr Besonnenheit im Umgang mit Grenzen.
Wie wäre denn eine Medizin, die besonnen mit Grenzen umgeht?
Maio Besonnenheit bedeutet, eine Balance zu finden zwischen dem Machenkönnen und dem Annehmenlernen. Es geht um Gleichgewicht, nicht um Schicksalsergebenheit. Wir müssen sehen, dass wir Möglichkeiten haben, aber wir dürfen nicht jede Grenze als reines Hindernis betrachten. Grenzen können auch heilsam sein.
Giovanni Maio ist Arzt, Philosoph und Professor für Bioethik.
Er leitet das Institut für Ethik
und Geschichte der Medizin an
der Uni Freiburg und ist Mitglied verschiedener Ethikkommissionen.
Was wäre zum Beispiel eine heilsame Grenze, was ein Hindernis, das man überspringen sollte?
Maio Es gibt viele Grenzen, die wir als wertvoll anerkennen sollten. Die Grenze unserer natürlichen Lebenszeit zum Beispiel. Einerseits leiden wir natürlich am Vergehen der Zeit, andererseits ist genau das auch unsere Rettung. Gerade die Begrenztheit ist es ja, die unserem Leben Sinn und Tiefe verleiht. Eine andere Grenze ist die des Unverfügbaren: Jeder Mensch hat das Bedürfnis, sich selbst als unverfügbar zu betrachten. Das Ungeborene etwa ist eine Überraschung. Wir sollten es – trotz Reproduktionsmedizin und Pränataldiagnostik – nicht als etwas betrachten, dass wir uns aussuchen können. Wir brauchen diese Grenze des Verfügbaren, um uns als freie Menschen zu empfinden.
Und was heißt das am Ende des Lebens? Sollte der Krebspatient sich einfach in sein Schicksal fügen?
Maio Natürlich ist es vernünftig Methoden zu suchen, die einen Tumor besiegen können. Es wäre irrational, diese Grenzen nicht überschreiten zu wollen. Aber: Es wäre genauso irrational zu meinen, dass wir auf Krebs bis zum Tode nur mit Bekämpfen reagieren müssen.
Sondern?
Maio Wenn die Medizin nicht besonnen mit dem Bekämpfen umgeht, sorgt sie dafür, dass sich der Patient auf diese technische Lösung versteift – und dabei verlernt, mit dem Krebs zu leben. Solange die Medizin nur Machbarkeit predigt, versäumt sie, den Patienten dazu zu befähigen, die Krankheit – auch wenn sie unheilbar ist – zu bewältigen. Hier muss die Medizin ehrlich sein: Wenn sie aus Studien weiß, dass selbst mit Chemotherapie nicht viel zu erreichen ist, muss sie mit dem Patienten sprechen und ihm verdeutlichen, dass er auch im Angesicht der Unheilbarkeit innere Ressourcen hat, die er mobilisieren muss, um die verbleibende Zeit mit dem zu füllen, was ihm wichtig ist.
Giovanni Maio: „Medizin ohne Maß? Vom Diktat des Machbaren zu einer Ethik der Besonnenheit“, Trias, 224 S., 17,99 Euro
Anders gesagt: Unsere Medizin ist eine Kämpferin, die verlernt hat, mit Niederlagen umzugehen.
Maio Nein, das ist nicht der Punkt. Unsere Medizin ist eine Macherin, die glaubt, man könne nur mit Medikamenten und Technik helfen. Stattdessen kann sie mit Begleiten und Verständnis mehr helfen als sie glaubt. Aber das Machbarkeitsorientierte liegt am modernen Menschen an sich: Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir uns stark unter Druck setzen lassen durch kollektive Erwartungen. In der wir uns nicht zufriedengeben können mit dem, was ist, sondern meinen, alles immer perfekter machen zu müssen. Wir sollen ständig an uns arbeiten, um im Wettbewerb bestehen zu können. Dadurch verlernen wir, wir selbst zu sein.
