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Herzgesundheit„Frauen kochen noch Mittagessen, während Männer schon den Rettungswagen gerufen hätten“

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ARCHIV - ILLUSTRATION - Eine Frauenhand mit rot lackierten Fingernägeln berührt am 03.03.2014 in Berlin ein Herz, das auf eine Mauer gesprüht wurde. Foto: Inga Kjer/dpa (zu dpa "Herzinfarkt ist nicht nur Männersache - Das Frauenherz tickt anders") +++(c) dpa - Bildfunk+++

ARCHIV - ILLUSTRATION - Eine Frauenhand mit rot lackierten Fingernägeln berührt am 03.03.2014 in Berlin ein Herz, das auf eine Mauer gesprüht wurde. Foto: Inga Kjer/dpa (zu dpa 'Herzinfarkt ist nicht nur Männersache - Das Frauenherz tickt anders') +++(c) dpa - Bildfunk+++

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache - auch bei Frauen. Welche Warnsignale Frauen kennen müssen und warum fünf Werte über Leben und Tod entscheiden können, erklärt eine Kölner Kardiologin. 

Sie beschäftigen sich als Kardiologin mit der Prävention und Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Herzgesundheit von Frauen, insbesondere in den Wechseljahren, rückt in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus.  Interessiert Sie das schon immer, oder gab es einen Aha-Moment in Ihrem Leben?

Sabine Schäfer-Wiedenmann: Zu Beginn meiner Berufslaufbahn wurden die Themen „Frauengesundheit“ und „Menopause“ relativ wenig beachtet. Auch im Studium wurde hierzu nicht viel gelehrt. Über die vielen Jahre in der Praxis und im täglichen Austausch mit PatientInnen wurde mir immer klarer, wie stark die Frauengesundheit in der Forschung vernachlässigt wurde, obwohl Herz-Kreislauferkrankungen bei Frauen die häufigste Todesursache sind. Das ist sehr bedauerlich, denn durch gute, konsequente Prävention könnte ein Großteil dieser Todesfälle vermieden werden.

Wenn Sie Prävention sagen, dann meinen Sie damit auch den persönlichen Lebensstil. Was müssen Frauen denn tun, wenn Sie Richtung Wechseljahre steuern?

Fünf Dinge sollte man im Blick haben: Cholesterin, Blutzucker, Blutdruck, Gewicht und Nikotin. Die ersten drei Werte lassen Sie beim Hausarzt bestimmen. Bezüglich des Gewichts hilft eine pflanzenbasierte Ernährung mit vielen Ballaststoffen, also Gemüse und Salat, plus Proteine. Meine besten Freunde sind deshalb Skyr und Hüttenkäse.

Sabine Schäfer-Wiedenmann

Sabine Schäfer-Wiedenmann ist Kardiologin und beschäftigt sich vor allem mit der Prävention. Besonders bei Frauen in den Wechseljahren sei hier noch mehr Aufklärung nötig.

Muss ich in den Wechseljahren strenger mit mir selbst werden?

So würde ich das nicht nennen. Aber Sie müssen mehr auf sich achten. Denn mit den Wechseljahren verlieren wir Frauen das Hormon Östrogen, das unsere Gefäße in jungen Jahren elastisch hält und unser Herz vor Ablagerungen schützt. Wenn wir in die Wechseljahre kommen, schließen wir beim Risiko zu den Männern auf. Die haben schon etwa zehn Jahre vorher mit erhöhtem Cholesterin, erhöhtem Blutdruck und zu hohem Blutzucker zu tun. Die Folge: Verengung der Herzkranzgefäße, im schlimmsten Fall Herzinfarkt, Schlaganfall.

Was raten Sie Raucherinnen? Wenn sie das Nikotin weglassen, nehmen sie gegebenenfalls Gewicht zu. Ist der Rauchstopp trotzdem eine gute Idee?

Auf jeden Fall! Nikotin geht wirklich gar nicht. Ich hatte erst zuletzt eine Patientin, die es geschafft hat, mit dem Rauchen aufzuhören. Dafür hat sie fünf Kilogramm zugenommen, das hat sie natürlich genervt. Aber unterm Strich ist das trotzdem tausendmal besser. Ein Rauchstopp senkt das kardiovaskuläre Risiko dramatisch, nämlich 50 Prozent nach einem Jahr. Wenn man sich dann von der Rauchentwöhnung erholt hat, kann man mit mehr Bewegung und einer guten Ernährung auch das Gewicht wieder angehen.

Was ist mit dem Cholesterin? Sollte man in den Wechseljahren keine Eier mehr essen?

Eier kann man ruhig in Maßen essen. Cholesterin ist erstmal eine lebensnotwendige Substanz und essenziell für das Gehirn, den Zellaufbau und die Hormonproduktion. Erst ein Überschuss von dem sogenannten schlechten LDL-Cholesterin führt zu Gefäßablagerungen, sodass wir eine Atherosklerose riskieren. Über die Ernährung ist das nur in begrenztem Maße beeinflussbar. Man schafft vielleicht zehn bis zwanzig Prozent, leider steigt aber der Wert in den Wechseljahren um bis zu 30 Prozent. Deshalb muss man bei erhöhten Werten auch Medikamente in Erwägung ziehen.