Die Freiheit zu wählen ist in Ihren Augen also eher ein Zwang, wählen zu müssen. Zum Beispiel zwischen der Kinderlosigkeit und den technischen Möglichkeiten der modernen Reproduktionsmedizin.
Maio Die Reproduktionsmedizin ist kein gutes Beispiel. Niemand möchte die ungewollte Kinderlosigkeit wählen. Es geht vielmehr darum, wie lange man allein auf Technik setzen darf. Wir empfinden die technischen Möglichkeiten, die uns die Medizin anbietet, immer erst als Befreiung, sie werden uns ja auch so verkauft. Dabei verkennen wir, dass jede technische Erneuerung nicht nur Freiheit beschert, sondern auch so etwas wie eine Aufforderung, sie in Anspruch zu nehmen.
Sie schreiben: Technische Neuerungen entwickeln einen Sog.
Maio Ja, und sich dem zu entziehen wird schwer, wenn man kein Verlierer sein will. Je mehr wir meinen, die ungewollte Kinderlosigkeit allein durch technische Neuerungen lösen zu wollen, desto mehr glauben Paare, dass es nur an ihnen liegt, wenn sie trotz Technik noch kinderlos sind. Das ist ein Problem.
Ich kann mir vorstellen, dass manche Paare mit unerfülltem Kinderwunsch sich von solchen Grundsatzdebatten angewidert abwenden – weil sie einfach froh sind, dass es die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin gibt.
Maio Ja, wir können froh sein, dass es diese Möglichkeiten gibt, aber sie werden nur dann ein Segen sein, wenn wir auch die Grenzen des Machbaren vor Augen haben. Mir geht es darum, dass diese Paare nicht in die Falle der Machbarkeit tappen und in dem Glauben zum Reproduktionsmediziner gehen, dass mit der Technik ihr Problem in jedem Fall gelöst sein wird. Viele versuchen es ein halbes Dutzend Mal und schaffen es nicht, davon loszukommen. Ich kritisiere eine Medizin, die versäumt, die technische Lösung nur als einen Weg zu betrachten, zu dem es immer auch einen Plan B gibt.
Sie reden vom „Unverfügbaren“, vom „Geschenk“, von „Dankbarkeit“ – alles Begriffe für etwas, das wir nicht beeinflussen können. Warum klingen diese Worte in der Medizin heute so fremd?
Maio Die moderne Medizin versteht sich als angewandte Naturwissenschaft. Sie setzt auf die Technik und dadurch automatisch auf das Machbare. Deshalb sind Begriffe wie „Annehmen lernen“ fremd, weil die Medizin immer im Modus des Verändernwollens agiert. Mein Buch ist ein Appell, nicht sofort auf diese Veränderbarkeit zu schielen, sondern die Welt zunächst einmal so anzuerkennen, wie sie ist. Und dann besonnen darauf zu reagieren.
Sie kritisieren den „Imperativ des Gelingens“, der unserem Handeln zugrunde liegt. Aber was wäre das Gegenteil – eine Aufforderung zum Scheitern?
Maio Das Problem ist ja nicht, dass wir uns ein Gelingen erhoffen. Das ist urmenschlich. Das Problem ist unser gebrochenes Verhältnis zum hilfsbedürftigen Leben. Im Grunde glauben wir, dass ein gutes Leben nur möglich ist, wenn wir gesund und leistungsfähig sind. Wenn wir konfrontiert werden mit dem Nicht-Ausgesuchten, der Krankheit, dem Behindertsein – je mehr wir dann in der Glorifizierung der Leistungsfähigkeit verharren, desto mehr entwerten wir das gebrochene Leben. Es geht um das Bild des Menschen, das wir verinnerlicht haben. Wir leben heute mit dem Bild, dass der Mensch souverän ist und über allem steht. Diese Vorstellung stelle ich in Frage und mache deutlich, dass Angewiesensein zum Menschsein dazugehört.