Gibt es typische Symptome von Herzproblemen in den Wechseljahren, die falsch gedeutet werden, weil sie sich von denen der Männer unterscheiden?

Genau das ist ein häufiges Problem. Wir haben alle dieses landläufige Bild des Mannes im Kopf, der sich an die Brust fasst und über starke Schmerzen auf der linken Seite klagt, die in den Arm oder in den Kiefer ausstrahlen. Bei Frauen kann sich ein Herzinfarkt anders äußern, atypisch sagt man häufig, so will ich das aber gar nicht nennen, schließlich machen Frauen die Hälfte der Bevölkerung aus. Sie klagen eher über Erschöpfung, Übelkeit, Oberbauchschmerzen, häufig auch Kurzatmigkeit.

Besteht die Gefahr, dass diese Symptome dann weniger ernst genommen werden?

So ist es. Frauen nehmen das oft selbst nicht ernst. Sie stecken in vielen Fällen in der Doppelbelastung zwischen Beruf und Familie und kümmern sich in der Regel erstmal um andere. Da passiert es dann häufig, dass trotz Schmerzen und Kurzatmigkeit Mittagessen gekocht wird, weil das Kind halt gleich von der Schule kommt, während ein Mann schon den Rettungswagen gerufen hätte. Es gibt Studien, die belegen, dass Frauen in der Notaufnahme länger warten müssen, weniger ernst genommen werden und weniger Schmerzmittel bekommen. Am Ende führt all das dazu, dass auch ein drohender Herzinfarkt bei Frauen später erkannt wird und deshalb auch die Überlebensraten schlechter sind.

Frauen sind auch in Studien lange vernachlässigt worden. Ändert sich da etwas?

Es gibt eine historische Forschungslücke, die sogenannte Gender Data Gap. Bis in die 90er Jahren wurden Frauen aus Studien ausgeschlossen, da Schwangerschaft und Zyklusschwankungen als verkomplizierend galten. Seit circa zehn bis fünfzehn Jahren gibt es mehr geschlechtsspezifische Studien, beispielsweise auch in der Kardiologie. Unsere Bundesgesundheitsministerin Nina Warken hat kürzlich einen Fonds dazu initiiert. Das ist auch dringend nötig. Denken Sie an die Dosierung von Medikamenten. Einem Kind mit 25 Kilogramm würden Sie nie die gleiche Dosierung verordnen wie einem Erwachsenen, der 40 Kilogramm mehr wiegt. Aber für eine Frau mit 60 Kilogramm gilt die gleiche Dosierung wie für einen Mann mit 120 Kilogramm. Das ist verrückt. Eigentlich schwer vorstellbar, dass wir bei einem so wichtigen Thema in der Forschung noch nicht weiter sind.

Wenn der Östrogenmangel das Problem ist, würde dann eine Hormonersatztherapie helfen?

Die Hormonersatztherapie kann kardiovaskuläre Risikofaktoren, wie zum Beispiel LDL-Cholesterin, den Blutdruck und den Blutzucker positiv beeinflussen. Auch schlechter Schlaf wird zum Beispiel durch die Gabe von Progesteron verbessert, was kardioprotektiv wirkt. Aber eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung ist unerlässlich. Denn natürlich kann eine Hormonersatztherapie auch das Brustkrebsrisiko leicht erhöhen und sogar das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko steigern, wenn bereits Vorerkrankungen bestehen und nicht sorgfältig evidenzbasiert abgewogen wird.

Wenn Sie Politikerin wären und eine Reform durchsetzen könnten - welche wäre das?

Unbedingt mehr in die Aufklärung über Prävention zu investieren. Dazu gehört an erster Stelle Bewegung und Ernährung in den Vordergrund zu stellen. Jeder sollte die von der WHO empfohlene Zahl von 150 Minuten Bewegung pro Woche in Form von moderater Aktivität kennen. Zudem sollte die schädigende Wirkung von Tabak und Zucker mehr thematisiert werden. Ich habe zuletzt am Flughafen eine große Werbung gesehen für ein Paket von „Cola + eine Tüte Chips + einen Schokoladenriegel“. So etwas ärgert mich. Das ist doch unverantwortlich. Der Staat sollte uns mehr vor dieser Verharmlosung schützen. Einer meiner Patienten sagte mir zuletzt: Ich esse jeden Abend eine Tafel Schokolade. Das Problembewusstsein hatte bei ihm noch gar nicht eingesetzt. Die Menschen sollten verstehen, dass gesunde pflanzenbasierte Ernährung, ausreichende Bewegung und guter Schlaf ihre Priorität Nummer eins sein sollten. Damit würden wir die Herz-Kreislauf-Prävention einen riesigen Schritt voranbringen.


Sabine Schäfer-Wiedenmann ist Kardiologin mit eigener Praxis in Köln. Sie widmet sich vor allem der Prävention und dem Thema Herzgesundheit in den Wechseljahren.