Andererseits liegt es aber auch nahe, Gesundheit mit Leistung zu verknüpfen: Je mehr wir über die Entstehung von Krankheiten wissen, desto klarer wird, wie sehr wir selbst mit unserem Lebensstil dazu beitragen, krank zu werden.
Maio Gesundheit ist auch Leistung, aber eben nicht nur. Wir glauben, jeder Mensch sei Unternehmer seiner selbst. Und wenn er krank wird, hat er falsch investiert, hat die Vorsorgeuntersuchungen nicht gemacht, sich nicht gesundheitsbewusst verhalten. Wir suchen dann nach einem Schuldigen – und das finde ich nicht richtig. Der hilfsbedürftige Mensch muss darauf vertrauen können, dass man ihm hilft, wenn er krank geworden ist. Den Hilfsbedürftigen zum Schuldigen zu erklären, halte ich für unbarmherzig und auch für logisch nicht korrekt. Das Krankwerden kann nicht allein als Resultat eigenen Handelns angesehen werden; in den allermeisten Fällen sind die Faktoren eben sehr vielschichtig. Und Gesundheit ist nicht nur das Resultat eigener Anstrengungen, sondern auch ein Geschenk in der Weise, dass wir sie nicht einfach machen können.
Was schlagen Sie vor – keine Präventionsprogramme mehr?
Maio Präventionsprogramme sind gut, wenn es um positive Anreize geht, nicht um Bestrafung des Krankgewordenen. Wir müssen anerkennen, dass das Krankwerden oft eher mit den strukturellen und sozialen Verhältnissen zu tun hat als mit dem guten Willen. Armut und soziale Randständigkeit sind Risikofaktoren für das Krankwerden. Zu sagen, der Einzelne ist schuld, greift vielfach zu kurz.
Haben Sie ein Beispiel?
Maio Denken Sie an Menschen mit krankhafter Fettleibigkeit. Da sagen viele sofort: Die sind selbst schuld. Aber das ist falsch. Viele Menschen mit Adipositas leben in sozialen Verhältnissen, die Gewohnheiten mitbringen, für die man sich nicht bewusst entscheidet. Man muss ihnen helfen, aus diesen Verhältnissen herauszukommen. Durch Sätze wie „Selbst schuld!“ werden sie nicht motiviert, sondern deprimiert und weiter an den Rand gedrängt.
Fürchten Sie nicht, dass Ihr Ruf nach Besonnenheit ein frommer Wunsch bleibt? Die Hoffnung auf Machbarkeit ist doch das, was die Medizin heute antreibt. Jede klinische Studie zielt darauf ab, eine Wirkung zu belegen. Besonnenheit dagegen treibt kaum jemanden um.
Maio Ich wäre kein Ethiker, wenn ich nicht die Vision hätte, dass die Medizin sich wieder als eine menschenfreundliche, weise Ratgeberin sieht. Einen weisen Ratschlag geben – so verstehe ich Medizin. Ich erlebe viele Medizinstudenten in meinen Vorlesungen, die genau das anstreben. Es gibt keinen, der sagt: Ich möchte später möglichst viel Technik anwenden. Alle sagen, sie wollen Menschen helfen. Wir müssten diese jungen Menschen eigentlich in ihrer gesunden Einstellung festigen. Stattdessen werden sie durch das Studium desozialisiert. Sie werden weggeführt von der Intuition, dass ein Arzt nicht nur Handwerk braucht, sondern auch Zuwendung. Ich erlebe viele Ärzte, die traurig sind, dass sie so eine Medizin nicht machen können: weil etwa das Gespräch nicht bezahlt wird, sondern nur die Intervention. Deswegen ist mein Buch auch ein Appell an die Ärzte: Besinnt euch auf eure Kunst. Und kämpft für sie.
